20. März 2017

Die Künstlerin Andrea Grützner erreicht in ihren Fotografien einen Grad an Abstraktion, der sogar einen holzvertäfelten Landgasthof auf kühle geometrische Formen reduziert.

Von Jens Balkenborg

Das Wort „Traditionsgasthof“ dürfte gerade bei dörflich Sozialisierten unweigerlich zu einer Kette von Assoziationen führen: dunkle Holzvertäfelungen an Wänden und Decken; ein großer Kneipenraum mit ebenso hölzerner Theke und einem (vielleicht sogar rotnasigen) Wirt; an den Wänden ausgestopfte Tierköpfe, Wimpel, Wappen und von der Sonne sepia-verfärbte Schwarz-Weiß-Fotos.

Von dieser ländlicher Nostalgie ist bei der Fotografin Andrea Grützner (*1984, Pirna) nichts zu spüren: In ihrer Fotoserie „Erbgericht“ inszeniert sie den heimeligen, im sächsischen Polenz gelegenen Traditionsgasthof „Zum Erbgericht“ aus ungewohnten Blickwinkeln als buntes Intermezzo aus geometrischen Formen und Schatten. Die Berliner Künstlerin versteht sich darauf, die Wirklichkeit in kleine Fragmente zu zerlegen und das Besondere im Detail zu finden, wie auch ihre Serien „Tanztee“ und „Das Eck“ zeigen. Ihre Bilder changieren dabei an der Grenze von Dokumentation und Abstraktion. Die drei Werkserien werden nun erstmals in Frankfurt in der Galerie Rundgaenger präsentiert.

Fünf politische Systeme überlebt

Fünf Jahre lang lebte Andrea Grützner als Kind in dem Dorf am Rand der Sächsischen Schweiz. Nach verschiedenen Stationen absolvierte sie 2014 ihren Master an der Fachhochschule Bielefeld bei Prof. Katharina Bosse und Prof. Dr. Kirsten Wagner. Der Gasthof „Zum Erbgericht“ ist dabei immer ein Teil ihrer Welt geblieben: „Seit ich mich erinnern kann, feiern wir nahezu jedes Familienfest in diesem Haus.“ Das Haus steckt voller Geschichten, hat allerhand Lokalkolorit und fünf politische Systeme auf dem Buckel. In seinen vier Wänden sucht Andrea Grützner nach „Fotos, die den Zauber des Hauses rüberbringen.“ Sie geht auf historische Spurensuche, produziert aber Bilder, die nichts von diesen Sentimentalitäten verraten.

Erbgericht © Andrea Grützner

Dabei helfen ihr eine Fachkamera von Linhof, mit der analog Perspektiv- und Tiefenschärfemanipulation erzeugt werden können, sowie eine Mischung aus farbigen und normalen Blitzen, die für leuchtende Schatten sorgen. „Die Kamera war für meinen Stil sehr wichtig“ erklärt Grützner, und die Bilder sprechen für sich: Teilweise verschwimmen darin durch weiche Optik, geometrische Strukturen und Farben die  Grenzen zwischen Fotografie und Malerei, die ungewöhnlichen Perspektiven abstrahieren das Gezeigte. Aus welchem Winkel sind Kümmerling-Kranz, Spiegel und Rohre fotografiert?

Tanzende Damen

Auch für die Serie „Tanztee“ kehrte die Fotografin zurück in das Wirtshaus des Gasthofs. Dort wird regelmäßig zur Tanzveranstaltung „Tanztee“ geladen. Adrett gekleidet finden sich die älteren Damen und Herren des Dorfes ein und feiern. Während die in Unterzahl anwesenden Männer eher an den Tischen schwofen, tanzen die Damen miteinander. „Die Männer sind da, werden aber nicht fotografiert“, erklärt Grützner. Ihr geht es um die Zärtlichkeiten zwischen Frauen beim Tanz, wie sie in ihren knallbunten Kleidern über das Parkett fegen. Die Fotografin hat diese Momente festgehalten als anonyme Zweisamkeit und collagenartig zusammengestellt, ein bunter Flickenteppich aus sich berührenden Frauenarmen, der mehr Abstraktion einer zärtlichen Intimität als Dokumentation einer Feier ist.

Erbgericht © Andrea Grützner

Die Serie „Das Eck“ entstand während Andrea Grützners Tätigkeit als Stadtfotografin von Koblenz. Die Aufgabe lautete, „den Koblenzern und Touristen ein anderes, neues Bild der Stadt zu zeigen.“ In der Außendarstellung wird die Stadt mit ihren alten Prachtbauten als pittoreske deutsche Altstadt präsentiert. Grützner aber interessierte sich für die Leerstellen im Stadtbild in Folge des Zweiten Weltkrieges: „Ich beschäftige mich mit dem, was ich eigentlich hier sehe: nämlich die Nachkriegsarchitektur, die sehr viel über die Stadt erzählt.“ In „Das Eck“ stellt sie Ausschnitte von Nachkriegsgebäuden, Geometrien aus Ecken und Kanten von Häusern, Wänden und Mauern den Bildern von alten Bauten gegenüber, deren Hintergründe geschwärzt sind. Auch hier erreicht sie mit der Isolierung des Materials erstaunliche Verfremdungen der Wirklichkeit. 

Am Donnerstag, den 30. März 2017 von 19 bis 21 Uhr, ist Andrea Grützner noch einmal zu Gast in der Galerie Rundgaenger und gibt im Dialog mit Galerist Daniel Schierke einen Einblick in die drei ausgestellten Werkserien und weitere Arbeiten.

Das Eck © Andrea Grützner

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