01. Mai 2017

Der kleine Frankfurter Ausstellungsraum „TheTip“ expandiert mit einer Schau von Ilka Schön und Maurice Uhrhan in den benachbarten Friseursalon.

Von Eugen El

Der Frankfurter Ausstellungsraum „TheTip“ ist eine ca. 2 x 2 Meter große, maximal 40 Zentimeter tiefe Wandvitrine. Vormals wurde sie als Schaufenster genutzt. Seit drei Jahren bespielen junge zeitgenössische Künstler den von Lars Becker gegründeten Raum. Die Vitrine ist eine Herausforderung, auf die jeder Künstler (und Kurator) bisher unterschiedlich reagierte. Die jüngste Schau, „form ever follows function“, wählt den Weg der Expansion. Sie findet zusätzlich in der Vitrine sowie im Schaufenster eines direkt benachbarten Friseursalons statt. „Ich möchte die Ausstellung erweitern“, sagt die Kuratorin Muriel Meyer. Fast möchte man eine Parallele zur Documenta erkennen, die dieses Jahr an zwei Orten, in Athen und Kassel, stattfindet.

Maurice Uhrhan, Installation bei TheTip, 2017

Meyer hat zu ihrer Ausstellung zwei Positionen eingeladen. Der 1985 geborene, in Düsseldorf lebende Künstler Maurice Uhrhan „beschäftigt sich skulptural mit alltäglichen Architekturstrukturen“, erzählt die Kuratorin. In die angestammte „TheTip“-Vitrine hat Uhrhan ein industriell hergestelltes Zaungitter passgenau eingesetzt. Zäune erfahren nicht erst seit der europäischen Flüchtlingskrise Konjunktur. Doch geht es Uhrhan nicht vordergründig um das Thema Abschottung. Auf dem von ihm installierten Zaungitter hängt, an wilde Plakatierung im städtischen Raum erinnernd, ein Poster. Es bezieht sich auf die Ausstellung „Architecture Without Architects“ (1964/65) im New Yorker Museum of Modern Art. Das Poster zeigt Dachkonstruktionen in West-Pakistan, die für Durchlüftung der einfachen Häuser sorgen.

Ein Wahlspruch moderner Architektur

Diese Konstruktionen sind alltägliche, nicht bewusst gestaltete Formen, die – wie der Zaun – nur der Funktion dienen. Abbildungen dieser pakistanischen Lüftungsanlagen waren in den 60er-Jahren in der MoMA-Ausstellung zu sehen. Die Schau „stellte jenseits der Errungenschaften der modernen Architektur Perspektiven dar, die heute mehr denn je als aktuell gelten, wie kollaborative, der Umwelt angepasste und formal einfache Lösungen“, erläutert Muriel Meyer. Den Titel der aktuellen Doppelausstellung bei „TheTip“ wählte sie bewusst. Die Sentenz „form ever follows function“ stammt aus einem Aufsatz des Architekten Louis H. Sullivan aus dem Jahr 1896. „form follows function“ wurde zu einem Wahlspruch der modernen Architektur und des Designs.

Ilka Schön bei TheTip und dem benachbarten Friseursalon, 2017

Die 1983 geborene, in Frankfurt lebende Künstlerin Ilka Schön „arbeitet immer sehr ortsspezifisch und kollaborativ“, erzählt Meyer. Schön hat die Vitrine des benachbarten Friseursalons „John's Hair Salon“ zunächst behutsam restauriert. Sie entfernte den Rost, lackierte die Vitrine neu. Wie ein „White Cube“-Ausstellungsraum, eine kleine Schwester der „TheTip“-Vitrine, erscheint die Vitrine nun. Ursprünglich waren darin Abbildungen von Haarschnittmodellen zu sehen. Bei genauem Hinsehen entdeckte man eine erstaunliche Mischung. Der Salon wird seit kurzem von einem Äthiopier geführt, der die früheren Modellfotos mit Beispielbildern von Afrohaarschnitten ergänzte.

Formal wie Friseurutensilien

Geradezu museal erschien Ilka Schön das Schaufenster des Friseursalons. Die sorgsam darin platzierten Haarspraydosen und Shampoo Flaschen erinnerten sie an eine Präsentation von kulturellen Artefakten. Für die Schau „form ever follows function“ hat Schön Skulpturen angefertigt, die formal wie Friseurutensilien wirken. Die psychedelisch-bunten Skulpturen sind für die Dauer der Ausstellung im Schaufenster sowie in der restaurierten Vitrine des Friseursalons zu sehen. Auf die Nachbarschaft zu mehreren Supermärkten spielt zudem eine Arbeit an, die Ilka Schön vor ein Werbeplakat im Schaufenster gehängt hat. Schön hat auf eine transparente Folie das äthiopische Silbenzeichnen „JA“ gemalt. Unter anderem das Logo der gleichnamigen Rewe-Billigmarke.

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Ilka Schön bei TheTip, Foto: Stefan Stark, 2017
Maurice Uhrhan, Detailansicht bei TheTip, 2017