02. März 2017

Das Frankfurter Museum für Moderne Kunst (MMK) widmet der 1931 in der Schweiz geborenen, in São Paulo lebenden Fotografin Claudia Andujar eine umfangreiche Ausstellung. Andujar engagiert sich seit Jahrzehnten für die indigene Bevölkerung Brasiliens.

Von Eugen El

In sattem Magenta erstrahlt ein Waldstück auf dem Foto „Urihi-a“ von 1974, das Claudia Andujar mithilfe einer Wärmebildkamera aus einem Hubschrauber aufgenommen hat. Inmitten des Waldstücks sieht man eine runde Behausung der Yanomami, eines indigenen Volkes, das im Amazonasgebiet im Norden Brasiliens (sowie in Venezuela) lebt. 

Seit Beginn der siebziger Jahre engagiert sich Andujar für die Yanomami, mit denen sie sogar drei Jahre lebte. Ihr Einsatz gipfelte Anfang der Achtziger in einer Impfkampagne. Sie sollte die Volksgruppe vor Krankheiten schützen, die von Goldminenarbeitern ins Amazonasgebiet eingeschleppt wurden. Für die Impfkampagne porträtierte Claudia Andujar zahlreiche Yanomami.

Marcados

Die ursprünglich rein dokumentarischen Schwarzweißaufnahmen wurden erstmals 2006 auf der Biennale von São Paulo gezeigt. Sie sind das Herzstück der Ausstellung. „Marcados“ („Markiert“) heißt die Serie. Den Porträtierten wurden zwecks Identifizierung für den Impfausweis Nummern um den Hals gehängt. „Die Yanomami tragen kulturell bedingt keine Namen“, erklärt der stellvertretende MMK-Direktor Peter Gorschlüter. Vielmehr sprechen sie sich mittels familiärer Beziehungen an. Zur Markierung hat Andujar eine biografische Verbindung. Ihre jüdische Familie väterlicherseits wurde im Konzentrationslager ermordet. „Das waren für mich die für den Tod Markierten. Was ich versucht habe mit den Yanomami zu machen, war, sie für das Leben, für das Überleben zu markieren“, sagt die Künstlerin.

Claudia Andujar, from the series Marcados, 1981–1983, Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

Mitte der siebziger Jahre sammelte Claudia Andujar mythologische Gedichte der Yanomami, die sie, ins Portugiesische und Englische übersetzt, in einem Buch publizierte. Die Gedichte kreisen oft um Naturphänomene. Zudem bat Andujar die Yanomami, Zeichnungen anzufertigen – ein ungewohntes Metier, denn üblicherweise bemalen sie Körper. Fünf der lakonisch erscheinenden Papierzeichnungen sowie einige reproduzierte Buchseiten sind in der Ausstellung zu sehen. Als Fotografin begleitet Andujar auch das urbane Leben Brasiliens. „Metrópole“ von 1974 wurde ebenfalls aus einem Hubschrauber aufgenommen. Das Foto zeigt die Stadt São Paulo als ein modernes Häusermeer.

Verwunderte und fragende Blicke

Für die 1970 entstandene Serie „Rua Direita“ setzte sich Andujar auf die gleichnamige, belebte Straße in São Paulo und fotografierte die vorbeiziehenden Passanten. Die aus extremer Untersicht aufgenommenen Bilder dokumentieren viele verwunderte und fragende Blicke. Ein Passant reagiert mit rätselhaften Handzeichen. Die ältesten Aufnahmen stammen aus dem Jahr 1964. Sie zeigen eine konservative Massendemonstration gegen João Goulart, den damaligen, linksgerichteten Präsidenten Brasiliens „Marsch der Familien mit Gott für die Freiheit“ hieß die Kundgebung, bei der Parolen wie „Brasilien ist kein zweites Kuba“ verwendet wurden. 

Claudia Andujar, Metrópole, 1974 Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

Kurz darauf verlor Goulart sein Amt durch einen Militärputsch. Historische Parallelen werden in der Amtsenthebung der brasilianischen Präsidentin Dilma Rousseff im Jahr 2016 sichtbar. Bei den Demonstrationen gegen Rousseff griff das konservative Lager teilweise zu den Parolen von 1964. Den Titel ihrer MMK-Ausstellung hat Claudia Andujar daher mit Blick auf die Vergangenheit und die jüngsten politischen Verwerfungen in ihrem Land gewählt: „Morgen darf nicht gestern sein“.

Eine Besonderheit der Schau ist die Präsentation einiger Fotografien auf „Cavaletes“ („Staffeleien“), in kubischen Betonsockeln fixierten Glasdisplays. Die Architektin Bo Bardie entwarf die „Cavaletes“ 1968 für eine Ausstellung in São Paulo. Sie stehen frei im Raum und sorgen für interessante Blickachsen. Es entsteht ein Dialog zwischen den Bildern. Auf solchen Displays begegnet man den Serien „Toototobi“ und „Fiscais“ aus dem Jahr 2010. Sie zeigen unter anderem junge Yanomami-Männer.

Claudia Andujar, Marcha da Família com Deus pela Liberdade, São Paulo [Marcha of the Family with God for Freedom, Sao Paulo], 1964 Courtesy Claudia Andujar and Galeria Vermelho, São Paulo, Brazil

Die digitalen Farbfotografien muten flüchtig an und erinnern an Smartphonebilder. Die Porträtierten tragen keine traditionelle, sondern moderne, industriell gefertigte Kleidung. So gelingt es dieser Ausstellung, einen weiten zeitlichen und kulturellen Bogen zu spannen. Eine in Brasilien angesehene, in Deutschland und Europa aber wenig bekannte Fotografin wird angemessen vorgestellt.

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