09. März 2017

Der Frankfurter Kunstverein zeigt eine Gruppenausstellung junger aufstrebender Künstler aus der Städelschule und der Hochschule für Gestaltung Offenbach.

Von Eugen El

Diese Schau beginnt unübersehbar schon an der Außenfassade des Steinernen Hauses am Römerberg. Man erblickt objekthafte Collagen, die fotografische Fragmente tätowierter Körper und figurative Linienzeichnungen verbinden. David Schiesser (geb. 1989) zeichnet auf Leinwand und Holz, realisiert aber auch raumfüllende Wandbilder. Zudem tätowiert er. Schiesser schöpft dabei aus unterschiedlichen Bildwelten, von der Antike über das Mittelalter bis hin zu Science-Fiction und Internetdatenbanken. Für die Ausstellung „Things I Think I Want“ bespielt Schiesser die Fassade, aber auch den Eingangsbereich und das Erdgeschoss des Kunstvereins.

In seiner Installation dominiert die menschliche Figur, mal als Umrisszeichnung, mal als Farbfotografie. Schiessers Studium beim Zeichner Manfred Stumpf an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) schlägt sich dabei nieder. Die Ausstellung versammelt insgesamt sechs junge Positionen. Davon kommen vier von der HfG und zwei weitere von der Städelschule. Franziska Nori, Direktorin des Frankfurter Kunstvereins, hat die Schau in Zusammenarbeit mit Christiane Cuticchio kuratiert. Nori möchte die jungen Talente fördern und ihnen die Erfahrung ermöglichen, sich in einer Institution zu präsentieren.

Metallstrukturen mit fleischlich anmutenden Elementen

Körperliche Präsenz ist eine Klammer dieser Ausstellung, die auf die Formulierung einer griffigen Titelthese verzichtet. Der Parcours setzt sich im ersten Obergeschoss mit Skulpturen von Hannah Levy (geb. 1991) fort. Levy hat an der Städelschule bei Tobias Rehberger studiert. Die in New York lebende Künstlerin arbeitet mit Materialien wie Metall, Silikon, Plastik und Latex. Im Kunstverein begegnet man Objekten, die kühl wirkende Metallstrukturen mit fleischlich anmutenden Elementen kombinieren. Zudem ist „Untitled“ von 2015 zu sehen, eine 75 Meter lange Silikonkette, die den Ausstellungsraum umspinnt und an eine Nabelschnur denken lässt.

Hannah Levy, Untitled, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz

Zwei filmische Arbeiten zeigt Aleksandar Radan (geb. 1988), der Film und elektronische Kunst an der HfG Offenbach studiert. Die neu entstandene Animation „Prophezeiung eines lächerlichen Avatars“ basiert auf vorgefundenem Bild- und Tonmaterial. Private Livestreams und YouTube waren unter anderem die Quellen. Franziska Nori spricht von einer „Anthropologie der Selbstdarstellung im Internet“. Die Stop-Motion-Animation setzt sich aus kurzen Sequenzen zusammen, die Radan aufwendig Bild für Bild gezeichnet hat. Es sind immer wieder Figuren und Körper, aber keine Gesichter zu sehen. Gewalt und Sexualität schwingen zuweilen mit.

Ein geistiges „Who's Who“ der alten Bundesrepublik

Für seine Arbeit „In Between Identities“ (2015) hat Aleksandar Radan das Computerspiel „GTA 5“ modifiziert. Er veränderte und erweiterte den Code des Spiels, um dessen ursprüngliche Erzählstruktur auszuhebeln. Im zweiten Obergeschoss präsentiert Jonas Englert (geb. 1989) sein fortlaufendes Videoprojekt „Zoon Politikon“. Englert, der an der HfG bei Heiner Blum und Alexander Oppermann studiert, hat ausgewählte Persönlichkeiten aus Politik, Wissenschaft und Kunst gebeten, aus ihrem Leben als politisches Wesen („Zoon Politikon“) zu erzählen. Bazon Brock, Daniel Cohn-Bendit, Hilmar Hoffmann, Peter Iden, Rita Süssmuth – die Namensliste liest sich wie ein geistiges „Who's Who“ der alten Bundesrepublik.

Jonas Englert, Zoon Politikon, 2014 (work in progress), Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz

Die sieben jeweils fünfzigminütigen Videos laufen gleichzeitig. An der Decke angebrachte „Soundtubes“ fokussieren den Klang zwar, gleichwohl bleiben alle Filme im Raum hörbar. Dadurch entstehe, so Franziska Nori, eine „Vielstimmigkeit der griechischen Agora“. Und auch eine schon fast physische Präsenz der Interviewpartner. Im dritten Obergeschoss hat der Städelabsolvent Adam Fearon (geb. 1984) eine ortsspezifische skulpturale Installation aufgebaut, die seine Videoarbeiten „Prompt“ und „Gyricon“ umfasst. Fearon schöpft für seine Videos aus seinem privaten Bildarchiv. Die Übergänge zwischen Analogen und Digitalem sind ein Thema in Fearons künstlerischer Arbeit.

Gestapelte Raumelemente

Zwischen diesen beiden Polen changiert auch die Raumintervention „Eins zu Eins“ des Offenbacher Künstler- und Gestalterkollektivs YRD.Works. Yacin Boudalfa (geb. 1987), David Bausch (geb. 1988) und Ruben Fischer (geb. 1987) haben den größten Raum des Kunstvereins exakt vermessen, am Computer in einzelne Elemente zerlegt und diese schließlich eigenhändig nachgebaut. Die neu geordneten und aufeinander gestapelten Raumelemente ergeben eine wuchtige Skulptur, die zugleich eine Bühne und ein Möbel ist – denn die Arbeit ist für alle Besucher begehbar. Ein logischer Ausklang einer Schau, die sich sehr um Körperlichkeit dreht.

 

Aleksandar Radan, Prophezeiung eines lächerlichen Avatars, 2017, Ausstellungsansicht Frankfurter Kunstverein, Foto: Norbert Miguletz