16. Februar 2017

In der Schau "Interieurs" zeigt der Künstler Olaf Metzel schwebende Schwergewichte. Seine politisch aufgeladenen Objekte sind speziell auf Frankfurt zugeschnitten.

Von Vivien Trommer

An der Wand hängt zerknülltes Papier. Es scheint schwerelos, als hätte es der Wind durch den Raum gefegt und schließlich an die Wand gedrückt. Allerdings sind Olaf Metzels Arbeiten alles andere als leicht, fragil und zerbrechlich. Sie sind aus riesigen, schweren, weiß lackierten Aluminiumplatten gefertigt, die mit gefundenen Bildern aus Zeitungen oder seinen eigenen Fotografien bedruckt und anschließend unter hohem Kraftaufwand gebogen, gefaltet und geformt werden. Seine Skulpturen, auf denen Bilder zu Zeitzeugen der Geschichte werden, fordern die Definitionen des Bildhauerischen heraus und formulieren gleichzeitig ein Statement zu unserer bild- und informationsüberfluteten Welt.

Olaf Metzel, Interieurs, Installationsansicht, 2017, Courtesy Galerie Parisa Kind, Foto: Jessi Schäfer

„Interieurs“ ist Olaf Metzels aktuelle Ausstellung in der Galerie Parisa Kind, die vor wenigen Monaten aus Sachsenhausen in neue Räumlichkeiten in die Frankfurter Innenstadt gezogen ist. In diesen repräsentativen Räumen, die in der zweiten Etage eines renovierten Altbaus liegen, zeigt Metzel sieben neue Arbeiten, sechs an den Wänden und eine mitten im Raum – positioniert auf einem kleinen quadratischen Muschelkalksockel.

Ein politischer Künstler

„Wo endet die Malerei, wo beginnt die Bildhauerei oder die Skulptur, das Objekt, die Installation? Es geht nicht um Definitionen, sondern um Entgrenzungen, um subjektive Sichtweisen,“ sagt Metzel in dem Katalog „Olaf Metzel, Hans von Marées: Eine Annäherung“ von 2016 und zeigt auch in Frankfurt dreidimensionale Objekte, die mit der Dichte und Erscheinung des Materials spielen und sich sowohl als Wandarbeiten als auch als Skulpturen behaupten.

Olaf Metzel, Interieurs, Installationsansicht, 2017, Courtesy Galerie Parisa Kind, Foto: Jessi Schäfer

Olaf Metzel ist ein konsequenter Bildhauer und ein politischer Künstler, der sich nicht scheut zu sagen, was er denkt. Er wurde 1952 in Berlin geboren, studierte bis 1977 an der Freien Universität Berlin und der Akademie der Bildenden Künste Berlin und verließ die Stadt bevor die Mauer im Jahr 1989 fiel. Seit 1990 lebt er in München und lehrt dort als Professor an der Akademie der Bildenden Künste.

Die Reaktionen der Öffentlichkeit

Bekannt wurde Metzel im Jahr 2006 mit seiner Skulptur „Turkish Delight“, einer Bronzefigur, die einen nackten Frauenkörper mit Kopftuch zeigt, und die zweifach vor der Kunsthalle Wien von ihrem Sockel gestoßen und beschädigt wurde. Das Werk und die Reaktionen der Öffentlichkeit lösten schließlich eine heftige Mediendebatte über Identität, Freiheitsrechte und die Bedeutung von zeitgenössischer Kunst aus.

Olaf Metzel, Interieurs, Installationsansicht, 2017, Courtesy Galerie Parisa Kind, Foto: Jessi Schäfer

Für seine Frankfurter Ausstellung beschäftigte sich Olaf Metzel mit den Ikonen der Stadt. Er formt den Suhrkamp-Buchumschlag und das Inhaltsverzeichnis von Theodor W. Adornos „Minima Moralia“, einer Sammlung von kurzen Essays über die Bedingungen des Menschseins in faschistischen und kapitalistischen Zeiten, zu einer überdimensionalen gefalteten Wandarbeit, die wie ein Erinnerungsfragment im Raum schwebt.

Das neue Frankfurt

Eine andere Arbeit ist mit einem Bild der Frankfurter Küche bedruckt, der ersten modernen Küche, die von der Wienerin Margarete Schütte-Lihotzky im Jahr 1926 für die Ernst-May-Siedlung im Norden Frankfurts entworfen wurde und heute als erster Prototyp der konventionellen Einbauküche gelten kann. Eine dritte Arbeit bildet das Cover des Magazins „Das neue Frankfurt“ ab, welches der Architekt Ernst May 1926 veröffentlichte, um seine modernen, progressiven Ideen zum sozialen Siedlungs- und Wohnungsbau zu kultivieren und zu teilen. 

Olaf Metzel, Interieurs, Installationsansicht, 2017, Courtesy Galerie Parisa Kind, Foto: Jessi Schäfer

Olaf Metzel verhandelt in diesen Fragmenten nicht nur Werte, Traditionen und Geschichtslücken, sondern hinterfragt auch die Bedeutung und Rolle von Kunst und Skulptur. „Ich habe in Interviews und Gesprächen mit Studenten auch immer wieder erwähnt, dass es entscheidend ist, die schönsten Stellen als erstes zu zerstören, nicht um der Zerstörung willen, sondern um weiterzukommen, mit dem Bild, der Skulptur; es sollte kein Verlieben in möglicherweise gelungene Stellen geben und auch kein Um-diese-Stellen-herum-Arbeiten. Gemeint ist die Zerrissenheit zwischen Anspruch und Umsetzung.“ Es ist ein permanentes Abarbeiten am Medium und den Bedingungen der Skulptur, das Metzels Werk so einzigartig und konsequent erscheinen lässt.

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