16. November 2016

Das Filmfestival FILMZ in Mainz feiert den deutschsprachigen Film mit prominenten Gästen. Das dazugehörige Symposium setzt ein Statement für Toleranz und Offenheit.

Von Jens Balkenborg

„Publikumsnah mit deutschsprachigen Filmen abseits der Schweighöfer-Mainstreams und irgendwie studentisch.“ Es ist eine sympathische Beschreibung des ehrenamtlich gestemmten „FILMZ – Festivals des deutschen Kinos“, die Stella Dresselhaus aus dem Organisationsteam ohne groß nachzudenken über die Lippen kommt. Bereits zum 15. Mal wird im Rahmen des Mainzer Festivals der deutschsprachige Film auch aus Österreich und der Schweiz in den Wettbewerbskategorien Spielfilm, Dokumentarfilm und Mittelanger Film und einem breiten Rahmenprogramm gefeiert. 

Was als kleines studentisches Ding anfing, ist mittlerweile feste Größe in der Kulturlandschaft unseres Nachbarbundeslandes. Der wohl prominenteste Gast in diesem Jahr ist Dominik Graf. Der renommierte Regisseur stellt seinen aktuellen Dokumentarfilm „Verfluchte Liebe deutsche Film“, eine essayistische Reflexion über das deutsche Kino, vor und hat zudem noch seine authentische Berliner-Kiez-Geschichte „Hotte im Paradies“ von 2002 im Gepäck.

Abseits des Mainstreams

Dem 2001 gegründeten Festival geht es um Filme hinter der rein ökonomisch orientierten Cineplex-Fassade. In den letzten Jahren waren zum Beispiel immer wieder Vertreterinnen und Vertreter aus dem Dunstkreis des sogenannten „German Mumblecore“ zu Gast in Mainz. Dabei handelt es sich um eine Bewegung, die die Improvisation auf allen Ebenen zur obersten Maxime erklärt hat: Mit einem Minibudget, oft ganz ohne Drehbuch oder mit einigen wenigen Notizen haben Regisseure wie Axel Ranisch, Nico Sommer, Jakob Lass oder Isabell Šuba tolle Filme gemacht, die mit einer ganz eigenen Ästhetik und Energie überzeugen.

Ranisch hat mit seiner schrullig-schrägen Coming of Age Tragikomödie „Ich fühl mich Disco“ im Jahr 2013 das Mainzer Rad gewonnen. Auch der diesjährigen Eröffnungsfilm, „Die Hannas“ von Julia C. Kaiser, ist im Stile des „Murmelkinos“ gedreht. Spannend ist auch die Kategorie Mittelanger Film: Hier laufen Produktionen, die „zu lang für Kurzfilme und zu kurz für Langfilme“ sind, aber gerade dadurch das Experimentelle des Kurzfilms und die Geschichten des Langfilms in sich vereinen können, so Stella. Übrigens entscheiden beim FILMZ die Besucherinnen und Besucher darüber, wer am Ende die Siegestrophäe, das Mainzer Rad, in den Händen halten soll. „Die Entscheidung des Publikums ist für uns das Herz von FILMZ“, erklärt Stella.

Wer ist wir: Diskurs über den deutschen Film

FILMZ reflektiert und diskutiert in Symposien immer wieder Entwicklungen und Tendenzen im deutschen Film. In diesem Jahr widmet sich das Festival dem Thema „Wer ist Wir? Deutscher Film von Migration bis Queer“. „Wir wollen ein Statement für Toleranz und Offenheit setzen“, so Stella. Anhand aktueller deutschsprachiger Filme werden Fragen zu Migration, Integration und Toleranz diskutiert. Im Rahmen des Symposiums wird unter anderem Daniel Abmas feinfühliger Dokumentarfilm „Transit Havanna“ gezeigt, der drei kubanischen Transsexuellen folgt, die auf ihre Geschlechtsumwandlung warten.

Die Hannas, Tellfilm
Transit Havanna, Rise and Shine Cinema

Zudem beschäftigt sich das Symposium an zwei Abenden in Kooperation mit dem Deutschen Filmmuseum Frankfurt mit der „Neuen Deutschen Sinnlichkeit“ als Bewegung. Darunter zusammengefasst sind Produktionen, die „sehr ungewöhnlich sind für den deutschen Film, weil sie sehr poetisch und sinnlich sind“, so Moderator Urs Spörri vom Deutschen Filmmuseum. Wie zum Beispiel „Jonathan“ von Piotr J. Lewandowski, ein sensibles und zugleich sehr körperliches Familiendrama um ein spätes Coming out und Tod. „Ich beobachte auf vielen deutschsprachigen Filmfestivals, dass immer mehr Filme dieser Bewegung angehören könnten“, erklärt Spörri weiter. Allerdings haben diese Filme Probleme, überhaupt gefördert zu werden, da es dafür oft an Mut fehlt: Nicht selten werden darin inhaltlich gewagte Themen behandelt, zudem sei die sinnliche Erfahrbarkeit für die verschiedenen Filmfördergremien schwer abbildbar.

GONG-Show-Trash

Aus diesem Grund versucht das Symposium mit seinem filmtheoretischen Ansatz auch Charakteristika etwa zu Kamera- und Schauspielerarbeit, Schnitt und Lichtsetzung zu definieren, um die Strömung greifbarer zu machen. Dass die Filme auf die große Leinwand gehören, steht für Urs Spörri außer Frage: „Das sind alles Filme fürs Kino. Da geht’s ums sich fallen lassen, um ein Gefühl der Intimität.“

Jonathan, © Farbfilm, Fotograf: Jeremy Rouse

Neben Stummfilmkonzert, FILMZ Party und Filmflohmarkt gibt es mit der GONG-Show einen kultigen Rahmenprogrammpunkt, der den Trash zelebriert: Jeder kann einen eigenen Film von maximal 10 Minuten Länge mitbringen. Alle Filme, die das Publikum nicht ausgongt, werden von einer Jury bewertet und können Preise gewinnen. „Wir hoffen immer, dass die Filme möglichst trashig sind“, erklärt Stella lachend.