07. Januar 2017

Der Portikus zeigt mit "House of Commons" eine Ausstellung, die sich permanent wandelt – ganz so wie ein politischer Entscheidungsprozess.

Von Tamara Marszalkowski

Anfangs war es nur ein Bild vom Zeh der Nachbildung der Freiheitsstatue aus Amerika. Dann kam auch der metergroße Zeh selbst an. Der dänisch-vietnamesische Künstler Danh Vo hat die Freiheitsstatue eins zu eins in Originalgröße nachbauen lassen. Aus 225 Fragmenten besteht seine Arbeit "We the People" von 2011. Wie ihr Vorbild, besteht auch die Arbeit Vos aus Kupfer.

Sie erzählt eine Geschichte der Migration. Denn ihre Einzelteile sind über den gesamten Globus in Privat- und Museumssammlungen verteilt. Der Künstler selbst kann auch eine Geschichte der Migration erzählen: Er ist als Kind mit seinen Eltern über den Seeweg aus Vietnam geflohen. Sie wurden von einem dänischen Frachter aufgenommen und immigrierten nach Dänemark. Dort und später auch in Frankfurt an der Städelschule studierte Vo Kunst.

Das Publikum auf der Tribüne

Vos Arbeit wird gemeinsam mit den Werken von 22 anderen Künstlern gezeigt, doch eine Gruppenausstellung ist "House of Commons" (noch bis 29. Januar) nicht. Die Ausstellung wandelt sich während ihrer Laufzeit stets. Wöchentlich fügen die Kuratoren Vivien Trommer und Fabian Schöneich Kunstwerke hinzu, tauschen sie aus oder arrangieren sie neu. Mit jedem Besuch sieht es im Portikus anders aus. Einzig konstant sind die großformatigen Treppenstufen, die längs an den Seiten des Ausstellungsraums aufgebaut sind. Die Tribüne lädt ihr Publikum zum verweilen ein. Paul Bauer hat die Ausstellungsarchitektur jedoch nicht nur als Sitzgelegenheit entworfen, sondern auch als Display für die Kunstwerke.

Portikus, House of Commons, 2016, Ausstellungsansicht

Es gibt also keinen Sockel für die Kunstwerke - die Besucher befinden sich auf einer Ebene mit ihnen, was natürlich auch auf die Demokratie anspielt. Die Stufen sind der Architektur des House of Commons nachempfunden. Das britische Unterhaus ist als Parlament eines der prominentesten in der Europäischen Union. Denn hier werden lediglich zwei Positionen vertreten, die in direkter Konfrontation diskutiert werden. Die Mitglieder der Mehrheitspartei sitzen den Vertretern der Opposition gegenüber. Architektonisch unterscheidet sich das britische Parlament von solchen in Berlin oder Brüssel, wo alle im Halbkreis sitzen und Meinungen in Fraktionen zersplittern.

Kunst und politische Positionierung

Die Ausstellung ist als Reaktion auf die politischen Ereignisse vergangener Monate entstanden wie dem Brexit-Referendum oder der Wahl von Donald Trump zum US-amerikanischen Präsidenten. Diese Ereignisse stellen die Funktionsfähigkeit demokratischen Handelns in Frage und zeigen auf, wie wichtig die konstruktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen ist. Die Kuratoren wollten den Portikus politisch positionieren, jedoch aus der Kunst heraus. Einige Werke greifen explizit politische oder soziale Fragestellungen auf, andere wiederum haben nichts mit Politik zu tun und greifen vielmehr grundsätzliche Fragen der Kunst auf.

Portikus, House of Commons, 2016, Ausstellungsansicht
Portikus, House of Commons, 2016, Ausstellungsansicht

Wie zum Beispiel die Alkoholpaintings von Monika Baer. Sie lehrt Malerei an der Städelschule. Die Bilder mit dem szenischen Charakter verbinden Realismus mit Abstraktion, expressive Gestik und Pop Art. Großformatige Bilder mit hellen oder dunklen Flächen, an deren Rändern sich hyperrealistisch gemalte Flaschen oder Etikette befinden. Eine politischere Arbeit hingegen ist die Fotografie "Passer en Angleterre, Accès terminal transmache, Calais, juillet 2007" von Bruno Serralongue, die inzwischen allerdings nicht mehr zu sehen sein ist. Das Foto zeigt den Moment des Wartens im Leben Geflüchteter an der französischen Küste. Zum Auftakt der Ausstellung stand sie der Arbeit von Vo gegenüber. Ausgehend aus dieser dualen Präsentation wuchs die Ausstellung weiter und erweiterte sich um Fotografien, Malereien, Skulpturen und Videoarbeiten.

Wandlung als Grundlage

Die Kuratoren stellen die Frage: Was ist politische Kunst? Doch es geht ihnen nicht um eine Antwort sondern vielmehr darum, die Besucher zum Diskurs anzuregen, um so direkt zu veranschaulichen, wie wichtig die konstruktive Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Perspektiven und Meinungen ist. Dies bildet schließlich das Fundament der Demokratie. Die ständige Wandlung der Ausstellung kann auch als Anspielung auf Demokratie verstanden werden, die ebenfalls ein immerwährender Prozess ist.

Portikus, House of Commons, 2016, Ausstellungsansicht

Zu jedem Kunstwerk findet eine Werkbesprechung statt. Die Besprechungen werden von Studierenden des Studiengangs "Curatorial Studies" der Goethe-Universität und Städelschule durchgeführt und sollen zu einem gemeinsamen Diskurs anregen.

Portikus, House of Commons, 2016, Ausstellungsansicht