25. April 2013

Das Victoria & Albert Museum in London zeigt die Retrospektive „David Bowie is …“. Mit mehr als 300 Ausstellungsstücken aus Bowies Privatarchiv beleuchtet sie unter anderem seine Glam-Rock-Phase Anfang der 1970er-Jahre.

Von Christina Lindner

Es ist der 6. Juli 1972. Fünf Millionen britische Fernsehzuschauer sitzen vor der beliebten BBC-Musikshow „Top of the Pops“. Da geschieht etwas, an das sich viele Zeitgenossen noch Jahrzehnte später erinnern werden: David Bowie betritt als sein Alter Ego Ziggy Stardust mit seiner Band The Spiders from Mars die Bühne. Was die Zuschauer hier sehen ist ungeheuerlich, nie vorher dagewesen. Bowie alias Ziggy trägt einen engen, schillernd bunten Anzug. Er trägt Make-Up und hat orangene Haare. Ist er ein Mann oder eine Frau? Ist er ein Mensch oder ein Außerirdischer? Zudem flirtet Bowie offensichtlich mit seinem Gitarristen Mick Ronson. Der Auftritt erzürnt viele der älteren Generation. Für die Jüngeren ist Ziggy eine Identifikationsfigur, ein Rebell. Der androgyne Rockstar ruft dazu auf, starre Konventionen aufzusprengen: „Let the children lose it […]Let all the children boogie“, singt er im Refrain von “Starman”.

Die junge Generation findet keinen Halt mehr

Vielen gilt dieser Auftritt als Geburtsstunde des Glam-Rock und David Bowie als Pate dieser Bewegung, die in den frühen 1970er-Jahren die englischen Charts dominierte. Andere sehen in Marc Bolan von T-Rex den Initiator von Glam: 1971 soll ihm eine Mitarbeiterin vor einem Liveauftritt Glitzer ins Gesicht gestreut haben. Der Begriff „Glam Rock“ wurde von britischen Musikjournalisten kreiert: Er bezog sich nicht nur auf einen Musikstil, sondern auch auf eine neue Art der Performance. Die exotischen Kostüme und das starke Make-Up gehörten ebenso dazu wie spektakuläre Bühnenshows.

All dies ist bereits in jenem berühmten Fernsehauftritt von 1972 zu sehen, der in der Ausstellung „David Bowie is …“ im Victoria & Albert Museum auf einer großen Leinwand gezeigt wird. Gegenüber hängt das von Phillip Castle entworfene Filmposter zu Stanley Kubricks „A Clockwork Orange“ von 1971. Mit seiner futuristischen Ästhetik inspirierte der Film Bowie zu den Kostümen für Ziggy Stardust and The Spiders from Mars. Doch das sind nicht die einzigen Parallelen: Auch Ziggy lebt in einer Welt, in der die junge Generation keinerlei Halt mehr findet. In ihrer Orientierungslosigkeit klammern sich die Jungen an den Rockstar Ziggy Stardust. 

Ziggy Stardust entwarf ein alternatives Bild von Männlichkeit

„David Bowie is making himself up“ ist der Titel jenes Teils der Ausstellung, der sich mit den vielen fiktiven Persönlichkeiten befasst, die Bowie im Laufe seiner Karriere annahm. In einem Interview sagte Bowie einst, er habe es als leichter empfunden, in eine Rolle zu schlüpfen als er selbst zu sein. Ausgestellte Promotion-Plakate für die „Ziggy Stardust“-Tournee werben mit Slogans wie „David Bowie is Ziggy Stardust – Ziggy Stardust is David Bowie“ und verwischen bewusst die Grenzen zwischen dem fiktiven Charakter und der realen Person. Diese Taktik erreichte auf dem letzten Konzert der Tournee am 3. Juli 1973 in London ihren Höhepunkt: Vor tausenden Fans verkündete Bowie „Dies ist nicht nur die letzte Show dieser Tournee. Es ist auch die letzte Show, die wir je machen werden.“ Viele Fans und Journalisten interpretierten dies als Rückzug David Bowies aus dem Musikgeschäft. Tatsächlich ließ er an diesem Abend jedoch seine Figur Ziggy Stardust „sterben“.

Mit Ziggy begründete Bowie das Rollenspiel als Teil der Performance in der Glam-Rock-Szene, liess die Grenzen zwischen Fiktion und Realität verschwimmen. So verkündete er 1972 in dem berühmten Interview mit der Musikzeitschrift „Melody Maker“: „Ich bin homosexuell. Bin es immer gewesen.“ Zu dieser Zeit steckte die Schwulenrechtsbewegung noch in den Kinderschuhen, der Satz entfaltete eine immense Wirkung. Bowie alias Ziggy Superstar entwarf ein alternatives Bild von Männlichkeit. Zur Zeit des Interviews war Bowie allerdings mit Angela Barnett verheiratet, ihr gemeinsamer Sohn war gerade ein Jahr alt geworden. Wer also hatte die Aussage im Interview getroffen: David Bowie oder sein Alter Ego Ziggy? Und spielte das überhaupt eine Rolle? Bowie stellte nicht nur die hergebrachten Rollenbilder in Frage. Er dekonstruierte auch das Konzept von Authentizität, das in der Rockszene der 1960er-Jahre eine große Rolle spielte. 

Ausbrechen aus starren Gender-Grenzen

Bühnenkostüme waren für Bowie, wie auch für andere Glam-Rocker, sehr wichtig. Viele der Outfits aus der Glam-Rock-Zeit stammen von dem japanischen Designer Kansai Yamamoto. So zum Beispiel der gestreifte, schulterfreie und eng anliegende Strickanzug, den Bowie 1973 auf seiner „Aladin Sane“-Tournee trug. Yamamoto war vom japanischen Kabuki-Theater inspiriert, daher rührten die bunten Farben und Muster. 1971 hatte er seine erste internationale Modenschau in London. Über Bowie sagte er in einem Interview: „Er hat ein ungewöhnliches Gesicht […] weder Mann noch Frau. […] Das kam mir als Designer gelegen, denn die meisten meiner Kreationen sind für beide Geschlechter gedacht.“

Die androgynen Outfits verhalfen Bowie auch zu seinem kommerziellen Durchbruch. In einem BBC-Dokumentarfilm von 1973 stellt der Kommentator konsterniert fest, dass dieser 26-jährige Musiker, den sechs Monate zuvor kaum jemand kannte, nun von tausenden Fans bejubelt wird und eine halbe Million Pfund im Jahr verdient. Eine Erklärung für die „Ziggymania“ lieferte Gary Kemp von Spandau Ballet in einem Interview von 2012: „Ziggys Androgynität lieferte mir etwas, womit ich meine Eltern verärgern konnte. Lange Haare reichten dazu nicht mehr aus.“ Es war das Ausbrechen aus starren Gender-Grenzen, das Ziggy zu einer Identifikationsfigur für die rebellische Jugend machte. Und so heißt einer seiner größten Hits denn auch „Rebel Rebel“ (1974) und beginnt mit: „You’ve got your mother in a whirl cause she’s not sure if you’re a boy or a girl.” [Du bringst deine Mutter ganz durcheinander, denn sie weiß nicht, ob du ein Junge oder ein Mädchen bist.]