26. April 2017

Die Ausstellung „New Citizens“ zeigt meterhohe Porträts von Geflüchteten an Gebäudefassaden im Frankfurter Stadtraum. Ihre persönlichen Geschichten sind den Gesichtern eingeschrieben.

Von Tamara Marszalkowski

Am Anfang betrachtete er sie nur aus der Ferne, durch die Linse seiner Kamera. Der Fotokünstler Vitus Saloshanka beobachtete geflüchtete Menschen, die in einem Wohnwagencamp auf dem Rebstock Gelände wohnen. „Es brauchte einfach Zeit“, sagt Vitus Saloshanka. Es dauerte Monate, bis er sich überwinden konnte, die Geflüchteten anzusprechen. Er lernte die Menschen hinter den Gesichtern kennen und schuf schließlich sehr eindringliche und ausdrucksstarke Porträts, die in den kommenden Wochen überlebensgroß und meterhoch im öffentlichen Raum in Frankfurt zu sehen sein werden.

Das Ausstellungsprojekt entstand in Zusammenarbeit mit den beiden Kuratorinnen Aileen Treusch und Juliane von Herz. Die Organisatoren wollen ein anderes Bild der Geflüchteten vermitteln als jenes allgegenwärtige der Flucht, der anonymen Masse, der Krise. Sie wollen diesem Begriff die Abstraktion nehmen, indem sie die Individuen aus ihrer Anonymität herauslösen und für jeden in der Stadt sichtbar machen. 

Das Potential des öffentlichen Raums 

Mit den Worten Hannah Arendts fragen die Kuratoren Treusch und von Herz: „Wem wird welches Menschenrecht zuteil und gibt es eines für alle, oder mehrere für manche? Wer ist nur Bewohner, wer Bürger einer Stadt, wie erwirbt man Bürgerrecht?“ Und so präsentieren sie die Porträts ganz bewusst im Stadtraum, in dem sie "als Ausstellungsraum viel politisches und demokratisches Potential sehen, da er jedermann zugänglich ist. Andere Städte leisten sich eigene Stadtkuratoren, wie Hamburg, oder haben temporäre Kunst- und Architekturprojekte etabliert. Stadtentwicklung und Kunst im öffentlichen Raum sind für uns auf das Engste miteinander verzahnt."

Vitus Saloshanka, New Citizens, 2017

Die Porträts werden unter anderem an großen Bauarealen in der Stadt hängen und so auch die Zukunft der Stadtentwicklung betonen. Denn wie werden sich die Strukturen verändern bei einem solchen Zuwachs von Neubürgern? Wohnungs- und Raumknappheit beherrschen längst den Diskurs der Städte. Die Frage nach dem Wohin mit den neu angekommenen Bewohnern heizt die Diskussion nur weiter an. Und auch die Transit-Situation der Gebäude schlägt den Bogen zurück zu den Menschen, die sich in einem spannungsreichen Zwischenraum bewegen, zwischen Bürger und Bewohner, zwischen Ankommen und Weiterreisen. Doch nicht nur im Bau befindliche Gebäude sind Teil der Ausstellung, auch Kulturinstitutionen wie das Literaturhaus Frankfurt, eine jüdische Gedenkstätte und mehrere Kirchen – als Institutionen unverzichtbare Flüchtlingshelfer – sind unter anderem involviert. 

Die Gesichter erzählen Geschichten 

Nachdem Saloshanka mit den Geflüchteten ins Gespräch kam, lernte er ihre Geschichten und Fluchtgeschichten kennen – sie hatten sich längst in ihre Gesichter eingeschrieben. Für den Fotografen ist dieses Gespräch Teil seiner künstlerischen Arbeit. „Mich interessieren grundsätzliche Fragen der Wahrnehmung. Meine Absicht, diese Portraits im öffentlichen Raum zu zeigen, bestand darin, zu beobachten, ob sich die Wahrnehmung der Betrachter verändert, ob Kunst Denken verändert“, sagt er. Für ihn stellt das Porträt ein Mittel der Annäherung dar. Doch die individuellen Geschichten der Porträtierten werden in der Ausstellung nicht thematisiert. Informationen zur Biografie, der Fluchtgeschichte oder der Identität werden den Betrachtern vorenthalten. Das essentielle erzählen die Gesichter selbst.

Vitus Saloshanka, New Citizens, 2017

Saloshanka, als gebürtiger Weißrusse selbst mit dem Ankommen in Deutschland vertraut, setzte sich intensiv mit dem hiesigen Umgang mit Geflüchteten auseinander, den Ambivalenzen in der Gesellschaft, der Akzeptanz und Ablehnung der Flüchtlingspolitik, den Berührungsängsten in der Bevölkerung und der hohen Hilfsbereitschaft. Seine Arbeit ist eine sehr persönliche, künstlerische Auseinandersetzung mit diesem übergroßen Thema. Bekannt wurde der Fotograf durch seine fotodokumentarische Serie zu Sotschi und seinen Bewohnern an der russischen „Riviera“ in der Zeit der Olympiavorbereitungen.

Vitus Saloshanka, New Citizens, 2017

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