04. Oktober 2016

Die Kuratorin Viktoria Draganova hat in der bulgarischen Hauptstadt Sofia einen besonderen Ausstellungsort etabliert: „Swimming Pool“. Nun gastiert das Projekt in einem Frankfurter Waschsalon.

Von Eugen El

Es beginnt mit einem leeren Pool über den Dächern von Sofia. 2014 wird er zur Inspiration für Viktoria Draganovas Ausstellungsprojekt „Swimming Pool“. Er gehört zu einer Wohnung mit Terrasse – das Haus wurde 1930 in bester Lage errichtet. Draganova nennt den Pool „eine Fantasielandschaft“. Mehrfach hat sie junge Künstler eingeladen, vor Ort Arbeiten zu produzieren, auf die Räume einzugehen. Ihr Ziel: „Debatten und Themen der internationalen Kunstwelt nach Sofia bringen.“ In Bulgarien, selbst in der Hauptstadt, gebe es wenige Institutionen, Galerien und Ausstellungsräume für zeitgenössische Kunst, sagt Viktoria Draganova. So kann sie mit „Swimming Pool“ eine hybride Stellung zwischen Off-Space und Institution einnehmen.

Max Brand, Installationsansicht "After The Splash", (C) Swimming Pool

Die größeren Teil des Jahres verbringt Viktoria Draganova in Frankfurt, hier wird auch die jüngste Ausstellung der gemeinsam mit Gergana Todorova kuratierten Reihe stattfinden. „The Token“ ist der vierte und letzte Teil des Projekts „States of Flux“. Begonnen hat es Ende August 2016 mit „The Sunniest Beach“, einer zweitägigen Ausstellung in einem bulgarischen Strandhotel. Das Hotel sei „eine pure Version von Kapitalismus“, sagen die Kuratorinnen. Es stehe für Konsum und Exzess. Die zwölf beteiligten Künstler griffen in die Architektur und die alltäglichen Abläufe des Hotels ein. So zierten Stanimir Genovs Gemälde die Wände an der Rezeption. Hanne Lippard las im fahrenden Aufzug Texte.

Rätselhafte Objekte im Pool

Noch bis 16. Oktober zu sehen ist „After the Splash“, der zweite Teil der Ausstellungsreihe. „After the Splash“ findet in der „Swimming Pool“-Zentrale statt – mit bestem Blick auf Sofia und die bergige Umgebung. Der Städelabsolvent Max Brand zeigt im Pool rätselhafte Objekte, die wie Ergebnisse von Zerfall und Schmelze aussehen. Zudem hat er einen Teil der Bodenverkleidung des Pools aufgebrochen und so das Innenleben freigelegt. An Körperformen erinnern die Keramikobjekte der Malerin Anna Zacharoff. Sie ist ebenfalls Absolventin der Städelschule.

Iberostar Sunny Beach Resort, (C) Swimming Pool
Arbeit von Max Brand bei Swimming Pool in Sofia

Insgesamt sechs Künstler sind an „After the Splash“ beteiligt. Einen Tag nach der Ausstellungseröffnung in Sofia folgte „The Sanguine“ – ein Ausflug zu einer heißen Quelle in der Nähe des Bergdorfs Zheleznitsa. „Der Wald, das Wasser, der freundliche Austausch von Gedanken sind Quellen von Freude und Entspannung. [...] In dieser friedvollen Umgebung initiieren wir Formen von Gemeinschaft innerhalb eines (vor-)apokalyptischen Settings“, heißt es in der Ankündigung nicht ohne Ironie.

Sleek, glatt, schmerzfrei

Und nun also Frankfurt. „Es gibt hier nur wenige Orte, die 'Swimming Pool' ähnlich sind“, erläutert Viktoria Draganova. Es gebe in Frankfurt entweder Galerien oder große Institutionen, sagt sie. Die dreitägige Ausstellung findet in einem Waschsalon im Nordend statt – buchstäblich ein Ort der Zirkulation. „Frankfurt ist das Zentrum des spekulativen Finanzkapitalismus“, sagt Draganova. „Hier werden die Fiktionen für die Zukunft geschrieben, die unsere Gegenwart ersetzen“, fährt sie fort. Die Fixierung auf Zukunftsperspektiven hat für sie klare Auswirkungen: „Alles wirkt sleek, glatt, schmerzfrei.“ Eine der Fragen der Ausstellung lautet daher: „Wie können wir die Gegenwart wiedergewinnen in der Welt der glatten Spiegelfassaden?“

Stanimir Genovs Gemälde an der Rezeption des Strandhotels in Bulgarien, Foto: Swimming Pool
Hanne Lippard liest im Aufzug Texte, Foto: Swimming Pool

Für „The Token“ haben die Kuratorinnen drei Positionen nach Frankfurt eingeladen. Der junge kosovarische Künstler Dardan Zhegrova zeigt Puppen mit integrierten Screens, auf denen Videoarbeiten laufen. Voller starker Bilder sind Zhegrovas Filme, seine Texte handeln von Sehnsucht und Verlangen. „Sentimentalität zu entwickeln, etwas unbeholfen zu wirken“ seien seine Ziele. In einem Umfeld von Effizienz und Rationalität kann das subversiv wirken. Graphische Härte prägen die Arbeiten des Leipziger Malers Sebastian Burger. Nur auf den ersten Blick wirken sie harmlos. Anonyme Figuren in Bomber- und Lederjacken laden die Bilder auf. Man assoziiert Gewalt. Zudem wird am Eröffnungsabend „Lucy Lippard“ auftreten – eine 2014 in Berlin gegründete Performance-Band. Die Künstlerinnen Lucinda Dayhew und Hanne Lippard nutzen Schlagzeug, Text, Gesang und Synthesizer, „um aus Lyrik Krach zu machen“. Glatt und schmerzfrei klingt anders.

Dardan Zhegrova. Courtesy: LambdaLambdaLambda, Pristina
Sebastian Burger. Courtesy: Galerie Tobias Naehring