17. Mai 2017

Die internationale Gruppenausstellung „Rumors of Glory“ in der basis verhandelt das Spannungsfeld zwischen Erwartungen und ihrem Scheitern.

Von Carina Bukuts

Am 8. Juni 1966 warteten die Besucher des Theaters am Turm in Frankfurt darauf, ein Theaterstück zu sehen. Doch was sie sehen sollten, war kein gewöhnliches Schauspiel, sondern die Uraufführung eines Stückes über das Theater selbst. Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ spielt mit dem Verhältnis von Zuschauer und Darsteller und entpuppt sich als Kritik an den vorherrschenden bürgerlichen Theaterformen. Handke bricht nicht nur mit den Erwartungen des Publikums, sondern thematisiert sie auf der Bühne direkt.

Doch können wir unseren Erwartungen entfliehen? Am 18. Mai eröffnet mit „Rumors of Glory“ in der basis eine Ausstellung, in der die eingeladenen Künstler in ihren Arbeiten auf unterschiedliche Weise das Spannungsfeld zwischen Erwartungen und ihrer Erfüllung verhandeln.

Geplatzte Träume

Bunte Regenschirme lehnen an der Wand und liegen zerstreut im Eingang des Ausstellungsraums. Wie vergessene Objekte in einem Fundbüro wirkt die Arbeit „High and Dry“ des Berliner Künstlerduos FORT. Gerade diese Kontextverschiebung sorgt bei den raumgreifenden Installationen von FORT für Irritationsmomente. Ähnlich einer Theaterkulisse wirken die weiteren Arbeiten von ihnen in der Ausstellung: Darunter ein grauer Balkon aus Beton und Wellblech mit einer Satellitenschüssel, der ein Bild der Tristesse vermittelt. Die Arbeit „Outsider“ erinnert an ein Leben im Sozialwohnungsbau, an dem die einzige Verbindung nach draußen die Satellitenschüssel ist. Dort befindet sich auch der einzige Farbtupfer der Installation als letzter Hoffnungsschimmer: eine rosa Schleife mit dem Schriftzug „our wedding day“. Geplatzte Träume auf Textil.

FORT, Outsider (Detail), 2016, Courtesy die Künstlerinnen und Sies + Höke, Düsseldorf

Auch der Künstler Adrian Melis setzt sich mit Scheitern früherer Erwartungen auseinander. Seine Videoinstallation „Glories of a Forgotten Future“ zeigt Frauen, die einsam in dunklen, heruntergekommenen Zimmern sitzen. Der in Athen lebende Künstler hat ältere Frauen in seiner Heimat Kuba gebeten, sich an ihre Jugend zurück zu erinnern. An Momente in ihrem Leben, in denen ihnen noch die ganze Zukunft bevorstand. An einem Ort wie Kuba, der gebeutelt vom Sozialismus zum Schauplatz des Kalten Kriegs wurde, scheint diese Frage fast obsolet. Doch die Frauen beginnen zu tanzen und zu singen. Wurde die Geschichte Kubas damals von Männern geschrieben, fragt Melis heute gerade die Frauen und schafft eine poetische Arbeit über das Verhältnis von Erwartung und Realität.

Ungeschickt in Sprache und Bewegung

Für „Rumors of Glory“ hat die dänische Künstlerin Benedikte Bjerre eine raumspezifische Arbeit entwickelt, die direkt auf den Betrachter eingeht. Von der Decke hängen chromüberzogene Stangen, an ihnen baumeln weitere kleinere Stangen. Wie ein Mobile bewegen sich die einzelnen Teile von „Mox-nox“ in unterschiedlicher Geschwindigkeit zueinander und nehmen den gesamten Raum ein. Der klare Klang des Metalls erinnert an ein Windspiel. Was auf den ersten Blick spielerisch wirkt, entfaltet bei längerer Betrachtung ein sanftes Schaudern. Denn die Stangen, die die Künstlern aus Regalsystemen entnommen hat, erinnern zunehmend an Skelette. 

Adrian Melis, Glories of a Forgotten Future (Filmstill), 2016, Courtesy der Künstler und ADN Galeria, Barcelona
Benedikte Bjerre, Mox-nox, 2017, Courtesy die Künstlerin

Bereits 1912 setzte Oskar Schlemmer bei seinem „Triadischen Ballett“ auf Kostüme in geometrischen Formen in Bauhausmanier. Über hundert Jahre später eignet sich der niederländische Künstler Feiko Beckers diesen Stil für sein Video “A conversation is a risk to lose your own opinion” an. In gleicher Weise wie die beiden Männer sich ungeschickt in ihren Kostümen bewegen, drücken sie sich auch sprachlich aus. Die beiden Protagonisten unterhalten sich über Eventualitäten, ohne dass sich die Konversation jemals in einer konkreten Handlung auflöst. Feiko Beckers thematisiert das Moment, in dem die Erwartungen des Einzelnen in kein Ergebnis mehr münden. 

Begleitend zur Ausstellung lädt die Kuratorin Christin Müller auch zu einem Peformanceprogramm ein, bei dem Feiko Beckers am 21. Juni „Deadpan and disco“ zeigen wird. Am 7. Juli folgt der Künstler Johannes Büttner, der ebenfalls mit einer Soundarbeit in der Ausstellung vertreten ist. Um dem Konzept der Ausstellung Rechnung zu tragen bleibt an dieser Stelle offen, wie Büttner diese Arbeit realisiert und wie der Künstler Alwin Lay in die Ausstellung einbezogen wird.

Alwin Lay, Urquell / Fountainhead, 2015, courtesy der Künstler und Natalia Hug Köln, Copyright Alwin Lay und VG-Bild

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