19. April 2017

Tobias Donat verknüpft in seiner Ausstellung “oneworld” bei PPC industrielle Produktionsmechanismen mit Fragen der Identität und Globalisierung.

Von Carina Bukuts

“Attention please. This is the final call for British Airways flight 945 to Los Angeles. Departing passengers should proceed immediately to gate 23.” Aus blechernen Lausprechern ertönen Sätze wie diese an Flughäfen auf der ganzen Welt. Es sind letzte Aufrufe zum Boarding oder Sicherheitshinweise, denen die Flughafengäste mal mehr und mal weniger Aufmerksamkeit schenken. Doch es sind eben auch konkrete Aufrufe zum Handeln.

Ein Flughafen ist der Inbegriff von Globalisierung und Transit. Dort fliegen Familien in den All-Inclusive Urlaub, Geschäftsreisende sind auf dem Weg nach Tokio und Waren werden umgeschlagen. Doch Flughäfen sind gleichermaßen auch Orte der Exklusion, wie es der Künstler Tobias Donat beobachtet. In seiner Ausstellung „oneworld“ in der Frankfurter Galerie Philipp Pflug Contemporary materialisieren sich seine Beobachtungen.

Geopolitische Dimensionen

Bereits von außen erkennt man durch die Glasfront Leuchtkästen, die an der Decke des Raumes angebracht sind. Es handelt sich um Leitsysteme mit vertrauten Beschriftungen wie „Baggage Claim“ oder „Restrooms“ und entsprechenden wegweisenden Pfeilen. Aber an den beiden Kästen mit den Titeln „Arrival“ und „Departure“ finden sich auch Bezeichnungen mit geopolitischer Dimension, wie „All Passports“ und „EU Citizens“.

Tobias Donat, ARRIVAL, DEPARTURE, 2017

Sie gehören zu jenen Beschilderungen, die uns daran erinnern, dass wir Teil einer Gemeinschaft sind. Wenn auch einer, die aktuell durch Ereignisse wie den Brexit im Zerbröckeln inbegriffen scheint. Die Titel der Arbeiten wirken wie Metaphern für das Changieren zwischen den Gefühlen, gerade an einem Ort angekommen zu sein und ihn bald wieder verlassen zu müssen. Gleichzeitig stellt sich die Frage, was es heißt auf dem Papier zu dem Konstrukt Europäische Union zu gehören, sich jedoch nicht als ein Teil von ihr zu fühlen.

Eine Welt der Exklusivität

In diese Überlegungen reiht sich auch die von Donat 2016 entwickelte Arbeit „Identity Matters“. Auf einer eigens dafür angelegten Website verändert sich in Endlosschleife die Animation einer EU-Flagge. Neben der vertrauten Version des Kreises aus zwölf Goldsternen reihen sich neue Variationen der Flagge an. Angepasst an die stetig wachsenden Herausforderungen, denen die EU sich stellen muss, funktionieren die „New Flags for Europe“ von Tobias Donat als ein fluides Symbol der EU, welches sich im gleichen Maße wie die Institution immer wieder neu definieren muss.

Tobias Donat, Neues Europa, 2015, Image via ppcontemporary.com

Die Ausstellung in der Frankfurter Galerie greift aber über Europa hinaus: titelgebend für die Schau ist die weltweit führende Luftfahrtallianz „oneworld“, bestehend aus 16 internationalen Fluggesellschaften. Doch was bedeutet diese vermeintliche „eine Welt", wenn es, während es für uns völlig normal scheint fremde Länder zu bereisen, der Mehrheit der Menschheit verwehrt bleibt?

Drinnen oder draußen?

Diese Diskrepanz zwischen Inklusivität und Exklusivität führt sich vor allem im Obergeschoss der Ausstellung fort. In gleicher Weise wie der Flughafengast zum Handeln angewiesen wird, leiten auch die Schilder Donats zum Entdecken an, indem sie den Besucher mit Pfeilsymbolen anweisen, der Treppe ins Obergeschoss zu folgen. Dort ist der Schriftzug „oneworld“ auf dem Fenster platziert und lenkt den Blick nach draußen. Während der Besucher sich doch im Galerieraum und vermeintlich in der Ausstellung befindet, wird er dennoch von ihr exkludiert, indem er nun spiegelverkehrt auf den Schriftzug blicken muss.

Tobias Donat, ONEWORLD, 2017
Tobias Donat, DEPENDENCIES, 2017

Tobias Donat, der 2014 seinen Abschluss an der Städelschule machte, schafft mit der Ausstellung „oneworld“ eine Vielzahl an Situationen, die erst durch den Betrachter aktiviert werden mussten. Dies gilt für „Suspicious Minds“, eine Fußmatte in Form einer Zielscheibe, die auf dem Boden platziert ist ebenso wie für eine hinter der Treppe verborgene Sitzbank, die einen Flughafen-Wartebereich andeutet.

Insbesondere an dieser Arbeit mit dem Titel „Dependencies“ lässt sich Donats Interesse an industriellen Produktionsmechanismen erkennen, indem er in das Möbel eine Struktur aus Yen(¥)-, Euro(€)- und Dollar($)-Symbolen einarbeiten ließ. Die hier abgebildete kapitalistische Struktur der Landeswährungen bzw. Währungsräume verhindert diese „eine Welt“, denn ihr System gründet auf der Abgrenzung von Wohlstand und Armut, von Ausbeutung und Privilegien. Gleichwohl bildet die Zusammenstellung der Währungssymbole das Wort "YES" – eine neue Währung für eine "vereinte Welt"?

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