26. Juni 2017

Computer spielen uns ein Innenleben vor, und wir glauben das gerne. Was man mit digitaler Technologie und kreativem Coden noch anstellen kann, zeigt das NODE Forum for Digital Arts in diesem Jahr.

Von Philipp Hindahl

Wer “Hey Siri” sagt und eine Antwort bekommt, weiß es eigentlich schon. Wer Alexa die Einkäufe machen lässt — auch. Die digitalen Assistenten spielen uns eine vertraute Welt vor, und die Interfaces haben meistens Namen: Siri, Alexa, oder im gleichnamigen Film ganz einfach: “Her”, und sie haben eine Stimme. Die Designtheorie hat dafür einen Begriff: Skeuomorphismus, das bedeutet, Dinge aus der Realität werden in digitalen Oberflächen simuliert. Sie sind die Zugriffspunkte zu einer Welt, die uns in ihrer Komplexität schon längst verschlossen ist. Und trotzdem muss sich niemand ausgeschlossen fühlen. Denn was eine Stimme hat, kann nicht so fremd sein.

“Wenn Technologie immer weniger sichtbar wird und sich mehr in den Alltag integriert, muss man darüber sprechen, dass Design dazu da ist, eine emotionale Bindung herzustellen. Wenn man sein Handy zu Hause liegen lässt, hat man ja schon ein Problem, weil so viel daran geknüpft ist”, sagt Jeanne Charlotte Vogt, die Ausstellungskuratorin von NODE. So etwas muss reflektiert werden, findet sie, nicht nur auf der Werkzeug-Ebene.

vvvv

Dabei war es gerade die Werkzeug-Ebene, weshalb NODE gestartet wurde. 2008, vor beinahe einer Ewigkeit. Damals traf sich zum ersten Mal eine Community aus Programmierern, Designern und Künstlern. Sie hatten eins gemeinsam: Alle benutzten die Programmiersprache vvvv, eigentlich ein Tool für Nicht-Programmierer. vvvv bietet eine grafische Oberfläche. Ideal für Künstler ohne technologischen Hintergrund. Aber wie wird daraus ein ganzes Festival?

Social Media Meditation, NODE Forum for Digital Arts, Foto: Martin Schäfer

2010 wurden die Programmierer in den Frankfurter Kunstverein eingeladen, danach ist das Festival gewachsen. Es kamen Künstler hinzu, Wissenschaftler und Theoretiker, die sich mit Digitalkultur befassen. Die letzte Ausgabe des Festivals fand schließlich 2015 im Mousonturm und in der Naxoshalle statt. „Ein ziemlich seltsamer Ort ist dieses Festival für jemanden aus der Kunstwelt“, sagt Vogt. Sie ist seit 2010 dabei, forscht selbst an der Schnittstelle von Kunst und Technologie. Aber auch wenn man so hinzukommt, merkt man schnell: Das ist nur eine andere Art von Kunstwelt, die viel offener ist, Wissen zu teilen.

Wovor sollten wir Angst haben?

Es muss einen Punkt gegeben haben, an dem sich die Festivalmacher dachten, das sei nun interessant für ein großes Publikum. Ab 2015 ist das Festival immer größer geworden, und neue Themen sollten her. “Anschlussfähige Themen”, wie es Alexandra Waligorski — ebenfalls Kuratorin — nennt: “Früher war das alles sehr abstrakt. Dinge die eher in einem gestalterischen Kontext verbleiben.” Um nicht weniger als den Körper in der digitalisierten Welt ging es beim letzten Mal, 2015, unter dem Motto “Wrapped in Code”. Ein Probierfeld auch, für Post- und Transhumanisten und für alle, die den technischen Fortschritt kaum abwarten können. “Wrapped in Code” habe aber so gut funktioniert, weil es so ambivalent ist, sagt die Kuratorin. Was passiert mit unserem Körper und mit unserem Menschenbild — und sollten wir Angst davor haben?

Workshop ‘Oculus Basics’, Foto: Jessica Schäfer
Exhibition ‘The Informed Body’, Foto:Jessica Schäfer

In diesem Jahr geht das Thema in eine ähnliche Richtung: “Designing Hope”. Dazu gibt es Workshops, bei denen man das Coden lernen kann oder über Social Media meditieren kann, es gibt Performances, die sich mit Hoffnung in der digitalen Welt befassen und eine Ausstellung in der Naxoshalle. Es gibt Workshops für kreative Coder, man kann in virtueller Realität tanzen oder ganz real im Offenbacher Club Robert Johnson. Es gibt das Choreographic Coding Lab Nairobi/Frankfurt, eine Kollaboration von Node, Motion Bank und dem Goethe Institut in Nairobi. Seit dem Frühjahr haben Choreographen und Tänzer, Theoretiker und Praktiker in Nairobi und Frankfurt zusammen eine Performance erarbeitet. Die Leitfrage bei all dem: “Wie wird Hoffnung produziert? Darüber sprechen wir mit Theoretikern und Künstlern.

Künstler und Aktivisten

Blättert man derzeit in Kunstmagazinen, geht es da weniger um Hoffnung, sondern vor allem um Hilflosigkeit. Was kann die Kunstwelt unternehmen: gegen Trump, gegen rechten Populismus, gegen den Klimawandel? Man liest immer wieder die Berufsbezeichnungen Künstler und Aktivist vereint. Kaum jemand ist einfach nur Künstler, die meisten wollen politisch engagiert sein.

BBB_ (Alla Poppersoni, Alexander Sahm) in collaboration with Dominik Keggenhoff Performance: Alla Poppersoni, Alexander Sahm, Dominik Keggenhoff, Anja Arncken, Deike Schwarz, Max Barthel and Johannes Horn

“Allein schon, wenn man Tools entwickeln kann, will man die Dinge real umsetzen. Aber andere lehnen die Beziehung Aktivist explizit ab. Muss jeder Künstler Lösungen für gesellschaftspolitische Probleme anbieten?” Wahrscheinlich nicht — andere wagen die Flucht nach innen, nämlich in die Spiritualität. Damit beschäftigt sich die Gruppe BBB_ (Alla Poppersoni, Alexander Sahm mit Dominik Keggenhoff). Wer ihrer Virtual Reality-Performance “Buddha App Says II VR version: ‘The Divine And The Device’” (https://17.nodeforum.org/events/balance-wantedbuddha-app-says/) beiwohnt, darf sich als initiiert betrachten. Nämlich in die Welt der Technospiritualität, oder zumindest in eine von acht Stufen. Denn wie bei Scientology kann der Initiand aufsteigen.

Göttliche Geräte

Aber das Göttliche im Gerät findet nur, wer an allen Performances teilnimmt, natürlich. Ist das Pop, Parodie oder Philosophie? Egal, die Flucht nach Innen ist hochpolitisch, und das haben BBB_ begriffen. Damit passt die Performance ganz vorzüglich ins Gesamtprogramm des Festivals. Denn digitale Technologie ist mehr als nur falsche Vertrautheit mit körperlosen Menschen. Sie ist auch ein Werkzeug, mit dem man aktiv etwas verändern kann.

BBB_ (Alla Poppersoni, Alexander Sahm) in collaboration with Dominik Keggenhoff Performance: Alla Poppersoni, Alexander Sahm, Dominik Keggenhoff, Anja Arncken, Deike Schwarz, Max Barthel and Johannes Horn