15. Mai 2017

Der Künstler Att Poomtangon durchleuchtet mit seiner Bilderserie "Disclosures" bei Privateoffspace im Frankfurter Bahnhofsviertel den Zustand unserer Welt.

Von Vivien Trommer

Att Poomtangons letzte große Einzelausstellung in Frankfurt liegt schon eine Weile zurück und ist dennoch in guter Erinnerung geblieben. Es war 2009, als er „On the Way to the Alps I See Sand“ zeigte, eine atemberaubende und höchst aufwendige Installation im Portikus, für die er mitten in den Ausstellungsraum ein 70 cm tiefes Wasserbecken einließ.

Zwei Boote, genauer gesagt zwei Schläuche aus LKW-Reifen, die Fischern in Thailand als Kähne dienen, ruhten friedlich auf der Wasseroberfläche. Wer mutig genug war, konnte die Boote benutzen und an das gegenüberliegende Ende des Beckens rudern. Dort war an der weißen Wand ein Zeitungsartikel angebracht, der die Geschichte des letzten Frankfurter Fischers erzählte, der sich im verschmutzten Mainwasser Gelbsucht holte und schließlich seinen Beruf wechselte.

Irgendwie abgründig

Att Poomtangon wurde 1973 in Bangkok geboren. Er studierte Bildhauerei am College of Fine Arts in Bangkok, später an der Chiang-Mai University und schloss sein Studium 2008 als Meisterschüler von Tobias Rehberger an der Städelschule ab. Entdeckt von Daniel Birnbaum, zeigte er bei der 53. Venedig Biennale eine farbenfrohe, skulpturale Ausruh- und Trinkstation für die erschöpften Besucher.

Att Poomtangon, On the Way to the Alps I See Sand, 2009. installation view, Portikus, Frankfurt 2009, Photo © Katrin Schilling

Letztes Jahr nahm er an der von Susanne Gaensheimer und Anna Goetz kuratierten Triennale der Kleinplastik in Fellbach teil und zeigte dort „Nouvelle Cuisine Fast Food“, aus Kunstharz gegossene Früchte, die auf Holzstämmen thronten und gewann damit den Ludwig Gies-Preis für Kleinplastik. Poomtagons Arbeiten sind immer verführerisch schön, trotzdem irgendwie abgründig und vielleicht ein bisschen bissig. Sein Blick scheint geschärft für die Unstimmigkeiten in unserer Welt, was vielleicht daran liegt, dass er zwischen dem Westen und Osten ständig hin- und herreist und in New York, Frankfurt und Chiang-Mai zuhause ist.

Private, bewohnte Räume

Jetzt widmet der Kunstliebhaber und Galerist Jean-Claude Yves Maier im Privateoffspace Att Poomtangon eine Einzelausstellung. Bereits im Jahr 2009 hat Maier begonnen in seiner Wohnung im lebendigen Frankfurter Bahnhofsviertel Künstler auszustellen, um sie und ihre Werke seinen Freunden und Bekannten näher zu bringen. Künstler wie Koon Kwon, Margarethe Kollmer, Maximilian Arnold oder Tina Kohlmann waren bereits bei ihm zu sehen.

Att Poomtangon, Nouvelle Cuisine Fast Food, 2008, Installation view, 13. Triennale Kleinplastik, Fellbach, 2016, Photo: Peter D. Hartung

„Für die Künstler besteht die größte Herausforderung darin, sich auf die privaten und bewohnten Räumlichkeiten einzulassen,“ sagt Maier. „Die Gäste haben wiederum die Möglichkeit, anspruchsvolle Kunst im privaten Rahmen zu sehen, außerhalb einer klassischen White Cube-Situation.“ Mittlerweile ist sein Freundes- und Bekanntenkreis gewachsen und der Privateoffspace hat sich als beliebte Adresse für junge und renommierte Kunst in Frankfurt etabliert. Maiers Ziel ist dabei ungebrochen: er möchte Künstler nachhaltig fördern, sie unterstützen und ihren Werken eine Plattform bieten. In der Bankenmetropole Frankfurt leistet er damit einen wesentlichen Beitrag zum kulturellen künstlerischen Leben.

Die Geschichte unserer Welt

„Disclosures“ heißt die Ausstellung von Att Poomtangon, die ab dem 20. Mai 2017 im Privateoffspace zu sehen ist. Gezeigt wird ein Ausschnitt einer Bilderserie, die in einem aufwendigem Druckverfahren entstanden ist, das Techniken der Collage, Zeichnung, Malerei, Lithographie, des Prägens oder Kratzens vereint und deren Bilder anschließend, in einem zweiten Schritt, digital bearbeitet worden sind. Dicht an dicht werden die gerahmten, 50 x 60 cm kleinen Bilder im Privateoffspace nebeneinander hängen und die Geschichte unserer Welt, ihre Verwirrungen, Ungereimtheiten, Wende- und Höhepunkte erzählen.

Att Poomtangon, Occupy, 2011, Courtesy of the Artist and PRIVATEOFFSPACE

Auslöser für diese langfristig angelegte Bilderserie war ein Erlebnis, das Att Poomtangon im Jahr 2011 widerfuhr: Während einer Occupy-Demonstration an der New Yorker Wall Street wurde ihm ein Zettel in die Hand gedrückt, auf dem die Worte „Make the Rich Pay for the Crisis!“ standen. Seitdem sammelt Poomtangon Zeitungsausschnitte, Bilder und Texte, die versuchen den Zustand unserer Welt und die versteckten wirtschaftlich-sozialen Verstrickungen zu analysieren und festzuhalten. Fragmente dieser Artikel übernimmt er und verarbeitet sie im Stil des Dada weiter, um sie schließlich am Computer in ihr Negativbild zu verwandeln und sie dabei wortwörtlich zu durchleuchten und ihre Inhalte und Bedeutungen zu hinterfragen.

Die Zukunft verändern

2012 wurde die Bilderreihe bereits im Oldenburger Kunstverein gezeigt, jetzt kommt sie nach Frankfurt, in die Stadt, mit der Att Poomtangon eng verwurzelt ist und in der auch das kritische Lesen und Entschlüsseln von Informationen eine lange Tradition hat. „Unser Wissen, unsere Worte, Taten, Maßnahmen und unser Glaube an Gestern“, hat Poomtangon über die Serie gesagt, „gestalten unser Leben und unsere Lebensumstände von heute. Wenn wir aber unsere Zukunft verändern, so lernen wir hoffentlich aus unserer Vergangenheit.“ Poomtangons höchst reflektierter Umgang mit Informationen, seine Aufmerksamkeit für Nachrichten und sein Interesse für das Verhältnis von Gegenwart und Vergangenheit deuteten sich bereits in dem kurzen Zeitungsausschnitt im Portikus an und präsentieren sich nun neu im Privateoffspace, im Format einer endlosen, präzisen Bilderserie.

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Att Poomtangon, Occupy, 2011, Courtesy of the Artist and PRIVATEOFFSPACE
Att Poomtangon, Occupy, 2011, Courtesy of the Artist and PRIVATEOFFSPACE