02. Februar 2017

Vom 3. bis zum 5. Februar bespielen 14 Künstler drei Tage lang eine Frankfurter Büroetage mit ihren Werken.

Von Markus Wölfelschneider

Eine Büroetage der Firma Meet/n/Work im zweiten Stock eines Hauses direkt gegenüber dem Nordeingang des Frankfurter Hauptbahnhofs. Normalerweise werden hier Räume für Tagungen und Workshops an Unternehmen vermietet. Digitale Nomaden können an einem der vielen Co-Working-Arbeitsplätze ihre Laptops einstöpseln.

Die beiden Kuratorinnen Larissa Hägele und Olga Inozemtceva sowie die Künstler Moritz Grimm, Emilia Neumann und Sonja Yakovleva empfangen uns in einem freundlichen, aber schnörkellosen Projektraum. Auf dem Tisch steht ein einsatzbereiter Videobeamer. Herausfordernd blankgeputzte Whiteboards säumen die Wände. Der ganze Raum scheint nach kreativem Input zu schreien.

In der Antike populär

Vom 3. bis zum 5. Februar bespielen 14 Künstler einen Großteil der rund 250 Quadratmeter großen Büroetage mit Performances, Videoinstallationen, Objekten und Malereien. „It’s a good day to have a good day“ lautet der Titel der dreitägigen Pop-Up-Ausstellung. „Wenn Geschäftsleute ihre Büroetagen mit Kunst schmücken, passiert es manchmal, dass Werke auf ungute Weise aus ihrem ursprünglichen Kontext gerissen werden“, sagt Larissa Hägele. „Im schlimmsten Fall wird Kunst dann zur bloßen Dekoration herabgewürdigt. Diesen Fehler wollen wir natürlich nicht machen. Es ist uns wichtig, dass sich die Künstler mit den architektonischen Besonderheiten vor Ort auseinandersetzen.“

Maria Anisimowa

Die Bildhauerin Emilia Neumann, die an der HfG-Offenbach studierte, hat ein Artefakt aus bunt eingefärbtem Gips gegossen. Neumanns Objekt ist inspiriert von einer Säule im dorischen Baustil, der in der griechischen Antike populär war. Es nimmt Bezug auf zwei fest verbaute Säulen, die im Foyer des Hauses eine sternförmige Decke tragen. „Ich möchte, dass mein Objekt wirkt wie ein Überbleibsel aus ferner Zeit, das hier gestrandet ist“, sagt Neumann.

Respektlos und liebevoll zugleich

Ein weiteres Artefakt aus gefärbtem Beton mit dem Titel „Ersatzteil“ stellt die Künstlerin in einem der Tagungsräume aus: eine kreisrunde Scheibe, die auf einem Kupfergestell aufliegt. Auf den ersten Blick ähnelt das Objekt einem Beistelltisch. „Ich arbeite gerne mit Formen, die dem Betrachter zunächst vertraut vorkommen und Erinnerungen an Alltagsgegenstände wachrufen“, sagt Neumann. „Der erste Eindruck ist allerdings nicht von langer Dauer und muss im nächsten Moment schon wieder verworfen werden.“

Emilia Neumann

Die Künstlerin Sonja Yakovleva zeigt uns einen Flyer, auf dem sie ihren Vater als „Orchideendoktor“ anpreist. „Bis vor kurzem wusste ich nicht, dass er einen grünen Daumen hat“, erzählt Yakovleva auf unnachahmlich lustige Weise - respektlos und liebevoll zugleich: „Normalerweise schaut mein Vater in seiner Freizeit eher den ganzen Tag Fernsehen. Als er mir am Telefon erzählte, er bade gerade seine Orchideen, brachte das mein Bild von ihm ins Wanken. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er eine Blume vorsichtig wie ein Neugeborenes im lauwarmen Wannenbad wiegt und war erstaunt.“

Ohnmächtig oder tot

Nach dem Vorbild von TV-Frühstückshows, die nie ohne Haushaltstipps oder kuriose Basteleien auskommen, moderiert Yakovleva nun einen Orchideenpflege-Workshop, in dem ihr Vater den Experten gibt. „Es geht mir um die Frage, unter welchen Umständen jemand als Fachmann gilt“ erklärt Yakovleva. „Die Pflanzenrettungstipps von meinem Vater sind oft fragwürdig und stehen in krassem Gegensatz zu jenen Ratschlägen, die man in einschlägigen Online-Tutorials findet. Dennoch gibt der Erfolg ihm Recht: Seine Blumen gedeihen prächtig“.

Sebastian Thewes

„Ich könnte niemals 40 Stunden pro Woche in einem Büro verbringen“, gesteht der Städel-Absolvent Moritz Grimm. „Da würde ich mich wohl ziemlich ohnmächtig fühlen“. Macht und Ohnmacht sind genau die Themen, mit denen sich Grimm beschäftigt. Zur Ausstellung steuert er zwei kleinformatige Gemälde bei, die mit Hilfe von Buntstiften, Wachsmalkreide und Edding entstanden. Man sieht die Gesichter zweier Menschen, die dank zurückgeworfenem Kopf und geschlossenen Lidern auf seltsame Weise der Welt entrückt scheinen - vielleicht sogar tot sind.

Yoga im Foyer

Tatsächlich hat Grimm für eines seiner Gemälde eines jener Ekelbilder zur Vorlage genommen, die als Warnung auf Zigarettenpäckchen prangen. Gemalt wurde es auf zwei Blatt Kopierpapier, zusammengeklebt mit Tesafilm. „Ich wollte das Bürothema aufgreifen, allerding mit so subtilen Mitteln, dass es den Betrachter nicht gleich anspringt“, sagt Grimm. Sein anderes Bild wurde von einer Parfümwerbung inspiriert, verrät er. Das auf Holz gemalte Frauenporträt trägt einen Ohrring aus anmontierten Bierdosenverschlüssen und Sicherheitsnadeln.

Internet TBD

Das Ausstellungsprogramm ist enorm vielseitig: Die Künstlergruppe BBB_ rollt in der Lobby von Meet/n/Work die Yoga-Matten aus, um eine zweistündige Performance mit meditativen Sounds zu zelebrieren. Die Videobeamer und Flatscreens in den Tagungsräumen werden von Medienkünstlern aus dem In-und Ausland in Beschlag genommen – etwa von Christin Berg, Sebastian Thewes oder dem Moskauer Kollektiv EEEFFF. Die Koreanerin Miji Ih stellt Fotos zum Thema „Identität“ aus, Tom Król zeigt Gemälde. Außerdem gibt es Installationen und Objekte von Ivan Murzin, Dennis Siering, Maria Anisimowa und Lars Karl Becker zu sehen.

Geht es nach den Plänen von Larissa Hägele und Olga Inozemtceva, soll ihre Pop-Up-Ausstellung „It’s a good day to have a good day“ nur der Auftakt einer Reihe von ähnlichen Business-trifft-Kunst-Veranstaltung an unterschiedlichen Orten sein. Zusätzlich wollen die beiden Kuratorinnen in den Räumen von Meet/n/Work einen regelmäßigen „Artist-Talk“ anbieten. Die Idee: „Kunststudenten, die etwa an der Städelschule an einem Artitst-in-Residence-Programm teilnehmen, kommen anschließend aus so tollen Städten wie Bangladesch oder Kuala Lumpur zurück – finden aber keine richtige Plattform, um über ihre Erfahrungen zu sprechen“, sagt Larissa Hägele. „Das möchten wir gerne ändern.“

Dennis Siering

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