09. Februar 2018

Bis zum 11. Februar 2018 präsentieren die Studierenden der Städelschule ihre Werke – und damit wieder einmal eine erstaunliche Vielfalt künstlerischer Positionen.

Von Carina Bukuts

Dieses Zitat stammt aus Walter Benjamins unvollendetem literarischen Großprojekt „Das Passagen-Werk“ und beschreibt auf poetische Weise etwas nahezu Triviales: Unser Umfeld prägt und beeinflusst uns. Doch wie sieht das an einem Ort aus, der von Diversität lebt? An der Städelschule trifft eine Bandbreite an Nationalitäten und künstlerischen Positionen aufeinander. Dies beweist auch der diesjährige Rundgang, der noch bis Sonntag, den 11. Februar, zu sehen ist und von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet wird.

„Ist ein Schus­ter­la­den Nach­bar einer Confi­se­rie, so werden seine Schnür­sen­kel­ge­hänge lakrit­zenähnlich.“

Walter Benjamin

Die Städelschule ist nicht unbedingt der Ort, an dem sich ästhetische Ähnlichkeiten festmachen lassen, und doch merkt man spürbar, dass die Institution Einfluss auf die verschiedenen künstlerischen Positionen hat. Bereits seit ihrer Gründung im Jahre 1817 wird an der Städelschule nämlich eine Sache ganz groß geschrieben: die Freiheit der Kunst. Diese wird ihr auch erhalten bleiben, wenn sie ab Januar 2019 in den Kreis der Hochschulen des Landes Hessen aufgenommen wird, bekräftigt Rektor Philippe Pirotte.

Das Erbe Johann Friedrich Städels

Läuft man durch die Dürerstraße in Sachsenhausen so findet man gleich zwei Institutionen, die auf das Erbe Johann Friedrich Städels zurückgehen: Die Städelschule und das Städel Museum. Nur eine grüne Wiese, unter der sich die Sammlung der Gegenwartskunst befindet, liegt zwischen den verwandten Gebäuden. Trotz des gleichen Namensgebers und der topografischen Nähe zueinander fand in den letzten Jahren wenig Interaktion zwischen Museum und Kunsthochschule statt. Dies soll sich 2018 ändern. Im Herbst diesen Jahres wird die Absolventenausstellung nämlich nicht wie gewohnt im MMK – Museum für Moderne Kunst stattfinden, sondern in den Räumlichkeiten des Städel Museums.

Immanuel Birkert, Tears Drip Down On My Retina Display, 2018, Foto © Diana Pfammatter

Wer genauer hinsieht, kann schon beim Rundgang eine Verbindung, wenn auch eine subtile, zwischen den beiden Institutionen entdecken: Immanuel Birkert (Klasse Tobias Rehberger) zeigt seine Arbeit dieses Jahr nicht in den Räumlichkeiten der Städelschule, sondern in einer Fensternische an der Südseite des Städel Museums. Dort befindet sich eine Keramikvase, aus der ein bunter Blumenstrauß hervorschaut. Aus der Ferne nur schwer erkennbar, entpuppt sich das Motiv auf der Vase bei näherem Hinsehen als ein Gesicht mit geöffnetem Mund.

Es ist das Gesicht des Autors Ludwig Tieck. Inspiriert durch das Buch „Die Herzensergießungen eines kunstliebenden Klosterbruders“, welches Tieck gemeinsam mit W.H. Wackenroder verfasst hat und 1797 erstmalig erschien, hat sich Birkert mit dem darin verhandelten romantischen Weltbild auseinander gesetzt. In dem Buch beschreiben die Autoren die Notwendigkeit, sich als Künstler mit den Werken der Alten Meister auseinander zu setzen, um „gute“ Kunst zu schaffen. 

Immanuel Birkert, Tears Drip Down On My Retina Display (Detail), 2018, Foto © Diana Pfammatter

Die Positionierung von Birkerts Arbeit auf der historischen Fassade des Städel Museums ist also kein Zufall: Sie rückt den dargestellten Tieck auf der Vase den alten Meistern der Städelschen Sammlung ganz nahe. Vor diesem Hintergrund wirkt der geöffnete Mund von Tieck nahezu schelmisch – er ist auf Augenhöhe mit der Städelschule und zugleich mit der Kunst der Gegenwart.

Liebe zum Detail

Doch dies ist nicht die einzige Arbeit, bei der man genauer hinsehen muss, um sie in ihrer Gesamtheit wahrnehmen zu können. Auch die Werke von José Montealegre (Klasse Willem de Rooij) fordern den Betrachter auf, genauer hinzusehen. Auf dem Boden des Ateliers befinden sich drei Skulpturen, alle aus hellen Tonkacheln zusammengesetzt. Sie dienen als Schauplatz für kleine Skelette, die sich mal in Landschaften aus Palmen bewegen oder den perfekt genormten Miniatur-Pool aus Kupfer mit einer noch kleineren kupfernen Vase befüllen. Es ist nicht nur die Liebe zum Detail, die diese Arbeiten prägt, sondern auch die Art, wie sie den Betrachter lenken und in ein neues Verhältnis zu sich selbst setzen, indem man wie ein Riese auf das Geschehen schaut.

José Montealegre, Abaporu, 2018, Foto © Diana Pfammatter
Arbeiten aus Stahl, Salz und Wolle

Ganz im Gegensatz dazu steht die Arbeit von Johanna Odersky (Klasse Judith Hopf). Statt einer kleinen filigranen Welt aus Ton, wird man in ihren Arbeiten mit der kalten Materialität des Stahls konfrontiert. Doch Odersky hat gerade mit diesem Klischee des industriellen Materials gearbeitet und Bewegung in ihrer Skulptur „The Loyal Ones“ gebracht. Schlangenartig winden sich Hände und Arme aus grauem Stahl umeinander. Die scharfen Kanten des Materials treffen auf die geradezu liebevollen Gesten, die die Hände miteinander formen.

Auch in den Arbeiten von Pia Ferm (Klasse Tobias Rehberger) und Lisa Gutscher (Klasse Judith Hopf) findet eine präzise Auseinandersetzung mit dem Material ihrer Arbeiten statt. Gutschers Bilder wirken zunächst wie rosa- und fleischfarbene Leinwände, auf denen sich Texturen erkennen lassen, die an Adern oder Haut erinnern. Tritt man jedoch näher, erkennt man, dass die Oberfläche ihrer Bilder viel plastischer ist und die Leinwände von einer gussähnlichen Flüssigkeit ummantelt worden sind. Im Sonnenschein erkennt man schließlich, dass die Textur funkelt. Und plötzlich dämmert es einem, dass es sich um Salz handeln muss.

Johanna Odersky, The Loyal Ones, 2018, Foto © Diana Pfammatter
Lisa Gutscher, Narcissistic Heroism, 2018, Foto © Diana Pfammatter

Das Material von Pia Ferms Arbeiten lässt keinen Zweifel offen. Es stellt sich jedoch die Frage, ob man hierbei eher von einem Bild oder einer Skulptur sprechen würde. Pia Ferm präsentiert an beiden Standorten der Städelschule Wandteppiche aus Wolle, die aufgrund ihrer Farbigkeit und ihres gestischen Ausdrucks vielmehr an Malerei denken lassen. Insbesondere in ihrer Arbeit „still life“ kommt dies zum Ausdruck, in der sie ein Stillleben aus Früchten und einer Weinflasche dargestellt hat.

Doch am besten legt man diese konventionellen Kategorien, wie Skulptur und Malerei, mal kurz bei Seite, wenn man sich den Rundgang ansieht. Wenn eines an der Städelschule immer wieder von Neuem bewiesen wird, dann, dass dies nicht der Ort ist, der für Tradition und Konvention eintritt, sondern für Freiheit und Diskursfähigkeit.

Pia Ferm, still life, 2018, Foto © Diana Pfammatter
Pia Ferm, his mouth and belly says different, 2017, Foto © Diana Pfammatter