16. Oktober 2017

Das Museum Giersch widmet dem jüdischen Maler Eric Isenburger eine Retrospektive, der nach 1933 aus Deutschland fliehen musste und fast in Vergessenheit geriet.

Von Eugen El

Er verbrachte den Großteil seines Lebens in New York – und war ein Sohn Frankfurts. Eric Isenburger (1902-1994) ging zur Musterschule im Stadtteil Nordend, damals ein Gymnasium für Jungen. Anfang der Zwanziger studierte er Malerei und Graphik an der Frankfurter Kunstgewerbeschule, die zwischenzeitlich mit der Städelschule fusionierte. Dort muss Isenburger auch Max Beckmann begegnet sein, der bis 1933 als Professor wirkte. Doch während Beckmann in Frankfurt noch heute omnipräsent ist, ist der Künstler Eric Isenburger völlig vergessen. Lediglich ein frühes Selbstporträt aus dem Jahr 1923 findet sich in der Sammlung des Jüdischen Museums.

Das Gemälde zeigt Erich Jakob Isenburger (so sein damaliger Name) in korrekter bürgerlicher Kleidung, mit Pfeife im Mund vor einer angedeuteten Häuserlandschaft. Die Farben sind gedämpft, die Häuser, wie auch der Porträtierte, wirken zerklüftet. Es sind noch Anklänge zum Expressionismus zu erkennen. Mit einem Fuß jedoch steht Isenburger in der künstlerischen Zeitströmung, die später unter dem Schlagwort „Neue Sachlichkeit“ bekannt wird. Eric Isenburger wird im Laufe der Jahrzehnte noch viele Stile ausprobieren und zahlreiche künstlerische Einflüsse aufnehmen. Das zeigt eindrücklich die Retrospektive, die das Frankfurter Museum Giersch Isenburger widmet.

Zaghafte Versuche

Etwa 110 Exponate, darunter 23 Leihgaben aus den USA, zeigen Eric Isenburgers Weg von Frankfurt nach New York samt wichtigen Zwischenstationen in Wien, Berlin und Frankreich. Die Schau ist in loser chronologischer Folge anhand thematischer Kabinette aufgebaut. Der erste Saal ist Isenburgers lebenslanger Gefährtin, Muse und Modell, der Ausdruckstänzerin Jula Isenburger (1908-2000), gewidmet. In allen Lebens- und Schaffensphasen porträtierte Isenburger seine Frau. Das nächste Kabinett beherbergt Isenburgers Arbeiten aus der Frankfurter Zeit, darunter das eingangs erwähnte Selbstporträt, aber auch noch recht zaghaft wirkende Versuche in den Gattungen Landschaft, Stillleben und Porträt.

Eric Isenburger: Selbstbildnis, 1923, Jüdisches Museum Frankfurt, Foto: Ursula Seitz-Gray, Frankfurt am Main © Shmuel Elen, Israel

Kurz nach ihrer Heirat im Dezember 1927 zogen die Isenburgers nach Wien, wo Jula ihre Ausbildung zur Tänzerin begann und Eric als freier Künstler wirkte. Aus dieser Zeit stammen zahlreiche Porträts, darunter einige markante Darstellungen Julas. Sie lassen die Anmut dieser Frau erahnen. Ein gezeichnetes „Selbstporträt mit Jula“ aus dem Jahr 1928 zeigt die innige Verbundenheit des Künstlerpaares. 1930 betätigte sich Eric Isenburger als Bühnenbildner für die „Wilnaer Truppe“, ein jüdisches Wandertheater. Die in der Ausstellung präsentierten Bühnenbildentwürfe erinnern an expressionistische Filmkulissen.

Gurlitt und die NS-Zeit

Seinen künstlerischen Durchbruch erlebte Eric Isenburger in Berlin, wo er im Januar 1931 mit Jula eintraf. Dort fand Isenburger zu einer eigentümlichen Maltechnik. Er legt seine Gemälde zunächst in dunklen Farbtönen an, um die helleren Partien anschließend freizukratzen. Auch ritzt er feine Konturen in die Bildmotive hinein. Wie schnell sich Isenburger in der unübersichtlichen, brodelnden Kunstszene der damaligen Reichshauptstadt vernetzen konnte, demonstriert sein Bildnis Paul Westheims, das um 1932 entstand. Westheim, umtriebiger Publizist und Herausgeber der tonangebenden Zeitschrift „Das Kunstblatt“, war eine zentrale Figur im Kunstleben der Weimarer Republik.

Eric Isenburger: Jula, 1929, Privatsammlung, Foto: Uwe Dettmar, © Shmuel Elen, Israel

Ebenfalls um 1932 porträtierte Eric Isenburger den Berliner Galeristen Wolfgang Gurlitt. Er war ein Cousin des berüchtigten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt, der große Teile seiner Sammlung in der NS-Zeit zusammentrug. Vor einigen Jahren sorgte der Fund dieser über 1000 Werke umfassenden Kunstsammlung für bundesweites Aufsehen. Ab Anfang November 2017 sind ausgewählte Werke aus der Gurlitt-Sammlung in Bonn und Bern zu sehen. Wolfgang Gurlitt zeigte im Januar 1933, kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten, eine größere Anzahl von Eric Isenburgers Gemälden. Eine Schwarzweißfotografie, die im Museum Giersch zu sehen ist, dokumentiert die Hängung der Ausstellung.

Buchstäblich französischer

Seinen Berliner Erfolg konnte Eric Isenburger nicht auskosten. Die nationalsozialistische Zeitung „Der deutsche Student“ veröffentlichte einen Hetzartikel gegen seine Ausstellung bei Wolfgang Gurlitt. Schon Ende März 1933 flohen die Isenburgers nach Paris. Etwa viereinhalb Jahre verbrachte das Künstlerpaar in der französischen Hauptstadt. 1937 zogen sie nach Nizza, 1939 in das südfranzösische Städtchen Grasse. Isenburgers Malerei wandelt sich in diesen Jahren, sie wird buchstäblich französischer. Isenburger, der sich inzwischen offiziell Eric nennt, reduziert seine Farbplatte auf vier Pigmente. Seine Porträts, Interieurs, Landschaften und Stillleben hellen sich auf. Isenburger lässt das (mediterrane) Licht hinein.

Eric Isenburger: Bühnenbildentwurf I. Akt Puste, Kretschme, 1930, Eric und Jula Isenburger Gesellschaft, © Shmuel Elen, Israel

Dass Eric und Jula Isenburger 1941 über Lissabon nach New York fliehen konnten, war Freunden, Fürsprechern und Verwandten zu verdanken. Die Flucht rettete Eric und Jula das Leben: Als Juden waren sie knapp dem Holocaust entkommen. Während Jula Isenburger in den USA nicht mehr an ihre Laufbahn als Tänzerin anknüpfen konnte, war Eric bis ins hohe Alter künstlerisch aktiv – und auch erfolgreich. Das bewegte Leben und unbeirrte Wirken der Isenburgers, das in Frankfurt begann, verdient es, dem Vergessen entrissen zu werden.

Eric Isenburger: Roar of the Wooden Horse, 1947, Private Collection, Foto: Uwe Dettmar, © Shmuel Elen, Israel

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