04. Juli 2017

Im Fotografie Forum Frankfurt wird die Musikfotografie zelebriert und nebenbei einiges über Subkulturen und Ikonenbildung offenbart.

Von Katharina Cichosch

Wer einmal die Naturgewalten erlebt hat, die da auf und vor Konzertbühnen oder aus den massiv übersteuerten Lautsprechern im familiären Partykeller oder im Proberaum entfesselt werden, sobald die Show anläuft, der kann sich leicht fragen: Wo hielten sich diese rohen Kräfte eigentlich vor dem Aufkommen der Populärmusik versteckt? John Lennon gab seinerzeit keine Antwort, aber selbst den einigermaßen ratlosen Beobachter. Und er konnte ebenso nur feststellen, wie es sich anfühlte, dabei zu sein: Plötzlich fühle man sich wie im Auge des Hurrikan, wird er aus unbekannter Quelle gern zitiert, „Du wachst im Konzert auf und denkst: Wow, wie bin ich hier bloß gelandet?“ Schriftsteller Henry Miller übrigens empfand Konzerte eher als eine selbstgewählte Form der Folter, aber auch das passt ja zum Gewaltigen.

Du wachst im Konzert auf und denkst: Wow, wie bin ich hier bloß gelandet?

John Lennon

Vermutlich stellt die Fotografie das Medium par excellence dar, um jene Naturgewalten in Bilder zu übersetzen: Erst die Möglichkeit, jene sagenumwobenen Momente von Ekstase, Exzess und Entfesselung bei Musikern wie Publikum auf unbestimmte Ewigkeit einzufrieren, erlaubte jene Mythenbildung, die Ikonen wie Bowie, Jagger und Joplin mitsamt ihrem Star- und Fan-Kult im Schlepp hervorbringen konnte. Mehr noch als jeder Musikfilm ist es das einzelne Bild, das Generationen an Jugendzimmern geprägt und sich die Geschichtsschreibung der Subkulturen gleichermaßen einverleibt wie sie gespiegelt, geprägt und geschärft hat.

Markige Ansagen gegen den Kapitalismus

Das Fotografie Forum Frankfurt präsentiert passend zur Saison der Open-Air-Großveranstaltungen einen Überblick. Wie dieses so an Emotionen und Erinnerungen geknüpfte Extrakt Musikfotografie im White Cube bestehen wird? Die Frage ist umsonst gestellt respektive wird hier gar nicht erst thematisiert: Denn „Rock.Funk.Punk.“ geht ganz und gar emphatisch an die Sache heran – schon auf der Treppe zur Ausstellung klingt die Playlist, die eigens für die Schau zusammengestellt wurde. Eine Wand leuchtet knallrot, auf einer anderen prangt als Allover-Fototapete die Band „Rage Against The Machine“, deren Sound man vor vielen Jahren einmal als Crossover bezeichnete und die mit markigen Ansagen gegen den Kapitalismus von der Großbühne herab von sich reden machte.

Gijsbert Hanekroot, Frank Zappa, Amsterdam, 1972, © Gijsbert Hanekroot

Dass ausgerechnet der Pop als Initialzündung einer jeden, nun eben: populären Musikkultur im Titel nicht vertreten ist, offenbart viel über ein verbreitetes Missverständnis. Obwohl alle hier präsentierten Strömungen und Subkulturen einst aus derselben Ursuppe sich ausdifferenzierten, wurde „Pop“ vom Inbegriff der Befreiung zum Inbegriff des Ausverkaufs und Pop blöd zu finden zum Muss eines jeden, der sich anders fühlen wollte als der Normalsterbliche. Dabei zeigen Arbeiten wie die Rock am Ring-Serie von Felix und Günter Pfannmüller, dass sich jene Abgrenzung längst nicht mehr im tatsächlichen Gegensatz Club zur Großbühne, Off-Szene zu Profi-Event und so fort ausmachen lässt. Wenn es denn jemals so gewesen sein sollte.

Die 1001 Subkulturen

Viel eher geht es, so legen die Bilder in leuchtender Hochglanz-Ästhetik auf schön kontrastierendem Matt-Ausdruck nahe, irgendwie um ein Lebensgefühl, vielleicht ein Dagegen, um einen angemessenen Eskapismus vom sonstigen Alltag, zumindest auf Fan-Seite. Im Zweifel also bloß um eine gute Zeit gemeinsam mit Gleichgesinnten. Wie die genau aussieht, gestaltet sich je nach Dekade und Subkultur höchst unterschiedlich: Der rote Faden, der die verschiedenen Fotografen und Arbeiten verbindet, trennt dann auch schon wieder die 1001 Subkulturen, die sich hier qua Musikgeschmack, Stil und Selbstverständnis voneinander abgrenzen. Das ist spannend am so umfangreichen Thema Musik und –Fotografie: dass sich jene, die hier unter dem großen Deckmantel zu einer Schau zusammengebracht werden, im realen Leben nie begegnet wären und sind.

Felix und Günter Pfannmüller, Hayley Williams, Paramore, Rock im Park, Nürnberg 2013, © Felix und Günter Pfannmüller
Stanley Greene, Freddy Fox lead singer of The Mutants, at the Deaf Club on Valencia Street in 1979, aus der Serie »The Western Front«, © Stanley Greene / NOOR

Zu entdecken gibt es einiges und gerade so viel, dass man sich mit etwas Zeit jedem einzelnen Motiv widmen kann: Weltberühmte Porträts wie der gerade so überlebensgroße, fast dreidimensional aus seinem Bildrahmen herauslugende Kurt Cobain im eh schon ikonografischen Schwarz-Weiß von Anton Corbijn, das die Mechanismen visueller Legendenbildung ebenso bedient wie vermittelt. Medium und Thema sind gesetzt, innerhalb dieser losen Grenzen bietet die Ausstellung eine stattliche Vielfalt; Schwarz-Weiß oder in Farbe, analog oder digital und in unterschiedlichsten Präsentationsformen kommen die Arbeiten daher.

Der Wille zum uniformen Look

In der vornehmlich afroamerikanischen South Side von Chicago prägten Mitte der 70er-Jahre Soul, R’n’B und Funk die Clubs der Disco-Fans, deren ausschweifende Nächte Michael L. Abramsons Kamera auf schwerem Barytpapier mit seinen tiefstmöglichen Schwarzwerten festgehalten hat. Stanley Greenes Arbeiten, mit denen der Fotojournalist zur selben Anfangszeit bis Mitte der 80er-Jahre Punks, deren Clubs und Partys in San Francisco dokumentierte, tragen noch die Spuren des Plakatleims an sich, mit dem sie direkt an die Ausstellungswand geklebt wurden, den DIY-Gestus jener Szene aufgreifend. Direkt nebenan die Fotoporträts junger Fans aus London: Wo der Ursprung des Punk vielleicht auch deshalb (und eigentlich nicht ganz richtig) verortet wird, weil der Wille seiner Anhänger zum uniformen Look, wie hier eindrucksvoll zu sehen, stärker und strenger ausfiel als anderswo.

Derek Ridgers, Shelley, Chelsea, 1982, © Derek Ridgers

Heute genügt mitunter schon ein Band-T-Shirt, um die eigene Zugehörigkeit zum Ausdruck zu bringen: Susan Barnett hat Musikfans fotografiert, die mit ihrem Rücken und ergo mit hier aufgedrucktem Slogan oder Bandname zur Kamera stehen. Und die Musiker, die Identität stiften und dabei selbst natürlich niemals Außenstehende sind, sondern im Zirkus mittendrin, wie John Lennon es formuliert hatte? Auch sie sind hier selbstredend vertreten, auf Vintage-Prints wie von der Frankfurterin Barbara Klemm, hier und da ein wenig eingedellt und zerkratzt, was die organische Überzeugungskraft analoger Fotografie eher noch hervorhebt als schmälert: Bilder von Janis Joplin, Bob Dylan, Sade und Mick Jagger wirken hier larger than life, obwohl sie doch vergleichsweise klein formatiert sind. Ebenso übrigens wie das Dorian Gray, der einst legendäre Club am Frankfurter Flughafen, dessen illustren Nächte Klemm im Bild festgehalten hat.

Heraus sticht dann noch eine Präsentation von Pep Bonet, der die Rockband Motörhead mehrere Jahre auf Tour begleiten durfte. Die Ergebnisse seiner fotografischen Dokumentation wurden mit Musik hinterlegt zu einer Art Slideshow, die sich vor allem jenen mystischen 20 bis 22 Stunden Tour-Alltags außerhalb der Konzerte widmet. Im Vorwort zum Foto-Film fällt dann noch jenes Zitat, das als Quintessenz der Musikfotografie in ihren besten Momenten herhalten darf: „…you can almost smell life!“

Pep Bonet, Mötorhead South American Tour, 2010, aus der Serie »Röadkill – Motörhead«, © Pep Bonet / NOOR