02. Oktober 2015

Rebecca Wilton und Florian Albrecht-Schoeck zeigen Fotos von Orten im Übergangsstadium.

Von Markus Wölfelschneider

„Hier unten kann man vermutlich sogar eine Zombie-Apokalypse überleben“, scherzt der Fotograf Florian Albrecht-Schoeck. Tatsächlich erinnern die fensterlosen Kellerräume, die zur Galerie der Darmstädter Schader-Stiftung gehören, ein bisschen an einen sehr stilvollen und eleganten Bunker.

An den museumsweißen Wänden lehnen quadratische Bilder. Die größten messen 1,50 mal 1,50 Meter und mussten im Hof vor Albrecht-Schoecks Offenbacher Atelier gerahmt werden. Über die enge Wendeltreppe hätten sie es sonst nämlich nicht wieder aus dem Gebäude heraus geschafft. In Darmstadt wartet der 35-jährige Absolvent der HfG-Offenbach nun auf das Eintreffen einer Laser-Wasserwage. Er braucht sie, um die von ihm bevorzugte sogenannte ‚Petersburger Hängung‘ durchzuführen, die nur auf den ersten Blick leicht chaotisch wirkt. Er erzählt, wie er vor einigen Monaten auf einem turbulenten Rückflug von Krakau die Anordnung der Bilder auf seinem Laptop ausgeklügelt hat, um sich auf diese Weise von seiner Flugangst abzulenken.

Albrecht-Schoeck ist viel unterwegs. Die meisten Fotos, die er ab 15. Oktober im Rahmen der Ausstellung „Transit: Orte“ zeigt, sind Teil der Serien „Heimat“ und „After Aftermath“ und entstanden auf Reisen durch Deutschland, Lettland, Polen oder Italien. Stets fotografiert er mit einer analogen Hasselblad-Kamera und in Schwarz-Weiß. „Die Schwarz-Weiß-Ästhetik sorgt für eine gewisse Abstraktion und vermittelt Ruhe. Außerdem stehen auf den Chemikalien, die man zum Entwickeln braucht, deutlich weniger Krebswarnungen als bei Farbfilmen“, sagt Albrecht Schoeck und lacht. Seine Negative entwickelt er oft gleich vor Ort – im Hotelzimmer oder im Schlafsack.

Florian Albrecht-Schoeck, Copyright the artist

Die rund 50 für die Ausstellung ausgewählten Fotos passen prima zum Thema „Transit“. Nicht nur, weil sie auf der Durchreise aufgenommen wurden. Sondern auch, weil die abgelichteten Orte, etwa abgerockte Häuserzeilen, Parkplätze oder Autobahnbrücken, sich nicht selten in einer Art Übergangszustand oder Umfunktionierung befinden. Oft handelt es sich um Plätze, die das Stigma des „Unorts“ tragen. Eines der Bilder zeigt einen Strandabschnitt an der Ostsee, wo sich früher ein Hochsicherheitstrakt der russischen Marine befand. Heute steht an der Stelle ein Pavillon, der mit kitschigen Plastikpalmen eingerichtet wurde und nach Billig-Tourismus aussieht. Bastmatten versperren den Blick auf das Meer.

„Natürlich kann man sich meine Bilder auch über das Sofa hängen und einfach nur schön finden“, sagt Albrecht-Schoek. Ästhetischer Kunstgenuss ist ihm allerdings nicht genug. Er hat einen politischen Anspruch. In seinen Fotos lassen sich gesellschaftliche Realitäten ablesen. Auch deshalb passen sie so gut in die Galerie der Schader-Stiftung, die mit Ausstellungen wie dieser den Dialog zwischen Sozialwissenschaften und Kunst fördern will.

Florian Albrecht-Schoeck, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015

Einen Tag nach dem Gespräch mit Florian Albrecht-Schoeck treffen wir am gleichen Ort die Fotografin Rebecca Wilton. Eine halbe Stunde zuvor ist sie mit dem Zug aus ihrer Heimatstadt Berlin angereist. Auf einem ihrer großformatigen Fotos, die ebenfalls Teil der Ausstellung „Transit: Orte“ sind, sieht man die Künstlerin in seltsam steifer Pose samt Koffer auf dem Bahnsteig des „Bayrischen Bahnhofs“ in Leipzig stehen. Im Gleisbett und zwischen den Pflastersteinen des Bahnsteigs wuchern Pflanzen hervor. Es scheint, als wolle die Natur mit aller Macht den Beton verdrängen, den Raum zurückerobern. Rebecca Wilton ist erst auf den zweiten oder dritten Blick im Bild zu entdecken. In Wahrheit war der Bahnhof zum Zeitpunkt der Aufnahme längst stillgelegt. „Der Mensch auf meinen Fotos verweist auf die Funktion, die der Ort früher einmal hatte, als er noch belebt war“, sagt Wilton.

„In meiner Arbeit geht es um Architektur als Träger von Erinnerung und gesellschaftlicher Veränderung“, erklärt sie. „In der Regel begreift man Architektur als etwas Feststehendes und Präsentes. Und nicht als etwas, dass eben noch da und dann wieder weg ist. Mich hingegen interessiert der flüchtige Moment, den Architektur eben auch haben kann“.

Ende der Neunzigerjahre zog Rebecca Wilton von Berlin nach Leipzig, um an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Fotografie zu studieren. Die oft im Verfall begriffenen Gebäude oder Landschaften, die auf ihrer Bildserie zu sehen sind, entdeckte sie in der dortigen Umgebung. Ihr erstes Motiv fand sie nur hundert Meter von ihrer Leipziger Wohnung entfernt: Im Stadionbad stellte sie sich im Badeanzug auf den Zehn-Meter-Turm – und tat gut daran, nicht herunterzuspringen. Im Becken war kaum Wasser – und auch sonst war das Schwimmbad in einem ziemlich desolaten Zustand. Dass Wilton auch auf diesem Bild wie erstarrt wirkt, hat vermutlich nichts mit Höhenangst zu tun: „Ein Foto ist ein eingefrorener Moment. Meine steife Pose unterstreicht diese Tatsache“, sagt Wilton.

Rebecca Wilton, Sprungturm, 2001
Rebecca Wilton, Foto: Schirn Kunsthalle Frankfurt 2015

Sie zeigt insgesamt neun Fotos, auf denen die Fotografin in menschenleeren Kaufhäusern, Restaurants, vor morbide wirkenden Landschaften und zerfallenen Häusern posiert. „Der Betrachter weiß nicht genau, ob diese Orte ihre ursprüngliche Funktion wieder aufnehmen oder endgültig abgeschafft werden“, sagt Wilton. Die Motive scheinen sich dadurch in einem eigenartig unbestimmten Schwebezustand zu befinden. Was eine weitere Serie betrifft, die aus fünf Fotos von heruntergekommenen Tankstellen in Sachsen und Brandenburg betrifft, verrät uns Wilton: „Inzwischen kriegt man dort kein Benzin mehr. In einigen von ihnen haben sich längst Imbissbuden eingerichtet.“