05. Dezember 2015

Näher am Kunstfilm als am Werbeclip: Das Museum Angewandte Kunst Frankfurt zeigt eine Ausstellung zur Inszenierung von Mode im Bewegtbild.

Von Katharina Cichosch

Selbst der leidenschaftsloseste Pragmatiker kleidet sich irgendwie ein. Optik, Komfort, Qualität, vielleicht das Label (einschließlich Vorlieben für vermeintlich vor allem praktische Outdoormarken) sind Eigenschaften, die dabei nahezu automatisch mitgedacht werden. Doch wie entscheiden?

Historisch betrachtet kam und kommt der Präsentation von Mode hier eine besondere Bedeutung zu: Von den ersten modisch ausgestatteten Miniatur-Puppen, die zur Ansicht eines neuen Modells verschickt wurden, über Illustrationen und später Modefotografien bis hin zu den heute mehr denn je gefeierten Fashion Shows in den Modemetropolen – die unterschiedlichen Präsentationsformen spiegeln die zahlreichen Eigenschaften und Zuschreibungen von Mode wider und multiplizieren sie noch.

Die sinnliche Erfahrung bleibt im virtuellen Zeitalter zunehmend aus

Die Hochglanzfotografien der 80er-Jahre waren Sinnbild für Glamour und Dekadenz, die Schauen bleiben Sehnsuchtsort für Teilnehmer und Nicht-Teilnehmer, während die bereits ab dem 16. Jahrhundert in Frankreich verbreiteten Schau-Puppen davon zeugen, dass Mode eben immer auch eine dreidimensionale Angelegenheit ist. Fließende Materialien, schwingende Formen, außergewöhnliche Farben und Strukturen: All diese Eigenschaften eines Kleidungsstücks lassen sich noch am besten mit allen Sinnen begreifen. 

Mundi, aus: The Rabbit Hole, 2012, © Mundi

Gareth Pugh S/S 16 - Fashion film by Ruth Hogben

Gerade die sinnliche Erfahrung aber bleibt im virtuellen Zeitalter zunehmend aus, so könnte man zumindest meinen: Immer mehr Mode, auch die im Luxusgütersegment, wird eben nicht mehr nach sorgfältiger Suche vor Ort gekauft oder in den Boutiquen bewundert, sondern direkt im Netz geordert. Hier müssen Detailaufnahmen, genaue Produktbeschreibungen und immer häufiger auch Trage-Videos die sensorische Lücke füllen. Gleichzeitig verhalf die zunehmende Vernetzung einer tatsächlich noch recht neuen, dafür umso logischeren Präsentationsform auf den Weg: Dem Modefilm. Denn wo Videos viral in Sekundenschnelle tausendfach geteilt werden können, da macht die Investition in Image- oder Kampagnenfilme Sinn – um die Verbreitung muss man sich im World Wide Web wenig Gedanken machen, insbesondere bei einem großen Namen oder eben einer entsprechend guten Idee.

Alexander McQueen, aus: Seraphim, 2013, Regie: Jamie Brunskill, © Jamie Brunskill
Grell colorierten Leoparden und Schlangen

Dass der Modefilm heute weit über die eigentlich Zurschaustellung von Mode hinausweist, davon zeugt die Ausstellung „Mode bewegt Bild. The Fashion Film Effect“ im Museum Angewandte Kunst: Hier sind Arbeiten zu sehen wie die vom New Yorker Künstler Daniel Arsham, der Tänzerin und Tänzer eine Choreografie in einer mit überdimensionalen Bällen gefüllten Halle aufführen lässt. Beide tragen, so erfährt man nur durch eine Einblendung, Stücke aus der Calvin Klein Kollektion. Die schreiend bunten Videocollagen des Londoner Designers Mat Maitland mit weiblichen Mode-Amazoninnen, grell colorierten Leoparden und Schlangen könnten ebenso gut Musikvideo sein für jene elektronischen Acts, mit denen seine Filme unterlegt sind (tatsächlich war hier aber das italienische Modehaus Etro Auftraggeber). Und die langsamen Metamorphosen von kopflosen Körpern, die Art Director Jamie Brunskill 2013 für Alexander McQueen ins Bild setzte, sind in ihrer gemächlichen Schwarz/Weiß-Ästhetik ebenso poetisch wie verstörend.

MOVEment: Calvin Klein Collection x Jonah Bokaer and Julie Kent

Mahret Kupka, Kuratorin im Museum Angewandte Kunst Frankfurt, hat Beispiele zusammengestellt, die belegen, wie der Modefilm seine eigenen Grenzen immer wieder auslotet und sich dabei von seinem eigenen Ausgangspunkt, der Mode, mitunter weit entfernt. So sind zahlreiche Arbeiten dem Kunst- und Experimentalfilm visuell deutlich näher als dem klassischen Werbeclip. Wodurch auf die ein oder andere Weise endlich den verschiedenen Dimensionen von Mode Rechnung getragen wird: In fließenden Bewegungen, in skulpturaler Form, als knallbunte Vorlage für einen Bildhintergrund oder schlicht als Moodboard für einen Clip, in dem sie selbst gar nicht mehr auftaucht – in jedem Fall aber: weit über ihre grundlegende Funktion als Bekleidung hinausweisend wird jene hier präsentiert.