12. Juni 2017

In der rauen Umgebung des Frankfurter Bahnhofsviertels zeigen junge Künstler in einem Off-Space Werke, die sich mit Überresten und Hinterlassenschaften befassen.

Von Maximilian Wahlich

Mitten im turbulenten Bahnhofsviertel, jenem Stadtteil zwischen Willy-Brandt-Platz und Hauptbahnhof geht es vorbei an der Baustelle der ehemaligen Kaiserpassage, einem Biobäcker und Sexkinos in Richtung Münchener Straße 10. Durch die hohe Toreinfahrt eines Altbaus betritt man einen kleinen und tristen Innenhof. Auf der linken Seite befindet sich die schmale, metallene Eingangstüre eines Verschlages, hinter dem sich sodann der erste von drei großzügigen Räumen eröffnet. Weitere liegen im Kellergeschoss. Dem Ort, der einst als Mangolager diente, haftet eine muffige und abgenutzte Patina an.

In dieser irritierend außergewöhnlichen Umgebung initiiert Antonia Lia Orsi ihre dritte große Gruppenschau. Dafür versammelt sie unter dem portugiesischen Titel „vida de cão", was mit Hundeleben übersetzt werden kann, 18 befreundete Künstler der Frankfurter Städelschule, der HfG Offenbach und der Akademie der bildenden Künste Wien. Namensgebend für die Ausstellung war die raue und wilde Umgebung des Bahnhofsviertels.

Überreste und abgelegte Fragmente

Diese befassen sich in den gezeigten Arbeiten im weitesten Sinn mit den unterschiedlichsten Spuren. Seien es Hinterlassenschaften von häuslichem Leben oder vergangener Kunstaktionen. Eine ehemalige Abstellfläche als Ausstellungsort scheint dafür ebenso paradigmatisch wie der Ansatz keine sogenannten schönen Objekte zu zeigen: Es müssen Überreste, abgelebte Fragmente sein. Diese Spuren zeugen als verbliebene Immanenz einerseits von der Abwesenheit einer ursprünglichen Präsenz, andererseits bilden sie zugleich eine neue Form der Anwesenheit. Sie werden so beispielsweise zu Statthaltern vorangegangener off-spaces. Damit reagiert Antonia Lia Orsi auch auf die stark institutionalisierte Frankfurter Kulturlandschaft, in welcher alternative Räume und Initiationen für Kunst rar sind.

Emilie Viktoria Kjær, fixturebb, 2017, Copyright the artist

Eines der Werke, welches Konzept und Ausstellung miteinander verbindet, lehnt direkt neben dem Eingang an der Wand, sodass man es fast übersieht. Insgesamt vier Tage lang saß die Künstlerin Emilie Kjaer, die bei Willem de Roij an der Städelschule studiert, in einer Ecke des Raumes und protokollierte in ein kleinformatiges Notizheft akribisch genau, wer oder was die Räumlichkeiten wann betreten und verlassen hat, welches Licht Kontaktfehler hatte oder räumliche Begebenheiten wie die Tapetenschichten.

Schriftliche Aufzeichnungen, welche einem Ereignis zwangsläufig folgen, werden nun in ihrer Arbeit zum Sinnbild für die zurückbleibende Spur von Aktivitäten im Raum.

Drastisch paradox

Über die steilen Treppen gelangt man in den Keller und findet dort am Treppenabsatz eine weitere Position. Mit blauen und grünen Fließen bedeckte der Städelstudent Soley Ragnarsdottir das schmale Wandfragment. Es ist die einzige Arbeit in der Ausstellung, die als etwas ‚schönes‘ im Raum paradoxerweise derart befestigt wurde, dass man glaubt die ehemaligen Besitzer hätten es nicht mehr mitnehmen können. Ungewiss bleibt unter welchen Umständen diese Gegenstände zurückgelassen wurden und wer sie einstmals besessen hatte. In Kontrast zu diesen in den Raum eingepassten Fließen fällt der ausgediente Zustand der anderen Objekte umso drastischer auf.

Sóley Ragnarsdóttir, Untitled stairs with stones, 2017, Copyright the artist

Entgegen der unfreiwillig zurückgelassenen Fließen an der Treppe befindet sich sinnigerweise direkt daneben die Arbeit der Künstlerin Siri Hagberg. Sie widmet den vorhandenen Resten dieses Ortes ihre Aufmerksamkeit und sammelte dafür während des Ausstellungsaufbaus in zwei transparenten Säcken allerlei Fundstücke. Die Anordnung einzelner Arbeiten intendiert, dass die Kunstwerke wie Objekte in verlassenen Kellern irgendwo, rein zufällig ihren Platz einnehmen, sich bis zur Unkenntlichkeit in den Raum einfügen. Diese fließende Grenze zwischen Kunstwerk und Hinterlassenschaft gibt den Arbeiten eine eigne Qualität. Sie spiegeln das Setting eines Keller- und Lagerraums wider und der Raum dient nicht nur als Hülle.

Künstlicher Regenschirm

An einer großen Wandfläche hängt ein grau-blauer Regenschirm. Mittig an der Wand platziert scheint er einerseits einsam vergessen und zugleich prominent ausgestellt.  Der Schirm als ein häufig vergessenes Objekt ist nur eine Seite der Arbeit des Städelstudenten Evan Jose: Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass der Schirm ein 3D-Druck ist –  ein Objekt, welches allein seiner Künstlichkeit wegen nicht den Kunstkontext verlassen und seines Wertes wegen auch nicht vergessen werden würde.

EVAN JOSE, Monotonic Function, 2017, Copyright the artist