18. Januar 2018

Im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden zeigen Absolventen der Hochschule für Gestaltung Offenbach ihre Arbeiten. Die Ausstellung „High Ends“ lebt vom Eigensinn der beteiligten Künstler.

Von Eugen El

Sechs identische junge Frauen in schlichtem Oberteil und Leggings sind in einer Reihe zu sehen. Sie vollführen mal abgehackt und abstrakt, mal kommunikativ wirkende Gesten. Ihre Choreografien lassen an digitale Animation denken. Für ihre Videoinstallation „Idle Capacities“ hat Johanne Schröder sich selbst gefilmt. Ihr Erscheinungsbild hat sie einem virtuellen Avatar angepasst, wie man ihn etwa aus dem (noch immer existenten) „Second Life“ kennt. Die sechs Filme sind unterschiedlich lang und laufen parallel in einem 27-minütigen Loop. So ergeben sich immer wieder Überschneidungen und Interaktionen zwischen den einzelnen Figuren.

Schröders Videoinstallation ist eine von dreizehn Positionen in der Gruppenausstellung „High Ends“ im Nassauischen Kunstverein Wiesbaden. Damit versucht sich die Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) erstmals an einer institutionellen Absolventenausstellung. Zuvor waren die Abschlussarbeiten der Künstler und Gestalter jeweils nur einen Tag lang in der Hochschule zu sehen. Die öffentliche Sichtbarkeit war demnach begrenzt. Von den Professoren Martin Liebscher und Gunter Reski kuratiert, soll „High Ends“ den Auftakt zu einer langfristig angelegten Reihe von HfG-Absolventenausstellungen an wechselnden Orten bilden.

Hybrid, widerspenstig, eigensinnig

Die Schau macht die Besonderheit der künstlerischen Ausbildung an der HfG deutlich. „Die Offenbacher“ mögen das Hybride, Widerspenstige und Eigensinnige. Das Glatte liegt ihnen nicht. Nur wenige Absolventen zeigen „White Cube“-taugliche Kunstmarktkunst. Die Meisten indes ignorieren gängige Grenzen zwischen Kunst, Design und Wissenschaft, scheren sich nicht um kommunikative Gepflogenheiten. So zum Beispiel Dominik Keggenhoff, dessen Rauminstallation „Dementia Hortensis“ verwinkelt und doppelbödig ist. Der Betrachter betritt zunächst eine Bürokulisse, im Mittelpunkt steht ein wuchtiger, solide wirkender Schreibtisch, auf dem allerlei altmodische Geräte platziert sind.

Malte Zenses, les, nah, rac, 2017 und unrasiert, 2017, Courtesy und © Der Künstler

Dahinter ist eine grün angemalte, holzvertäfelte Wand aufgebaut. Dass beides, Tisch und Wand, Fake und Staffage ist, erfährt der Betrachter recht schnell. Hinter der Wand befindet sich eine Art Gartenhütte, in der ein Computer steht. Dort ist das eigentliche Herzstück der Installation, ein von Keggenhoff programmiertes Computerspiel, zu entdecken. Der Nutzer bewegt sich durch eine virtuelle, unheimlich anmutende Gartenlandschaft, der irgendwann alles Liebliche und Harmlose abgeht. Im Gespräch zeigt Dominik Keggenhoff, dass er für die Installation vielseitig recherchierte. Seine Arbeit handelt von Normalität und Wahnsinn, von den Schattenseiten unserer verwalteten Welt.

Normalität und Wahnsinn

Abweisend und rätselhaft wirken die Schaukästen, die Jaewon Kim in einem beengten Durchgangsraum installiert hat. Die Vitrinen sind so präpariert, dass sie ideale Wachstumsbedingungen für Schimmelkulturen bilden. Hinter den beschlagenen Scheiben zeichnet sich eine dystopische Ruinenlandschaft aus MDF-Holzelementen ab. Ihre Form lässt einen Moment lang an die Trümmer New Yorker World Trade Center denken. Auf den ersten Blick klar und schon fast dokumentarisch erscheint hingegen die Arbeit „interrobang“ von Rudi Weissbeck. Er präsentiert Fotografien und kurze Texte in unterschiedlichen Medien – als Leporello und Buch, als Kalenderblatt und gerahmter Druck.

Dominik Keggenhoff, Dementia Hortensis, 2017, Rauminstallation, Courtesy: Der Künstler, Foto: Nikolaus Kockel

Weissbecks Fotografien gehen größtenteils auf einen mehrmonatigen Aufenthalt in Israel und den palästinensischen Gebieten zurück. Zu sehen ist: blauer Himmel, viele Aufnahmen aus wartenden oder fahrenden Autos, viel Alltägliches aus der als Krisengebiet wahrgenommenen Region. Hier und da taucht auch „der Konflikt“ in seinen Bilder auf, beispielsweise ein über den Strand fliegender Armeehubschrauber. Neben den Fotos zeigt er immer wieder Textkommentare, kurze Anekdoten und Alltagsbeobachtungen. Weissbecks Blick auf Israel ist von Fremdheit und Distanz geprägt. Einmal meint man die berühmte „Jaffa“-Orange zu erkennen, von deren Geschichte auch der Text spricht. Das Foto hat Weissbeck jedoch in Spanien aufgenommen. 

Der „Jaffa“-Orange begegnet der Betrachter in Wiesbaden noch einmal. Sie steht im Mittelpunkt der Videoinstallation „Lost PARDESS - Maybe Paradise“ der aus Israel stammenden Städelstudentin Nadia Perlov, die parallel zur HfG-Absolventenausstellung im Nassauischen Kunstverein zu sehen ist.

Rudi Weissbeck, interrobang, 2017, Mehrteilige Installation, Courtesy: Der Künstler, Foto: Eugen El

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