19. Mai 2016

Wenn eine Ateliergemeinschaft aus dem Ruhrgebiet nach Offenbach zieht, ist es, als könnte man bei kreativen Prozessen zusehen. Ab Freitag läuft die Ausstellung "X auf Ypsilon, Framed" im Zollamt in Offenbach.

Von Philipp Hindahl

Meistens ist es so: Man geht in ein Museum, in eine Galerie oder in einen Offspace, und dort gibt es Kunst zu sehen. Besonders Interessierte gehen zu den Rundgängen der Kunsthochschulen. Dann können sie mutmaßen, wo die Ideen herkommen. Aus dem Internet? Aus dem Ästhetikseminar? Dass Kunstwerke nicht einfach so passieren, und dass das Atelier dabei eine besondere Rolle spielt, will die Schau “X auf Ypsilon, Framed” im Offenbacher Zollamt zeigen.

Die Ausstellung ist ein Gastspiel von sechs jungen Künstlerinnen und Künstlern. Die teilen sich ein Atelier, und alle sechs kommen aus dem Ruhrgebiet. Die meisten denken bei der Region wahrscheinlich an verfallene Industrieromantik, an die Fußgängerzonen deutscher Mittelgroßstädte, vielleicht noch an Christoph Schlingensief. Dabei vergisst man leicht, dass moderne Kunst dort eine lange Tradition hat.

Der Masterplan für ästhetische Erneuerung

Das Folkwang Museum in Essen ist eins der ältesten und wichtigsten Ausstellungshäuser für Moderne Kunst in Deutschland. Gegründet wurde es 1902 vom Kunstmäzen Karl Ernst Osthaus. Der Mäzen glaubte damals, den Masterplan für soziale und ästhetische Erneuerung zu haben. Seitdem haben sich ein paar Dinge verändert.

Sven Dirkmann, “My Dreams are My Reality”, 2015

Statt der Mäzene gibt es heute eine Kunstszene außerhalb der Institutionen: Offspaces und Projekträume. Da steckt sehr viel DIY-Kultur drin, erklärt Sven Dirkmann, einer der ausstellenden Künstler. Wer Offenbach kennt, weiß, dass es in der Stadt am Main ganz ähnlich aussieht. Was an Strukturen fehlt, wird mit Erfindergeist wieder aufgewogen. Nicht, dass es hier an Förderung für junge Künstler mangeln würde. Aber es spielt sich eben auch viel in den Nischen, Off-Spaces und zwischengenutzten Räumen ab. Das Offenbacher Zollamt ist ein solcher Ort für Experimente, von Heiner Blum von der Hochschule für Gestaltung vor einigen Jahren für junge Künstler nutzbar gemacht.

Das unheimliche Nachleben der Fotografie

Die jungen Künstler aus dem Ruhrgebiet werden nicht nur durch Offenbachs rauen Charme angezogen. Die Verbindung Ruhrgebiet – Rhein/Main kam durch Josephine Scheuer zustande, die Kurse an der Hochschule für Gestaltung besuchte und schließlich von Lehrenden gefragt wurde, ob sie nicht in Offenbach ausstellen möchte. Also zeigt sie ihre Arbeiten mit fünf weiteren Künstlerinnen und Künstlern vom Fachbereich Gestaltung der Folkwang UdK im Zollamt.

Wer bei “X auf Ypsilon, Framed” allerdings eine streng konzipierte Ausstellung erwartet, liegt falsch. Denn: “Arbeiten, die im Atelier zu sehen sind, sind meist noch im Prozess.” Und um diesen Prozess geht es hier. Dass die meisten der Arbeiten mit Fotografie zu tun haben, sieht man ihnen nicht unbedingt an. Aber viele beschäftigen sich mit dem unheimlichen Nachleben der Fotografie – zum Beispiel Veit Hüters “RGB” – oder der Stillstellung des Fernsehbildes.

Josephine Scheuer, “Fundstücke”, Work in Progress
Veit Hüter, “RGB”, 2016

Wahrscheinlich schaut eh niemand mehr Fernsehen. Außer Sarah Blümel, die Fernsehbilder zum Ausgangspunkt ihrer Arbeit benutzt. Dort sieht man dann die trivialen Bilder, die über den Bildschirm flimmern, Menschen, Autos und eben jene Fußgängerzonentristesse. Dabei interessiert Blümel der Übergang vom Bewegtbild zum statischen Bild. Dabei passiert etwas: Die Bilder erinnern nicht mehr so sehr an ihre Herkunft, sondern an Filmstills aus Nouvelle Vague-Filmen. Bleiben aber fremd, vielleicht daher der Titel “This is a story, but not mine”.

Die Frage nach gutem Leben und schlechtem Design

“Orange” von Saskia Fischer ist ein Video über das Wegsehen. Was tun, wenn alles sichtbar ist? Sie montiert vorgefundenes Material aus Daesh-Propagandavideos mit arabischen Popsongs aus den 1960er-Jahren. Aber eben so, dass die Gräueltaten die sonst in HD und in allen Details sichtbar sind, aus dem Blick geraten. Einzig der Titel der Arbeit verweist noch auf die im vergangenen Sommer zu trauriger Berühmtheit gelangten Enthauptungsvideos: Orange ist die Farbe, die die Gefangenen des Islamischen Staates tragen.

Sarah Blümel, “This is a story, but not mine”, 2015
Saskia Fischer, “Orange”, 2015

Maximilian Schneiders Arbeit “Rather than making a chair to sleep in or a machine to live in, it is better to make a bed” ist auch eine unabgeschlossene Arbeit. Als würde jemand eine Wohnung beschreiben, der noch nie eine Wohnung gesehen hat: So oder so ähnlich lässt sich die Installation zusammenfassen. Und es sieht fast so aus, als hätte Maximilian Schneider für seine Installation diese Wohnung nachgebaut. Aber die Arbeit stellt weitreichende Fragen nach dem guten Leben und schlechtem Design, oder umgekehrt. Oder, in Schneiders Worten: “Ich muss zwanghaft an Donald Judd in Air Max 98 vor einer Plexiglasscheibe denken."

Maximilian Schneider, “Rather than making a chair to sleep in or a machine to live in, it is better to make a bed”, Work in Progress