29. September 2017

Das Theater Willy Praml in der Naxoshalle erforscht mit zwei Theaterstücken den amerikanischen Traum. Und findet dafür starke Bilder.

Von Katharina Cichosch

Es ist einmal wieder an der Zeit. Jeder hat eine Meinung zu jenem Land, dessen Kür des Präsidenten mit mehr Show und Flitter verfolgt wurde als die bundesdeutsche Bundestagswahl. Doch aus erhöhter Aufmerksamkeit schält sich offenbar auch eine ganz besondere Anspruchshaltung (und enttäuschte Erwartungen können bei weniger gefestigten Personen, man weiß es, schnell in Unmut umschlagen): Nur wenige andere Länder gibt es, denen man ein – Hass hintenan hängen kann. Spanien-Hass zum Beispiel gibt es hierzulande nicht, auch den Australien-Hass oder Afrika-Hass würde man zumindest eben nicht als solchen bezeichnen.

Es ist also an der Zeit für ein kleines bisschen Aufklärung, Verständigungsarbeit. Die Naxos-Halle will sich dieser Aufgabe annehmen: Mit ihrer Reihe „Amerika erklären“, deren programmatischer Titel vielleicht gar völlig ernstgemeint ist. Denn wie kann man überhaupt verstehen, wenn man hasst statt liebt? Und wer könnte die Widersprüche und Verheißungen des amerikanischen Traums als miteinander untrennbar verknüpfte Kategorien besser vermitteln als ein Amerikaner selbst? Mit Edward Albee und Walt Whitman hat man sich zwei Schriftsteller und Dramatiker herausgesucht, die man zudem aktuell kaum noch auf deutschsprachigen Bühnen findet. Und das, obwohl Albees hier gezeigte „Zoogeschichte“ einst ausgerechnet in West-Berlin uraufgeführt wurde.

Eine existenzielle Bedrohung

Edward Franklin Albee, 1928 in Washington geboren, bei fahrenden Vaudeville-Theaterleuten aufgewachsen und erst im Herbst letzten Jahres in Montauk verstorben, ist vielen vor allem durch sein Stück „Wer hat Angst vor Virginia Woolf?“ bekannt, das wiederum nach der Theateraufführung bald von Mike Nichols mit dem grandios rasenden, tobsüchtigen, dem Wahnsinn nur knapp entkommenden Paar Elizabeth Taylor und Richard Burton verfilmt wurde. Ein paar Jahre vor Virginia Woolf und zwei Jahre, bevor er sich mit „The American Dream“ ebenjenem ganz explizit widmete, schrieb Albee 1958 in nur drei Wochen die „Zoogeschichte“. Schon hier zeigte sich der Schriftsteller als Meister menschlicher Abgründe, die sich allein mit den Mitteln der Kommunikation auftun lassen: Die Begegnung zweier ungleicher Männer auf einer Parkbank wird von einem äußerst unguten Gespräch, in dem der eine das Elend des anderen nicht hören will und der andere ihm dies nun mit diebischer Freude erst recht weiter ausführt, zur existenziellen Bedrohung von Leib und Leben.

Theater Willy Praml, Edward Albee. Die Zoogeschichte, Foto: Theater Willy Praml, Frankfurt, 2017

Über die Figuren beider Männer wurde und wird noch immer spekuliert; mal werden homosexuelle Andeutungen betont, mal Zuordnungen und Konflikte sozialer Klassen. Das Ensemble von Willy Praml sah sich an „unvergessliche Männerpaar-Ikonen“ wie Gilbert & Georges oder Pierre & Gilles erinnert. Das Stück jedenfalls fand rasant schnell seinen Weg auf die Bühne; noch bevor es in Amerika aufgeführt wurde, konnte am West-Berliner Schillertheater schon die deutsche Fassung präsentiert werden. Legendär und inzwischen vielzitiert die begeisterte Kritik von Friedrich Luft: „Ein Dreißigjähriger hat aus der Kenntnis von Beckett, Poe und Kafka, Freud und Hollywoods Tiefschlagtechnik ein Stück Schauerdramatik von der superklugen Art gemischt: Todessehnsucht in Blue Jeans, Götterdämmerung aus der Gosse.“

Land der Freien und Gleichen

Einige Generationen früher lebte der große Walt Whitman und schrieb über Amerika. War es dasselbe Amerika, von dem auch Albee erzählt? Natürlich, muss man sagen – wenn man jenes Land als Idee und Versprechen begreift, das über alle Jahrhunderte sich fortschreibt, und ebenso: Natürlich nicht, wenn es ums Konkrete geht. “I hear America singing, the varied carols I hear,“ beginnt Whitmans ikonisches Gedicht “Leaves of grass”, das seinen Glauben an ebenjenes Amerika besingt. Poesie und Demokratie waren für Whitman Ausdruck und Mittel der menschlichen Gabe, aus unterschiedlichen Einzeln mit all ihren Widersprüchen ein großes Gemeinsames zu schaffen – dass Theorie und Praxis bisweilen weit auseinandergingen, war für Whitman Anlass zur Kritik, aber kein Grund, die ursprüngliche Idee von einem Land der Freien und Gleichen zu verwerfen.

Theater Willy Praml, Edward Albee. Die Zoogeschichte, Foto: Theater Willy Praml, Frankfurt, 2017
Theater Willy Praml, Amerika Erklären. Walt Whitman, Foto: Theater Willy Praml, Frankfurt, 2017

In der Naxoshalle werden Walt Whitmans Gedichte zu einem Reigen gestrickt, der bisweilen wie eine Musik-Revue respektive wie ihr ur-amerikanisches Pendant, das Musical, anklingt: Die unendliche Weite wird dort gepriesen, mit ihren Männern, die nach Wald und Meer riechen. Blätter und Bäume sind gleich wie alle Menschen, alle Hautfarben, alle Klassen. Es gibt einen Cowboy und einen Highway, der in die Tiefen der Theaterhalle führt, und die obligatorische Coca Cola-Dose in Menschengröße darf natürlich ebenfalls nicht fehlen. Man taumelt ganz deutsch nicht im Auto, sondern zu Fuß aus der Garderobe über die Bühne: Hollywood gehörte von Anfang an dazu, noch bevor es Hollywood gab, weit bevor die künstlichen Türme und Tore von Babylon 1916 für Griffiths Stummfilm „Intolerance“ erstmals dort errichtet wurden. Die Inszenierung der Inszenierung: Vielleicht gelingt es ja auf diese Weise, zu verstehen. Die Naxoshalle hat sich, im besten Sinne theatralisch, gar noch mehr auf die Fahnen geschrieben: Eine Lyrik wiederzuentdecken, die letztlich und mit vielen Irrungen und Wirrungen „Amerika neu träumt!“

Theater Willy Praml, Amerika Erklären. Walt Whitman, Foto: Theater Willy Praml, Frankfurt, 2017

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