19. September 2017

Das Museum Angewandte Kunst widmet sich noch bis 1. Oktober in einer hochkarätig bestückten Ausstellung den spiegelnden Oberflächen in Kunst und Design.

Von Carina Bukuts

„Spieglein, Spieglein an der Wand. Wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Mit diesen Worten befragt die böse Stiefmutter Schneewittchens ihren Spiegel im Märchen der Brüder Grimm. Der Spiegel wird dort als allwissendes Objekt vorgestellt, der zum Erkenntnisgewinn des Einzelnen beträgt. In ähnlicher Weise thematisiert auch der Psychoanalytiker Jacques Lacan den Spiegel, indem er davon ausgeht, dass der Mensch sich erst von anderen abgrenzen kann, wenn er sein eigenes Spiegelbild kennt und damit sich selbst erkennt.

Antonio Citterio + Toan Nguyen, Technogym Kinesis Personal Vision, 2006 © Technogym S.p.A.

Ob in der Literatur, der Wissenschaft, der Architektur oder im Badezimmer: Spiegelnde und reflektierende Oberflächen umgeben uns Tag für Tag. Das Museum Angewandte Kunst Frankfurt widmet sich mit der Ausstellung „SUR/FACE. Spiegel“ diesem vielfältigen Phänomen und seinem Auftreten in Kunst und Design noch bis 1. Oktober. Um diese beiden Disziplinen miteinander zu präsentieren wurde sogar eigens für die Ausstellung ein Raumkonzept entwickelt, das an Interieurs von Wohnungen angelehnt ist.

Natürlich im Ankleidezimmer

In zwei Apartments gehen die Räume beispielsweise von einem weitläufigen Wohnzimmer mit Skyline-Blick in eine Bibliothek oder ein Ankleidezimmer über. Abstrahierte Modellmöbel zeigen hier den Anwendungsbereich der Designobjekte und führen gleichermaßen in die Thematiken der unterschiedlichen Räume ein. So sind die reflektierenden Kleidungsstücke der Modedesignerin Leonie Barth in der Innenausstattung eines Ankleidezimmers etwa zusammen mit Accessoires wie Taschen von Maison Margiela präsentiert.

Leonie Barth, Ich ist ein Anderer, 2014 © Leonie Barth; Foto: Lucie Marsmann
Andy Warhol, Silver Clouds, 1966 © The Andy Warhol Foundation for the Visual Arts, Inc; ARS, New York

Widmet sich die Mode nicht nur ihrer eigenen Erscheinung, sondern entfaltet sich vollends auch mit ihrem Träger, verzichtet die Protagonistin von Keren Cytters Video „Der Spiegel“ auf eine Identifikation über ihre Kleidung. Sie unterlässt es sogar diese zu tragen und läuft anfangs noch selbstbewusst nackt vor der Kamera umher. Dies ändert sich sobald die Frau mittleren Alters immer wieder von weiteren Charakteren im Video auf ihr tatsächliches Alter zurückgeworfen und mit der schwindenden Jugend ihres Körpers konfrontiert wird. Das Betrachten des eigenen Spiegelbildes führt hierbei von der Idealisierung direkt in die Realität.

Kein treues Abbild

In der Skulptur „Selbstbild“ des Künstlers Olaf Holzapfel wird der Wirklichkeitsanspruch des Spiegelbildes völlig ausgehebelt. Auf einem fragilen weißen Tisch, der als Sockel dient, ist eine blaue, leicht deformierte Skulptur aus Acrylglas platziert. In der glatten und glänzenden Oberfläche des Materials spiegelt sich die Umgebung und damit auch der Betrachter. Dieser kann darin jedoch kein wahrheitsgetreues Abbild seiner selbst erblicken, sondern nur ein Zerrbild davon. Hier entfaltet sich die täuschende Wirkung des Spiegels.

Dan Graham, Pyramid, 1999, © Dan Graham

Wird der Spiegel in der Innenarchitektur oftmals benutzt, um den Raum optisch zu vergrößern, wie es bereits Ludwig XIV im Spiegelsaal von Schloss Versailles unübertroffen vormachte, bezieht sich der isländische Künstler Olafur Eliasson in seiner Arbeit „Mirror door (participant)“ ebenso auf dessen Wirkung in der Architektur. Der dezente Lichteinfall, der zugleich auf einen Wandspiegel wie auf den Boden des Raumes fällt, simuliert die Erweiterung in einen nächsten Raum und der Spiegel erscheint als Tür.

Der Spiegel und das Klebeband

Vor seiner industriellen Massenproduktion galt der Spiegel noch als wertvolles Luxusprodukt, heute findet sich seine reflektierende Oberfläche in jedem noch so banalen Alltagsgegenstand wieder. Aus der Zeit vor seiner Allgegenwärtigkeit stammt noch der verbreitete Aberglaube, dass das Zerbrechen eines kostbaren Spiegels mit sieben Jahren Pech bestraft wird. Tatsächlich sollte dies lediglich davor abschrecken mit den Raritäten grob umzugehen. Der Frankfurter Künstler Tobias Rehberger entlarvt diesen Mythos in seiner Arbeit „Kim explores her face in the broken mirror“. Die zerbrochenen Spiegelflächen zerspringen hierbei nicht in tausend Einzelteile, sondern bilden weiterhin, gehalten durch Klebeband, ein Gesamtbild und agieren als Bildträger.

Isa Genzken, Neues Design für Weltempfänger, 2002, © Isa Genzken; VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Im Lesebuch zur Ausstellung reflektieren die Kuratorinnen und der Kurator von „SUR/FACE. Spiegel“ über ihr Ausstellungskonzept und liefern alternative Denkansätze zum Phänomen der spiegelnden Oberflächen. Die Texte illustrieren hierbei nicht die Ausstellungsexponate, sondern dienen als Erweiterung des Diskurses, indem sie neue Räume für ein Thema eröffnen, welches sich zwar mit Oberflächen auseinandersetzt, aber nicht oberflächlich bleibt.

Sylvie Fleury, Evian Bottle, 1998 © Sylvie Fleury; Sprüth Magers, Berlin/London/Los Angeles

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