13. Oktober 2015

Der Mousonturm zeigt eine raumfüllende Videochoreografie von Ayla Pierrot Arendt.

Von Sylvia Meilin Weber

Ayla Pierrot Arendt hatte einen Traum: „Ein Freund berichtete mir so inbrünstig von seinen Reisen, dass ich ihn kurze Zeit später im Traum sah – im Urwald stehend, umringt von hübschen Asiatinnen“, erzählt sie. Sie selbst hatte kein Interesse am Reisen – aber ein Interesse am Interesse von anderen. Also schrieb sie ihm eine E-Mail und fragte, ob sie ihn bei seiner nächsten Fahrt verfolgen dürfte. Er war einverstanden. So packte sie eine GoPro-Actionkamera ein, reiste mit dem Freund fünf Wochen lang durch Indonesien – und filmte genau das, was er fotografierte und filmte. Eine Spiegelung seines Interesses. Dieses Projekt war der Anfang von „Die Interessen eines Anderen“, einer Videochoreografie von Ayla Pierrot Arendt, die im Oktober im Mousonturm gezeigt wird.

Ayla Pierrot Arendt, Die Interessen eines Anderen, Filmstill, 2015

Arendt, Jahrgang 1987, lebt und arbeitet seit drei Jahren in Frankfurt und steht kurz vor dem Abschluss ihres Choreografie- und Performance-Studiums am Gießener Institut für Angewandte Theaterwissenschaften. „Die Interessen eines Anderen“ ist ihre Masterarbeit. Vorher studierte sie in Wien an der Akademie der bildenden Künste Malerei bei Amelie von Wulffen. „Meine Arbeiten sprengten schon immer das Bild. Bereits in meinen ersten Zeichnungen und großformatigen Malereien war die räumliche Inszenierung ein wichtiges Element“, sagt sie. Deshalb war es für sie eine ganz logische Konsequenz, Choreografin zu werden. Aber Ayla Pierrot Arendt lässt sich nicht auf ein Genre festlegen. „Die Interessen eines Anderen“ ist kein Tanztheater im herkömmlichen Sinn, sondern eine Videoarbeit, die auf vier Wänden im Theatersaal gezeigt wird. Die Zuschauer sitzen in der Mitte. Die Urlaubsaufnahmen aus Indonesien spielen in der Produktion allerdings nur eine kleine Rolle.

Ayla Pierrot Arendt, Die Interessen eines Anderen, Filmstill, 2015

„Als ich im Herbst vergangenen Jahres von der Reise zurück kam, legte ich das Videomaterial erst einmal beiseite“, erzählt sie. Es begann eine ganz neue Arbeitsphase: Mit der niederländischen Performerin Merel Roozen und dem Städelschüler Simon Speiser entwickelte sie Choreografien, die auf Video aufgenommen wurden. „Merel verkörpert eine alte Frau, Simon einen jungen Mann. Dabei geht es mir überhaupt nicht um die alte Frau oder den jungen Mann, sondern um eine bestimmte Körperlichkeit, die so weit ausgespielt wird, dass da etwas anderes entsteht.“

Sie arbeitete mit beiden Performern getrennt. Merel Roozen steckte in einem Gips-Korsett, das ihre Bewegungen einschränkte, und sie agierte in einem verspiegelten Studio. Mit Simon Speiser und ihrem Team fuhr Arendt in das hessische Naturschutzgebiet Kühlkopf-Knoblauchsaue. In dem dschungelartigen Setting tastete Speiser die Umgebung ab, schlug auf Äste, pirschte durchs Unterholz. Er hat sich so viel bewegt, dass der Kameramann mittanzen musste“, erzählt Arendt. Die alte Frau soll die Reflexion darstellen, der junge Mann steht für die tatsächlichen Erlebnisse, erklärt sie. Zu den Videoaufzeichnungen von den Choreografien kommen die Urlaubsvideos – und der Sound. Der spielt in der Videochoreografie eine wichtige Rolle.

Dafür verantwortlich ist der Komponist Filip Caranica – auch er, wie Arendt, ein Grenzgänger zwischen den Künsten. Er agiert zwischen Bildender Kunst und Musik, Popmusik und Klassik, macht Konzertmusik, Klanginstallationen, Filmmusik, Popmusik und Zeichnungen. „Ich bin mit bildender Kunst und Avantgarde-Pop aufgewachsen“, erzählt er. Doch anders als die meisten seiner Freunde, studierte er nicht Kunst, sondern ging an die Berliner Hochschule für Musik Hans Eisler und ans Conservatoire Nationale Supèrieur in Paris. Als er Ayla Pierrot Arendt bei einem Kunstfestival kennenlernte, war schnell klar, dass sie zusammenarbeiten wollen. „Wir haben eine total ähnliche Denkweise“, erzählt Caranica. Für „Die Interessen eines Anderen“ vertont er alle Elemente, die normalerweise durch die Musik übertüncht werden: die Schnitte, das Wackeln der Kamera, die Bewegungen des Kameramanns. „Ich bin fasziniert von dem Effekt. Es ist etwas total Konkretes und hat gleichzeitig etwas von Brechtschem Theater“, sagt er. Außerdem komponiert er für einige Szenen Musik. „Es geht uns darum, Wahrnehmungsräume zu schaffen“, sagt Ayla Pierrot Arendt. Wir sind gespannt darauf!

Komponist Filip Caranica und Choreografin Ayla Pierrot Arendt, Foto: Ayla Pierrot Arendt