29. August 2017

Ein Film über und vor allem mit David Lynch läuft in den Kinos. Darin spricht der Kult-Regisseur in erster Linie über sich selbst und erweist sich auch hier als fantastischer Geschichtenerzähler.

Von Jens Balkenborg

„Wenn man etwas erschafft, beispielsweise ein Gemälde, verarbeitet man Ideen. Und manchmal kann die Vergangenheit diese Ideen heraufbeschwören. Selbst wenn es neue Ideen sind, sind sie oft von der Vergangenheit gefärbt“ raunt David Lynch gleich zu Beginn bedeutungsschwanger in das Kondensator-Mikrofon, während er raucht. Der blaue Dunst einer Kippe wird so ziemlich jede Szene der Dokumentation „David Lynch –The Art Life“ begleiten. Lynch rauchend in seinem Sessel, rauchend bei der Arbeit an den Bildhauerei und Malerei verbindenden Werken in seinem Atelier, rauchend im Auto, immer lässig in Szene gesetzt, während er, und nur er, seine Geschichte erzählt.

David Lynch, The man was shot

Das Regietrio Jon Nguyen, Rick Barnes, Olivia Neergaard-Holm hält sich vollkommen zurück und bietet dem Kultregisseur, der mit seinen verstörend-alptraumhaften Werken wie „Mulholland Drive“, „Lost Highway“, „Blue Velvet“ oder „Twin Peaks“ Film- beziehungsweise Seriengeschichte schrieb und seit jeher auch als bildender Künstler arbeitet, praktisch eine weiße Leinwand, die dieser mit Anekdoten und biografischen Details füllt. Ganz klar: hier nährt der Meister seinen eigenen Mythos, eine kritische Distanz in Form eines Kommentators oder von Zeitzeugen fehlt völlig. Das tut der Qualität des Films jedoch keinen Abbruch, denn er ist keine schnöde Heldenverehrung, sondern bietet – ganz seinem „Gegenstand“ entsprechend – einen lynchesken Blick auf Kreativität im Allgemeinen und die Welt dieses Ausnahmekünstlers im Speziellen.

Familienidyll und surreale Abgründe

Und das gestaltet sich zudem noch äußerst unterhaltsam, da sich Lynch als fantastischer Erzähler entpuppt. Angefangen bei seinen Kindertagen im amerikanischen Kleinstadtidyll in Montana, über seine Jugend in Virginia, die ersten künstlerischen Gehversuche in Boston schlägt er einen Bogen bis zu seinen ersten Filmen in Philadelphia. Illustriert werden die Ausführungen mit Aufnahmen von Lynch bei der Arbeit in seinem Atelier in Hollywood, alten Familienvideos und Fotos. In interessantem Spannungsverhältnis zu den surrealistischen Welten aus seinen Filmen und seiner Kunst steht hier seine fast schon infantile Neugier, die Verehrung der liebevollen Eltern sowie der zärtliche Umgang mit seiner jüngsten Tochter Lula, die gelegentlich im Atelier durch das Bild watschelt.

Portrait des jungen David Lynchs, NFP
David Lynch, Bob’s Second Dream

Trailer. David Lynch - The Art Life

So entsteht nach und nach das Porträt eines Mannes, dessen Faszination für das Abgründige und Andersartige sich in verschiedenen kreativen Betätigungen entlädt. Die Welt der Insekten, auf die der Vater ihn brachte, inspirierten ihn dabei ebenso wie einige skurrile Ereignisse, die Lynch, ganz Meister des Rätselhaften, in nicht weiter aufgeklärten Anekdoten preisgibt. Beispielsweise die Begegnung mit einer Frau, die nach Urin stinkt oder mit einer Verrückten, die nichts anderes als „I am a chicken“ brüllt. Noch eindrücklicher werden die Geschichten durch die geschickte Montage mit den schaurig-schönen Kunstwerken und der düster-wabernden Musik.

Der Mann und die Dunkelheit

„Die Inspiration lauert überall“ scheint über den Szenen zu stehen, ganz konkret, wenn die malerische Kleinstadt aus seiner Kindheit mit ihren perfekt gestutzten Rasenflächen genauso gut Handlungsort von „Blue Velvet“ sein könnte. Oder wenn eine beschädigte Filmrolle als Inspiration für sein zum Klassiker avanciertes Langfilmdebüt „Eraserhead“ dient. „David Lynch –The Art Life“ gibt einen zwar stilisierten, aber doch intimen Einblick in Leben und Werk des Enfant terrible, und das, ohne dessen Filme genauer zu thematisieren. Dabei tut es nichts zur Sache, dass vieles Teil der Mythenbildung sein mag und mit Bedeutung aufgeladen wird. Denn man verlässt das Kino mit dem Gefühl, diesen Mann etwas besser zu verstehen. Diesen Mann, der die Arme in die Dunkelheit streckt, um sich selbst zu erkennen.

David Lynch, two friends
David Lynch - The Art Life, NFP

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