11. Juli 2017

In Mainz hat ein junges Kunstkollektiv eine Ausstellung über das Erzählen von Geschichte und Geschichten in der Stadt verteilt. Highlight ist ein Film von Harun Farocki.

Von Carina Bukuts

„Es war einmal…“ ist die klassische Einleitung eines jeden Märchens. Wer diese Phrase hört oder liest, kann sich bereits darauf einstellen, dass die folgende Erzählung frei erfunden ist und nichts mit der Realität zu tun hat. In Deutschland hat das Märchenerzählen spätestens seit den Brüdern Grimm eine tiefverwurzelte Tradition. Im Dezember letzten Jahres wurde das Märchenerzählen sogar in das sogenannte „Verzeichnis für immaterielle Kultur“ der UNESCO aufgenommen. Im Gegensatz zu den bekannten UNESCO-Welterben, die sich auf materielle Orte beziehen, dient dieses Verzeichnis dazu, gerade die Kulturformen zu schützen, die nicht greifbar oder gegenständlich sind.

DARUM GEHT ES
TellTales Festival, Mainz
Bis 15. Juli 2017
Donnerstag bis Sonntag: 16 - 21 Uhr
Programm: orgaorga.net

Das Kunstfestival „TellTales“ in Mainz verbindet in seinem Programm gleich beide der genannten Kulturformen. Neben Ausstellungen und Performances von Künstlern finden nämlich zahlreiche Vorträge von Theoretikern statt. Die eingeladenen Positionen haben die Organisatorinnen des Festivals mittels eines Open Calls ausfindig gemacht. Hierbei hat das „Orga Orga Kollektiv“, der Motor hinter dem Festival, aus mehr als 120 Einsendungen wählen müssen. Dass sogar Positionen aus den USA oder Israel bei ihnen anklopften, scheint das Mainzer Kollektiv sichtlich zu freuen. Obwohl es vor Ort eine Kunsthochschule gibt, scheint sich in Mainz eine Offspace-Szene, wie sie beispielsweise in Frankfurt vorzufinden ist, nur schwer zu etablieren. Umso wichtiger ist es den Kuratorinnen, mit einem Beitrag zur jungen Kunstszene vor Ort ein Zeichen zu setzen.

Die Entstehungsgeschichte der Erde

Ausgangspunkt für die Veranstaltung „TellTales“ ist die Reflektion über Geschichte. Der Fokus des Festivals liegt vor allem darauf, Vielstimmigkeit aufzuzeigen und den Blick auf Positionen zu lenken, die über den Tellerrand der althergebrachten westeuropäischen Historie schauen. Doch es geht nicht nur um wissenschaftliche Geschichtsschreibung, sondern auch um Erzählungen wie Märchen, Gerüchte oder Überlieferungen.

TellTales Festival, Ofri Lapid, on the surface of text © Orga Orga Kollektiv

Vortrag bei TellTales, Image via orgaorga.net

Das Festival gliedert sich in vier Kapitel (Kiosk, Zäune, Kraftwerk, Pirat*innen), die an vier Orten in Mainz „erzählt“ werden. Als „Kiosk“ betiteln die Organisatorinnen den kleinen Laden der Mainzer Kulturrepublik nahe Schillerplatz. Dort werden Arbeiten gezeigt, die sich mit dem Spannungsfeld zwischen Fakten und Fiktionen auseinandersetzen. Darunter befindet sich unter anderem ein Comic der HfG-Absolventin Nadine Kolodziey, der in drei Teilen die Entstehungsgeschichte der Erde illustriert. Dadurch dass sich die drei Comicteile gänzlich voneinander unterscheiden und sich immer wieder in neue Kombinationen zusammenstellen lassen, lädt Kolodziey zu neuen Lesrichtungen von Geschichte ein. Wie es sich für einen richtigen Kiosk gehört können hier, neben ausgewählten Kunstmagazinen, die Comics von Kolodziey erworben werden.

Arbeitsbedingungen und Machtstrukturen

Nicht weit von diesem Standort befindet sich mit der Kulturei eine weitere Location von „TellTales“. Nahe der Zitadelle, der ehemaligen Verteidigungsanlage von Mainz, werden unter dem Kapitel „Zäune“ unterschiedliche Formen von Barrieren thematisiert. In der Videoarbeit von Edin Bajrić werden etwa die Grenzen der deutschen Bürokratie aufgedeckt. In weniger als zehn Minuten blättert der Künstler durch die Reisepässe seiner Familienmitglieder und erzählt damit die Geschichte einer dreizehnjährigen Flucht von Bosnien nach Deutschland. Die Reisepässe können nicht nur als amtliches Dokument gelesen werden, sondern erscheinen plötzlich wie persönliche Tagebücher der Familie.

TellTales Festival, Nadine Kolodziey, Am Anfang. Die Nacht. Nyx., 2016, Drei DIN A 5-Hefte © Orga Orga Kollektiv
Edin Bajrić, PASSPORT, 2008, Videostill © Edin Bajrić

Ein Highlight des Festivals könnte für viele die Aufführung von Harun Farockis Film „Zum Vergleich“ am 13. Juli sein. Darin dokumentierte Farocki die unterschiedlichen Arbeitsschritte bei der Herstellung eines Ziegelsteins je nach Land, von Handfertigung bis zur Vollautomatisierung. Im Titel des Films schwingt bereits mit, dass Farocki auf einen Kommentar verzichtet und nur Vergleichsmaterialien anbietet. Der Betrachter soll seine eigenen Rückschlüsse treffen, inwieweit Produktionstechniken und Kultur sich gegenseitig bedingen. Gezeigt wird der Film im „Kraftwerk“ des Festivals. In diesem alten Rohrlager finden sich Positionen, die sich mit Arbeitsbedingungen und Machtstrukturen auseinandersetzen.

Die Vielzahl dieser Schauplätze könnte für Überforderung sorgen, doch die Organisatorinnen von „TellTales“ haben sich dafür etwas einfallen lassen: Das Kapitel „Pirat*innen“ beheimatet nämlich nicht nur eine Arbeit der Künstlerin Leonie Licht, sondern ist auch Sammelpunkt für Führungen zu den einzelnen Ausstellungsorten. Und dabei erzählt das „Orga Orga Kollektiv“ wiederum seine ganz eigene Geschichte über das Festival.

Trailer "Zum Vergleich" von Harun Farocki

TellTales unterwegs in Main, Image via orgaorga.net