29. Januar 2016

Claus Richter entführt uns mit der Ausstellung "The Frankfurt Songbook" in seine fabelhafte Welt. Vernissage ist am 4. Februar in der „Basis“.

Von Markus Woelfelschneider

„Viele Künstler präsentieren ihre Werke ja gerne in einem minimalistischen Ambiente“, sagt Claus Richter. „Mir hingegen gefällt eine gewisse Reizüberflutung“. Richter ist Fan von amerikanischen Shopping Malls, Vergnügungsparks und Spielzeugläden, die so voll sind, dass man gar nicht weiß, wo man zuerst hingucken soll. „Ich leide unter Horror vacui“, bekennt er – der Angst vor dem leeren Raum.

Wie jeder gute Illusionist trägt Richter bei unserem Treffen im Ausstellungsraum der „Basis“ schwarz. Schwarze Hose, schwarzes T-Shirt, dunkler Vollbart. Auf seinem linken Unterarm ist ein Anker tätowiert. Richter zog in den Neunzigern von Lippstadt in Nordrhein Westfalen ins Rhein-Main-Gebiet, um Kunst zu studieren. „Ich guckte mir damals sowohl die Städelschule als auch die HfG Offenbach an – und entschied mich für HfG. Für jemanden, der freier Künstler werden will, ist das wohl eher untypisch. Im Nachhinein betrachtet, war es aber genau die richtige Wahl. Ich habe dort viele Techniken gelernt, die ich heute gut gebrauchen kann: Kulissenbau zum Beispiel“.

7,5 Tonnen Kunst

Inzwischen lebt Richter in Köln. Seine Ausstellung „The Frankfurt Songbook“, die am 4. Februar in der „Basis“ eröffnet wird, ist für ihn eine prima Gelegenheit, den Frankfurtern zu zeigen, was er in den vergangenen sieben Jahren so getrieben hat. Mit einem 7,5 Tonnen schweren LKW voller Kunst ist er angereist.

Claus Richter, The Frankfurt Songbook, Ausstellungsansicht Basis e.V., 2016

Die riesige Installation „Rattenstraße“ stammt noch aus Frankfurter Zeiten und war bereits auf der Art Collogne zu sehen. Die Kulisse mit den täuschend echten Backsteinwänden, die in Wirklichkeit aus Styropor sind, könnte einem Roman von Charles Dickens entsprungen sein. Man sieht die beleuchteten Schaufenster eines Spielzeugladens, eines Candy-Shops und einer Konditorei, die schon einmal bessere Tage erlebt haben, nun aber wie geplündert wirken. In der heruntergekommenen Musikalienhandlung sitzt eine elektrische Ratte und singt „Put On A Happy Face“ – eine Durchhalteparole, die dieses Elendsquartier offenbar dringend nötig hat. „In meiner Kunst ist es oft so, dass vieles auf den ersten Blick sehr verlockend und verheißungsvoll erscheint. Auf den zweiten aber leicht melancholisch, traurig und depressiv“, erklärt Richter.

„Ich arbeite ein bisschen wie Walt Disney“

Ein paar Meter von der Rattenstraße entfernt steht eine Art Puppenhaus, das sich bei näherem Hinsehen als Sanatorium entpuppt – inklusive Patientenfiguren, die bei unserem Besuch aber noch nicht eingecheckt haben. Oder besser gesagt: Noch nicht ausgepackt wurden. „Wenn man durch die Fenster guckt, sieht man jemanden, der gerade mit seinen Koffern angekommen und von dieser Scheißwelt ganz zerstört ist“, erzählt Richter, der dabei seinerseits ziemlich lebenslustig klingt. Zu dieser Arbeit hat er sich von Thomas Manns Roman "Zauberberg" inspirieren lassen. Ein konkretes Vorbild für das Gebäude gibt es aber nicht. „Ich arbeite ein bisschen wie Walt Disney“, sagt Richter. „Wenn die ein Märchenschloss brauchen, nehmen sie sich auch ein bisschen was von Neuschwanstein und ein bisschen was von anderswo.“

Claus Richter, The Frankfurt Songbook, Ausstellungsansicht Basis e.V., 2016

Um die Ecke hängen vier gerahmte Lebkuchen aus Stoff an der Wand. Wer will, kann darin eine Kritik am Kunstmarkt erkennen: Hinter den unschuldigen Leckereien lauert womöglich eine gierige Hexe. Richters Kunst ist nicht frei von solchen Doppelbödigkeiten. In erster Linie möchte er jedoch nicht kritisieren, sondern verzaubern, wie er unumwunden zugibt. Eskapismus ist für ihn kein Schimpfwort, sondern eine Chance. „Viele große Utopien oder Erfindungen haben damit angefangen, dass jemand träumt oder herumspinnt“.

E.T. und Eliot in den Fängen der Wissenschaftler

Auf einem von Richters Holzreliefs, die Teil der Ausstellung sind, sieht man einen steifen Mann mit Hut, der eine Art Embryonalhaltung einnimmt, um sich in eine bunte Bauklötzchenwelt zu flüchten. Die Szene ist von Richters Lieblingsfilm E.T. beeinflusst: „Als E.T. und Eliot in die Fänge der Wissenschaftler geraten, klettert dessen älterer und vermeintlich vernünftigerer Bruder in den begehbaren Spielzeugschrank der Familie. Dort kuschelt er sich zwischen all den Stofftieren ein.“ Neben Richters Arbeit steht ein kleines Holzmännchen, das mit so viel Realitätsflucht offenbar nicht einverstanden ist. Mahnend schwingt es den langen Zeigefinger, der von einem Metronom betrieben wird. „Na-Na-Na“-Männchen nennt Richter diese Figur.

Claus Richter, The Frankfurt Songbook, Ausstellungsansicht Basis e.V., 2016

Claus Richter ist ein leidenschaftlicher Sammler von altem Spielzeug – vorwiegend aus den siebziger und achtziger Jahren und der vorletzten Jahrhundertwende. Davon zeugt das Künstlerbuch „Peter Pan & Me“, in dem er seine Sammlung präsentiert. Ebenfalls zur Ausstellung gehören Plakate, die den Covern von Selbsthilfebüchern nachempfunden sind. „How You Solve All Of Your Problems In Less Than A Day“ steht auf einem Exemplar. „In meinen Arbeiten geht es oft auch um falsche Versprechungen,“ sagt Richter. In seiner Kunstwelt wirken sie zauberhaft unschuldig. In einem anderen Kontext würde man sie vermutlich als schamlos und dreist empfinden.

Ein ängstlicher Mann bricht auf, um eine andere Welt zu finden

In einem weiteren Raum steht ein Marionettentheater. Die Figuren hat Richter nach einer Anleitung aus dem 19. Jahrhundert geschnitzt. An einem Termin, der am Tag unseres Besuchs noch nicht feststand, führt Richter zusammen mit Freunden ein selbstgeschriebenes Stück auf. „Es handelt sich um ein klassisches Heldenstück mit melancholischem Grundton. Ein ängstlicher Mann bricht auf, um eine andere Welt zu finden – und steht am Ende ziemlich einsam da. Allerdings gibt es kurz vor Schluss noch eine überraschende Wendung,“ verspricht Richter.

Claus Richter, The Frankfurt Songbook, Ausstellungsansicht Basis e.V., 2016

Einen Stock höher läuft ein 20-minütiges Musical-Video mit dem Titel „Salve Monstrum“, in dem Richter eine Doppelrolle spielt. Richter hat es vor wenigen Monaten in einem Renaissanceschloss am Bodensee gedreht. „Es geht um einen von Leben enttäuschten Räuber und einen dekadenten König. Dieses Musical ist ein wenig fieser und garstiger als meine übrigen Arbeiten,“ erzählt er.

Ein bisschen erinnert Richter an große Regisseure wie Tim Burton oder Wes Anderson. Trotz der großen Vielfalt wirkt seine fantastische Welt wie aus einem Guss. Man betrachtet ein Detail – und erkennt darin eine spezifische Bildsprache. Die Handschrift des Künstlers. Es ist das Universum des Claus Richter. Man möchte für eine Weile gerne darin leben.

Der Künstler Claus Richter, Foto: Claus Richter