08. Mai 2017

Alle drei Jahre wird am Rheinufer in Bingen die Skulpturen-Triennale gezeigt. Diesmal dabei: Kunststars wie Gregor Hildebrandt, Lois Weinberger und Olaf Metzel.

Von Alexander Jürgs

Neun dunkle Granitplatten wurden auf dem Mauerwerk des alten Binger Zollamts angebracht, gemeinsam bilden sie ein Porträt. Der Dichter Stefan George, der 1868 geborene Sohn eines Binger Weinhändlers, ist darauf zu sehen. Der Berliner Künstler Gregor Hildebrandt, Jahrgang 1974, hat das Wandbild erschaffen. Vorlage für sein Werk ist eine Malerei von Reinhold Lepsius. Vor dem ersten Weltkrieg war er einer der bekanntesten Porträtmaler Berlins – und er war ein Verehrer des Lyrikers, war Teil des sogenannten George-Kreises, zu dem später auch der Hitler-Attentäter Claus von Stauffenberg zählen sollte.

George wirkt streng und in sich gekehrt auf dem Bild, er hat die Hände aufeinander gelegt, sein Blick geht zur Seite. Folgt man diesem Blick, dann entdeckt man auf der gegenüberliegenden Rheinseite das Rüdesheimer Niederwalddenkmal mit der Germania, der deutschen Nationalheiligen. Sehnsüchtig scheint der Dichter, der sich dem Kriegstaumel des Ersten Weltkriegs genauso wie einer Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten verweigerte, der Figur entgegen zu blicken. „Und mir unendlich fern (George)“ hat Hildebrandt sein Werk genannt. Er begreift es vor allem als Verbeugung vor dem Schriftsteller. Es ist die stärkste Arbeit der gerade eröffneten Skulpturen-Triennale in Bingen. 

Alt und Neu

Ihren Ursprung hat die Open-Air-Ausstellung in der Landesgartenschau 2008, für die das Binger Rheinufer aufgemöbelt wurde und für die schöne Promenaden sowie Parkanlagen am Fluss entstanden sind. Seit der zweiten Ausgabe sind die Berliner Kuratoren Lutz Driever und André Odier für die Auswahl der Werke und Künstler verantwortlich. Ihre Schau ist eine Mischung aus Alt und Neu: Gezeigt werden sowohl bereits bestehende Werke renommierter Künstler wie Timm Ulrichs, Olaf Metzel oder Elvira Bach, aber auch Arbeiten von meist jüngeren Künstlern, die direkt für die Triennale entwickelt wurden. Erstmals werden die Kunstwerke nicht nur am Rheinufer, sondern auch in der Binger Innenstadt präsentiert. Das Motto der vierten Ausgabe: „Nah und fern“.

GREGOR HILDEBRANDT, Und mir unendlich fern (George), 2017, Entwurf des Künstlers

Bei diesem Leitgedanken verwundert es nicht, dass viele der Arbeiten sich mit dem Themenfeld Migration und den Flüchtlingsbewegungen auseinandersetzen. In der Binger Basilika entdeckt man einfache Klappboote aus MDF-Platten. Sie sehen aus wie die Papierschiffchen, die Kinder gerne falten, sie scheinen einander durch den Kirchenraum zu folgen. „Ankommen und Ablegen“ hat die Berliner Künstlerin Rebecca Raue ihre Arbeit getauft. Erschaffen wurden die Boote von Flüchtlingen, die selbst mit Hilfe eines Bootes über das Mittelmeer nach Europa gelangt sind. Während sie mit Raue die Boote bauten, haben die Menschen über ihre eigene Flucht gesprochen, über ihre Ängste und Hoffnungen. Raues Arbeit deshalb als eine Mischung aus Kunst, Sozialarbeit und Therapie zu begreifen, ist gewiss nicht verkehrt. 

Unkraut und Tüten

Das Künstlerpaar Awst & Walther hat drei Stelen aus poliertem Edelmetall am Rheinufer platziert. Ihr abgewinkeltes oberes Ende und der klar definierte Abstand zwischen den Stelen sorgen dafür, dass wir sie ganz automatisch als Grenzzäune lesen. „Defence“, also Verteidigung, nennen die Künstler ihr Werk. Ein Symbolbild der Flüchtlingsströme ist auch das Smartphone geworden. Alexander Endrullat hat ein gutes Dutzend abgenutzter Mobiltelefone in Bronze gießen und im Binger Stadtgebiet einbetonieren lassen. Und der Österreicher Lois Weinberger, der auch auf der diesjährigen Documenta ausstellt, hat ein gutes Dutzend der billigen Plastiktaschen mit Karomuster, die man für ein paar Cents in Ramschläden bekommt, mit Erde gefüllt und auf einer grünen Uferwiese platziert. In seinen „transportablen Gärten“ werden in den kommenden Wochen Unkrautpflanzen ihre Wurzeln schlagen. Man kann seine Arbeit so deuten: In der globalisierten Welt braucht es kein Heimatland mehr, um sich heimisch zu fühlen. Wurzeln lassen sich sehr wohl auch in der vermeintlichen Fremde, im Unterwegs-Sein, entwickeln.

REBECCA RAUE, Ankommen und ablegen, 2016, Foto: David von Becker
AWST & WALTHER, Defence, 2016/17, Foto: David von Becker

Leider überzeugen nicht alle Arbeiten in Bingen den Besucher so wie Weinbergers „Portable Garden“ oder Hildebrandts George-Huldigung. Manches droht in den Kitsch abzugleiten oder wirkt allzu gefällig. Etwas mehr irritierende Gegenwartskunst hätte der Ausstellung insgesamt sicher gut getan. Einen Ausflug ins schöne rheinhessische Bingen ist sie aber allemal wert.

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LOIS WEINBERGER, Portable Garden, 1994/2017, Foto: David von Becker