31. Januar 2017

Der Portikus veröffentlicht das Videoarchiv von Helke Bayrle, die seit 1992 unzählige Künstler beim Aufbau ihrer Ausstellungen in der Frankfurter Institution aus nächster Nähe mit der Kamera begleitet hat.

Von Viven Trommer

Es wird gehämmert, gearbeitet, gedacht. Überall liegt Werkzeug, das Aufbauteam rennt hektisch umher und vom Künstler sind mehr oder weniger konkrete Anweisungen zu hören. Das Bildmaterial trägt die Ästhetik der 1990er-Jahre und erinnert an Familienfilme auf VHS-Kassetten. Helke Bayrle hat das Material im Portikus, der Ausstellungshalle auf der Maininsel, gefilmt und es anschließend von Sunah Choi schneiden lassen.

Seit Ende 1992 wächst dieses einzigartige Filmarchiv, das mittlerweile 157 Ausstellungsaufbauten im Portikus als Kurzvideos mit einer Länge von zwei bis fünfzehn Minuten umfasst. Subjektiv und vorsichtig dokumentiert es die Genese der Ausstellungen international renommierter Künstler wie Isa Genzken, Marlene Dumas, Rirkrit Tiravanija, Trisha Donnelly, Mike Bouchet/Paul McCarthy und vieler anderer mehr.

Sammeln und archivieren

Ab Donnerstag, den 2. Februar 2017 ist "Portikus Under Construction" der Öffentlichkeit in Form einer Webseite frei zugänglich gemacht. Zu diesem Anlass wird ab 19 Uhr im Portikus eine Releaseveranstaltung stattfinden, bei der auch das Buch "Portikus Under Construction 1992 – 2016" mit Beiträgen von unter anderem Kasper König, Daniel Birnbaum und Philippe Pirotte veröffentlicht wird. Das Buch markiert einen Zwischenstand in Bayrles 24-jähriger Filmgeschichte. Die Webseite hat einen anderen Auftrag, sie fungiert als ein neuer Anfang und wird nicht nur die bisherigen, sondern auch die zukünftigen Ausstellungsclips beherbergen, sammeln und archivieren.

Helke Bayrle hinter der Kamera

Der Portikus wurde 1987 vom Kurator Kasper König in seiner Funktion als Direktor der Städelschule gegründet. Die Schirn Kunsthalle wurde ein Jahr zuvor ins Leben gerufen und zeigte damals unter anderem die Ausstellungen "Imagen de Mexico" und "The Dinner Party" von Judy Chicago (beide 1987). Das bereits 1981 gegründete MMK Museum für Moderne Kunst arbeitete noch im Verborgenen und öffnete erst zehn Jahre später, 1991, die Türen seines neuen Hans Hollein Baus für die Besucher. Jedenfalls, so scheint es, galt im Jahr 1987 die Devise Frankfurt am Main solle kulturell belebt werden.

Ein sozialer Ort für Künstler

Und genau das war Königs Idee. Er wollte internationale Künstler einladen, um vor Ort neue Ausstellungsprojekte und Kunstwerke zu entwickeln. So gründete er den Portikus als einen Annex der Städelschule, der den jungen Künstlern an der Hochschule als erweiterte Bildungsinstitution dienen sollte. Hier konnten sie erfahrenen Künstlern bei der Arbeit zusehen, als Aufbauteam an der Realisierung von Ausstellungen mitarbeiten und hautnah erfahren, wie eine Institution im Inneren funktionierte. Der Portikus war und ist noch heute ein sozialer Ort für Künstler und Menschen, die im Begriff sind, Künstler zu werden.

Helke Bayrle, Filmstill, Ernst Caramelle, Portikus 1993, Copyright Helke Bayrle
Helke Bayrle, Filmstill, John Baldessari, Eden: Adam and Eve (with Ear and Nose) Plus Serpent, Portikus 2007, Copyright Helke Bayrle

Helke Bayrles Videos konzentrieren sich auf die Arbeit – das Handwerk – der Künstler. Ihr Archiv zeichne sich vor allem dadurch aus, sagt sie „dass ich sehr emotional vorgehe. Und dass ich aus der Hand filme, nicht mit dem Stativ. Mich hat interessiert, wie man den Künstler als Mensch erfassen kann, wie er seine Arbeit selbst erlebt, vertritt und aufbaut. Ich habe ein Feingefühl dafür entwickelt, wann meine Präsenz für die Künstler zu viel wird. Dann gehe ich einfach für zwei Stunden weg und komme wieder. Am besten ist es, nicht aufdringlich zu sein. Je mehr ich filme, desto mehr verstehe ich.“ [aus „Helke Bayrle im Gespräch mit Sunah Choi“, Fabian Schöneich (Hg.), Portikus Under Construction 1992 – 2016, Berlin 2017] Die Videotechnik funktioniert wie ein vermittelndes Medium, dass Bayrle beim Nachvollziehen von Ideen, Gedanken und Entscheidungen hilft. Und so gelingt es ihr, ganz nah heran an die Konzepte hinter den fertigen Ausstellungen zu gelangen.

Klettern auf Leitern

Heute, in Zeiten der hyper-virtuellen Welt wirkt die Bildqualität der bis ins Jahr 1999 hinein auf Hi-8 und danach auf Mini-DV gedrehten Videos unmodern. Anders als die glatten Bilder des Internets sprechen Helke Bayrles Bilder aber die Sprache von Nähe, Vertrautheit und Empathie. „Es ist mir ein zentrales Anliegen“, sagt Bayrle über ihre Arbeit, „dass ich mich nicht an Formaten aus dem Fernsehen orientiere. Ich halte nichts von dieser Art von Perfektionismus, auch nicht in technischer Hinsicht. Mir ist es wichtig, dass die Videos so knapp wie möglich geschnitten sind, dass man dennoch den Inhalt der Ausstellung gut verstehen kann und die Art, wie Kunst aufgehängt oder installiert ist.“

Helke Bayrle, Filmstill, Michael Stevenson, A Life of Crudity, Vulgarity, and Blindness, Portikus 2012, Copyright Helke Bayrle
Helke Bayrle, Filmstill, Lawrence Abu Hamdan, Earshot, Portikus 2016, Copyright Helke Bayrle

Die Videos geben einen ganz intimen Einblick hinter die Kulissen des Portikus. Sie zeigen die Künstler mit Besen und Kehrschaufel, beim Malern, beim Klettern auf Leitern, beim Umhängen der Bilder und beim Grübeln, ob die Entscheidung, die sie gerade getroffen haben, wirklich die richtige ist. Es scheint kein Zufall zu sein, dass der Portikus in diesem Jahr sein 30. Jubiläum feiert und zeitgleich Helke Bayrles Webseite veröffentlicht wird. Sie dokumentiert und archiviert das Schaffen der nichtsammelnden Institution mit sehr persönlichen und authentischen Videoaufnahmen. Bayrles Neugier, ihre Menschlichkeit und ihr Enthusiasmus stecken in den Bildern und machen sie zu fesselnden Zeitdokumenten.

Publikation "Helke Bayrle. Portikus Under Construction 1992 – 2016", Beiträge und Essays von Kuratoren und Rektoren des Portikus und der Städelschule