16. Januar 2018

In extravaganten Dimensionen: Der Kinofilm „A Private Portrait“ ist eine Hommage an den Maler und Filmemacher Julian Schnabel, aus der hin und wieder die Angst vor dem eigenen Resultat durchblitzt.

Von Katharina Cichosch

Julian Schnabel ist einer jener Künstler, zu dem jedem irgendwie kunstinteressierten Menschen etwas einfällt, wenn auch nicht unbedingt ein aktuelles Werk. Sondern, zum Beispiel auch: Berühmte Freunde, berühmte Kinder, seine spezielle Vorliebe für Pyjamas, sein extravagantes Wohnhaus, seine bärige Erscheinung. Vielleicht noch die überdimensionalen „Teller-Bilder“, auf denen er zerbrochenes Essgeschirr als Malunterlage verwendete (das amerikanische Wikipedia listet tatsächlich  ‚Style: "Plate paintings"‘ in seinem Steckbrief).

Seine Gemälde, mit denen er Anfang der 1980er Jahre nach kometenhaftem Aufstieg ein renommiertes Ausstellungshaus nach dem anderen bespielte, wurden nicht viel später von Kritikern und Kuratoren ein Jahrzehnt lang weitestgehend ignoriert. Entsprechend genervt konnte man Schnabel in Interviews erleben, wenn seine Fragesteller ihn allzu sehr in eine Ecke drängen wollten. Vielleicht auch deshalb probiert es Filmemacher Pappi Corsicato mit einer wohlwollend-zugewandten Haltung: In „Julian Schnabel – A Private Portrait“ orientiert er sich an einer Narration, die der heute 66-jährige Künstler und seine Familie selbst vorgeben.

Ein großer Künstler werden

Die beginnt gleich mit einem typischen Schnabel-Zitat: „Als ich jung war, wollte ich ein großer Künstler werden… ohne zu wissen, wie diese Kunst überhaupt aussehen sollte.“ Seine Schwester erzählt von den einfachen Verhältnissen, in denen beide aufwuchsen, und wie Julian zum charmanten Pascha wurde, dem jeder alle Wünsche erfüllen wollte – weil er umgekehrt ebenso großherzig und mitreißend sein konnte. Dann erzählen seine Ex-Frauen und Kinder, zwischendurch auch der Maler selbst, dazu werden Bilder und Archivaufnahmen geschnitten. Die ständige Klavieruntermalung, die sprunghafte Aneinanderreihung von Szenen lassen gerade die erste Filmhälfte wie eine nie enden wollende Einführung erscheinen.

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Pappi Corsicato
Julian Schnabel, A Private Portait, © Pofirio Munoz

Schnabel wird immer wieder als Larger-than-life-Persönlichkeit skizziert, an der alles riesig ist: riesige Leinwände, riesige Pinsel, riesiger Freundeskreis, für aktuelle Verhältnisse überdurchschnittlich große Familie nebst Kinderschar, riesiges elfstöckiges, pinkes Wohnhaus mitten in Manhattan, der berühmte „Palazzo Chupi“. Dem Film hätte bisweilen das gegenteilige Prinzip ganz gut getan. So atmet man regelrecht auf, wenn Corsicato einmal kurz das Tempo herausnimmt, um zumindest die Chance auf eine Annäherung zu bieten.

Ein Plädoyer

Durch seine zahlreichen Fürsprecher wird „A Private Portrait“ stellenweise ein Plädoyer für seine Hauptfigur. Neben Kunstsammlern erklären auch Hollywood-Schauspieler wie Al Pacino und Willem Dafoe ihre Bewunderung, U2-Sänger Bono darf mit einem gefühligen Zitat nicht fehlen, und auch seine Kinder, insbesondere die Töchter Stella und Lola, scheinen wie die ganze Welt ein wenig verknallt in den großen Julian Schnabel. 

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Weltkino Filmverleih

An einer Stelle erklärt die Kunsthistorikerin und Kuratorin Alison Gingeras, wie unterschätzt und missverstanden Schnabels Kunst im Diskurs der 90er Jahre gewesen sein muss. Wie uncool es war, Schnabel gut zu finden. Dabei habe er etliche Paradigmen der Malerei gebrochen – und hier folgt auch schon der Schnitt; welche das sind, erfährt der Zuschauer gerade nicht. Genug zu erzählen gäbe es, nicht nur an dieser Stelle: So erklärt sein erstaunlich bescheiden wirkender Sohn Vito, den viele weniger als Kunsthändler denn aus den Klatschzeitschriften kennen, dass sein Vater einer der wenigen Künstler seines Kalibers sei, der seine Riesenleinwände eben noch selbst bearbeite.

Unbeeindruckt vom Cool der Konzeptkunst

Und richtig: Bei Jeff Koons, der von Schnabels Großherzigkeit berichtet, mit der er den damals noch unbekannten Konkurrenten weiterempfahl, pinseln wie zur Untermauerung im Hintergrund gleich mehrere Assistenten. Die New Yorker Galeristin Mary Boone wiederum erklärt, wie sie eigentlich auf der Suche nach etwas ganz anderem und dann trotzdem hingerissen war von Schnabels Kunst und, klar, auch von Schnabel selbst, der völlig unbeeindruckt vom minimalistischen Cool der Konzeptkunst seiner Zeit malte. Oft figurativ, in bekanntlich extravaganten Dimensionen.

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Sante D'Orazio
Julian Schnabel, A Private Portrait, © Porfirio Munoz


Einen relativ großen Raum nehmen Szenen ein, in denen Schnabel als Filmemacher agiert: Mitte der 1990er Jahre begann er, die Geschichte seines verstorbenen Freundes Basquiat zu verfilmen – David Bowie übernahm die Rolle von Andy Warhol. Es folgten „Before Night Falls“, in dem Javier Bardem den kubanischen Schriftsteller Reynaldo Arenas und sein Sohn Vito ebenden in jungen Jahren spielten, und „Schmetterling und Taucherglocke“, der 2007 die Goldene Palme der Filmfestspiele in Cannes erhielt. Hauptdarsteller Mathieu Amalric berichtet begeistert von den ungewöhnlichen Dreharbeiten, in denen Schnabel ihn, der einen bis auf die Augen vollständig gelähmten Mann spielt, tatsächlich in einer Art selbstgebautem Kasten um den Kopf herum agieren ließ. 

Malen, das offenbar alles bedeutet

„A Private Portrait“ ist stellenweise weniger eines von Julian Schnabel, wie der Name suggeriert, als vielmehr eines über das gleichnamige Phänomen. Gerade weil das Projekt offensichtlich gut gemeint ist, entfaltet es bisweilen eine paradoxe Wirkung: Eine Hommage, aus der ein wenig die Angst vor dem eigenen Resultat durchblitzt. 

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Weltkino Filmverleih

So schnell eilt sie durch die eigenen Szenen, hier schnell ein Schnitt, dort keine Atempause, in der man als Zuschauer vielleicht einfach einmal eine Sekunde länger beobachten könnte, wie Schnabel im Atelier den riesigen Pinsel schwingt, farbgetränkte Stoff-Fetzen auf die Leinwand wirft oder gleich mit seiner ganzen Hand selbst darauf malt, ohne permanente Musik, Schnitte oder Off-Kommentar. Vielleicht statt der vielen Schnipsel einige längere Passagen, Entwicklung und Prozess des Malens, das Schnabel doch offenbar alles bedeutet.

Der Film endet, wie er begonnen hat: Julian Schnabel als liebevoller Familienvater, hier mit seinem jüngsten Sohn, noch ein Baby, Name und Mutter bleiben wie vieles im Film unerwähnt. Man kann sein Charisma, um das es hier wohl auch gehen soll, erahnen. Noch eine Szene zuvor zeigte Schnabel in einer Archiv-Aufnahme vor einer riesigen Leinwand, die den doch eigentlich ebenfalls mächtig wirkenden Künstler mit zunehmendem Herauszoomen immer kleiner und bescheidener erscheinen ließ.

Julian Schnabel, A Private Portrait, © Weltkino Filmverleih

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