12. Oktober 2016

Im Ausweichquartier gegenüber der Honsellbrücke erzählt die Familie Montez ab 14.10. ihre Geschichte in Bildern. Außerdem gibt es Lesungen und Performances.

Von Markus Woelfelschneider

Mirek Macke und Christoph von Loew sitzen auf einem roten Sofa, an dem wohl auch Loriot seine Freude gehabt hätte. Auch wenn den beiden kein Mops, sondern ein Boxer um die Beine schleicht. Der Hund heißt Gabi und gehört Mirek Macke, dem Leiter des Kunstvereins Familie Montez. Das Sofa bildet zusammen mit einer Topfpflanze die minimalistische Einrichtung einer aus Holzresten einer Gartenhütte und Rigipsplatten gezimmerten Hütte, die der Familie Montez in den kommenden Wochen als Ausweichquartier dient. Ihr eigentliches Domizil, die Räume unter der Frankfurter Honsellbrücke direkt gegenüber, wurden vorübergehend an die Schweizer Großbank UBS vermietet. Während die UBS ab 14. Oktober in den Brückenbögen eine Ausstellung mit Frauenportraits der amerikanischen Starfotografin Annie Leibovitz zeigt, will auch die Familie Montez vom vermutlich sehr großen Publikumsinteresse profitieren.

Motiv anläßlich der Luminale 2014, Foto: Christoph von Loew

„Wahrscheinlich kommen hier in den nächsten Wochen eine Menge internationaler Gäste vorbei. Wir wollen die Chance nutzen, um ihnen die Geschichte unseres Kunstvereins näher zu bringen“, sagt Mirek Macke. „Und das geht am besten mit Hilfe von Bildern“.

Auf einer Himmelsschaukel

Für die Bilder ist der Foto- und Videokünstler Christoph von Loew zuständig. Von 2005 bis 2010 studierte er Fotografie an der Freien Kunstschule in Wiesbaden. In Frankfurt kennt man ihn als einen der beiden Initiatoren des VKunst-Festivals, das jährlich in der Galerienstraße Fahrgasse stattfindet. Außerdem ist er so etwas wie der Hausfotograf der Familie Montez. „Seit dem Sommeratelier 2009 im alten Kunstverein in der Breiten Gasse sind Mirek und ich befreundet“, sagt Christoph von Loew. „Wir wohnten beide nur 50 Meter entfernt und haben uns dort ständig getroffen“. Für die Flyer von rund 40 Ausstellungen des Kunstvereins inszenierte er mit Mirek jeweils rund einstündige Fotoshootings. Manchmal ließ von Loew die Videokamera im Zeitraffermodus mitlaufen und dokumentierte so den Entstehungsprozess.

Motiv anläßlich der Ausstellung "Montez im Exil", 2014, Foto: Christoph von Loew

In ihrem Ausweichquartier, von Mirek Macke und Christoph von Loew ironisch auch „Montez 2“ oder „Das Weiße Haus“ genannt, zeigt die Familie Montez insgesamt 19 der fantastischen Flyer-Motive. Als Vorbote hängt bei unserem Besuch, einige Tage vor Ausstellungseröffnung, ein einzelner Rahmen aus Erlenholz an der Wand. Zu sehen ist folgende groteske Szene: Mirek Macke steht im sommerlichen Hafenpark, der direkt an die Honsellbrücke grenzt, auf einer Himmelsschaukel und schwingt sich in beachtliche Höhen. Er trägt einen schwarzen Anzug mit Zylinder. Neben ihm posieren drei Muskelmänner mit freiem Oberkörper und geben sich betont unbeeindruckt. Applaus für seine Akrobatikeinlage bekommt Mirek auch vom Frankfurter Maler Florian Heinke nicht, der 2014 Kurator der Gruppenausstellung „Im Dschungel“ war. Anlässlich dieser Ausstellung entstand Christoph von Loews Foto. Heinke vergräbt darauf ganz lässig seine Hände in den Hosentaschen. „Die drei Jungs trafen wir beim Fitnesstraining und fragten, ob sie mit auf das Bild wollen“, erinnert sich Mirek Macke. „Seitdem sind wir mit ihnen befreundet.“

Ein Berg blauer Müllsäcke

An der Seite von Künstlern wie Jim Avignon (fotografiert in einem roten Zelt auf der Buchmesse), Wolfgang Winter oder Sven Tadic (die Location für das Shooting war ein Reiterhof bei Höchst) sieht man immer wieder Mirek Macke im schwarzen Anzug und in skurrilen Kulissen. „Den Anzug habe ich mir vor einigen Jahren für 19,95 Euro in der Metro gekauft“, erzählt er. „Für eine Fotosession bin ich mit ihm bis zur Hüfte in den Grünen See bei Mühlheim gestiegen. Die Wasserkante hat ihre Spuren im Stoff hinterlassen“. Auf einem anderen Foto wird Mirek Macke von vier helfenden Händen unter einem gigantischen Berg blauer Müllsäcke hervorgezogen, von dem er erdrückt zu werden droht. „Das Foto habe ich zum Saisonstart 2014 hier drüben geknipst“, sagt Christoph von Loew und deutet auf die gemauerte Fassade des Kunstvereins. „Die Stadt hatte damals einige Wochen lang vergessen, den Abfall abzuholen. Nachdem sich das Foto auf unseren Flyern verbreitete, kam die Müllabfuhr auf einmal ganz schnell“.

Motiv anläßlich der Ausstellung "Im Dschungel" 2014, Foto: Christoph von Loew
Motiv anläßlich der Ausstellung "Verzeichnung der Wirklichkeit" 2009, Foto: Christoph von Loew

Neben der Ausstellung mit Christoph von Loews Bildern wird es im Ausweichquartier des Kunstverein Familie Montez anlässlich der Buchmesse auch Lesungen geben. Außerdem sind Performances geplant. Gäste will man mit Kaffee und Kuchen versorgen. Konkrete Termine kann Mirek Macke zum Zeitpunkt unseres Besuchs aber noch nicht nennen. Die Familie Montez steckt gerade noch ziemlich im Vorbereitungsstress. Ihre Hütte musste mit Hilfe eines Gabelstaplers noch einmal verschoben und auch etwas umgebaut werden, weil sie den Machern der Annie Leibovitz-Ausstellung zunächst im Weg stand. „Das hat uns eine Menge Zeit gekostet“, sagt Mirek Macke.

Vielleicht, auch das ist noch nicht ganz sicher, wird das „Montez 2“ auch als Foto-Box fungieren, in der sich Gäste auf dem roten Sofa fotografieren lassen können. „Wir würden uns natürlich freuen, wenn hier auch Annie Leibovitz mal kurz Platz nimmt“, sagt Mirek. „Das wäre die Krönung“.

Motiv anläßlich der Ausstellung "Meister und Muse" 2010, Foto: Christoph von Loew