15. März 2017

Der Schriftstellerin Julia Zange ist ein spektakuläres Generationenporträt geglückt. In Darmstadt präsentiert sie ihr Buch nun bei einer Lesung.

Von Alexander Jürgs

Marla lässt sich durch Berlin treiben. Sie besucht Clubs und Ausstellungseröffnungen, sie verbringt viel Zeit in den sozialen Netzwerken, sie hat mehr als 1000 Facebook-Freunde und ab und zu Gelegenheitssex. Das ist es im Großen und Ganzen, was auf den gerade einmal 150 Seiten von Julia Zanges Roman „Realitätsgewitter“ passiert. Trotzdem ist dieses Buch spektakulär: weil es ein Lebensgefühl der Menschen, die häufig als „digital natives“ oder „Generation Y“ kategorisiert werden, präzise beschreibt. Lakonisch, unaufgeregt und ohne jeden Pathos. Wie Julia Zange schreibt, das zieht einen in den Bann.

Marla ist einsam, unzufrieden mit dem Alltag. Sie weiß nicht so recht, in welche Richtung sich ihr Leben entwickeln soll – und meistens wirkt es auch so, als ob ihr das egal ist. Wäre da nicht der Vater, der ihr den Geldhahn abdreht, würde sich in diesem Leben wohl kaum etwas ändern. Um etwas Geld zu verdienen beginnt Marla, für eine Modezeitschrift zu arbeiten, obwohl ihr im Grunde auch Mode völlig egal ist. Irgendwann macht sie sich auf, besucht die Eltern und die alte Heimat. Dort gerät sie sich mit der Mutter schnell gehörig in die Haare – und Marla flüchtet weiter, in Richtung Sylt.

Klare, präzise Worte

Die Geschichte von Marla erinnert an die Protagonisten aus der Webserie Transatlantics, die die Berliner Künstlerin Britta Thie 2015 für die Schirn Kunsthalle produziert hat. Transatlantics erzählt von drei jungen Frauen auf der Identitätssuche in der digitalisierten Gegenwart. Auch dieses Trio stromert durch Berlin. Sie besuchen Kaufhäuser, Clubs und Vernissagen, geistern durch die nächtlichen Straßen, sind verloren in einer komplexen Welt. Julia Zange hat in dieser sechsteiligen Serie mitgespielt, sie war Yuli, eine der drei Frauen. Was „Transatlantics“ in faszinierend-verstörenden Bildern erzählt, beschreibt „Realitätsgewitter“ in klaren, präzisen Worten.

Julia Zange arbeitet schon seit einiger Zeit sowohl als Autorin wie auch als Schauspielerin. Im vergangenen Jahr war sie im Kieler „Tatort“ zu sehen. In „Mein Bruder Robert“ von Regisseur Philip Gröning, der sich zurzeit in der Postproduktion befindet, spielt sie die Hauptrolle. Ebenfalls abgedreht ist „Der lange Sommer der Theorie“, ein Film von Irene von Alberti, die mit der Filmfassung von René Polleschs Theaterstück „Stadt als Beute“ bekannt wurde. Auch dieser Film ist aktuell in der Postproduktion. Als Schriftstellerin sorgte Zange bereits mit ihrem Debüt „Die Anstalt der besseren Mädchen“, das 2008 bei Suhrkamp erschienen ist, für viel Aufsehen. Bei der Zeitschrift „L’Officiel“ arbeitet sie als Redakteurin, auch für Zeit Online schreibt sie regelmäßig.

Zanges Eltern haben gegen das Buch geklagt

Wegen der Szenen in „Realitätsgewitter“, in denen der Konflikt der Protagonistin mit ihrer Mutter geschildert wird, hatten die Eltern von Julia Zange eine einstweilige Verfügung gegen das Buch beantragt – die aber abgelehnt wurde. Den Verkaufszahlen von „Realitätsgewitter“ hat dieser kleine Skandal sicher gut getan, plötzlich war Zanges kurzer Roman in aller Munde. Lesen sollte man ihn aber nicht, weil man sich davon Gossip erhofft, sondern weil er ein starkes, überzeugendes Generationenporträt ist. In Darmstadt kann man die Autorin nun auch live erleben: Dort stellt Julia Zange ihr Buch im Rahmen der Reihe „Lyrische Matinée“ in der Stadtkirche vor.