14. Februar 2018

Ein viertägiger internationaler Kongress an der Hochschule für Gestaltung Offenbach möchte herausfinden, wie es heute um die Lehre des Schönen steht. Mehr als 180 renommierte Wissenschaftler sind der Einladung von HfG-Professorin Juliane Rebentisch gefolgt.

Von Eugen El

Gibt man „Ästhetik“ bei der Google-Bildersuche ein, so blicken einen unzählige einander ähnelnde, glatte Frauengesichter an. Auch einige leuchtend weiße Zahnreihen sind zu bestaunen. Mit der Ästhetik als Lehre des Schönen und der Kunst, mit Kant, Schiller und Adorno hat dies zunächst wenig zu tun. Was der Begriff der Ästhetik heute ist, sein kann oder sollte, das möchte ein viertägiger, internationaler Kongress an der Offenbacher Hochschule für Gestaltung (HfG) zur Diskussion stellen.

Mehr als 180 hochkarätige Teilnehmer kommen nach Offenbach, unter ihnen international renommierte Experten der Philosophie (Lydia Goehr, Michael Kelly, USA; Tristan Garcia, Frankreich), Kulturwissenschaft (Sianne Ngai, USA) und Literatur (Monika Rinck) sowie wichtige Namen der Geisteswissenschaften aus Deutschland, unter ihnen die Professorin für europäische Kultur- und Wissensgeschichte der Humboldt-Universität Eva Geulen, der Professor für Philosophie der Goethe Universität Frankfurt Christoph Menke und Kunsthistoriker und Publizist Tom Holert.

Von Rang und Namen

Dass der Kongress in Offenbach stattfindet, ist kein Zufall. Die Hochschule für Gestaltung ist Sitz der Deutschen Gesellschaft für Ästhetik. Bis 2018 hat die HfG-Professorin für Philosophie und Ästhetik Juliane Rebentisch die Präsidentschaft des vor 25 Jahren gegründeten Vereins inne. Zu ihren Veröffentlichungen zählen unter anderem die Suhrkamp-Bände „Ästhetik der Installation“ und „Die Kunst der Freiheit“. Ende Januar 2018 wurde ihr zudem der Lessing-Preis der Stadt Hamburg verliehen.

Prof. Dr. Juliane Rebentisch, Foto: Felicitas von Lutzau

Seit der Ehrung Hannah Arendts 1959, vor fast sechzig Jahren, ging der Preis damit erstmals wieder an eine Frau. „Juliane Rebentisch forscht an den Grenzlinien von Politik, Gesellschaft und Ästhetik – und folgt in ihrem Denken dem Vorbild Lessings. Sie ist eine wichtige Stimme in aktuellen Debatten“, sagte Hamburgs Kultursenator Carsten Brosda zur Begründung. Nicht umsonst hat sie den Offenbacher Ästhetik-Kongress maßgeblich mitorganisiert. Welche Schwerpunkte hat sie dabei gesetzt?

Die eine Ästhetik, die gibt es nicht

„Ein besonderes Interesse liegt auf den Weisen, wie sich das ästhetische Denken und das Denken des Ästhetischen in anderen Disziplinen zur Geltung bringt – in den anderen Teildisziplinen der Philosophie ebenso wie in den Kunst-, Design-, Medien-, Kultur- und Sozialwissenschaften oder in der ästhetischen Praxis selbst“, schreibt Rebentisch im Tagungsprogramm. Es geht also nicht um „die“ Ästhetik als singuläre philosophische Disziplin, sie franst vielmehr in andere Geistes- und Sozialwissenschaften aus.

Poster des X. Ästhetik Kongresses Das ist Ästhetik!, (c) Mathias Bär

Ihr Betrachtungsgegenstand kann (fast) alles sein. Rebentisch nennt beispielhaft „Supermärkte, Emojis, Industriefilme, Demonstrationen oder künstlerische Interventionen in den öffentlichen Raum“ – da liegt auch die eingangs erwähnte Schönheitschirurgie nicht fern. Was bedeutet das konkret? Am Mittwochabend, den 14. Februar, widmet sich ein Panel der Ästhetik von Kleidung und Mode. Die Rednerinnen beleuchten das Thema aus vielerlei Blickwinkeln, ihre Vorträge tragen Titel wie: „Zwischen Mode und Religion“, „Mit dem Trainingsanzug auf der Straße. Zur Konstruktion des Migrant Chic“ und „Künstler und ihre Kleider – ästhetische Aneignungen und modische Überschreibungen“.

Ästhetik in Kunst und Gesellschaft

Unter der Überschrift „Kunst und Gesellschaft – Ästhetik und Soziologie“ diskutieren am Donnerstagabend, den 15. Februar, fünf Wissenschaftler über das Gemeinsame und Trennende sozialer und ästhetischer Wirklichkeiten. So plädiert der Kunsthistoriker und Kulturwissenschaftler Wolfgang Ullrich dafür, politischer Kunst zwar Meinungsfreiheit, aber keine besonders herausgehobene „Kunstfreiheit“ zu gewähren. Schon 2015 äußerte er sich anlässlich eines Interviews der taz mit Philipp Ruch vom „Zentrum für politische Schönheit“ ausführlich zu dem Thema - und plädierte gegen den autoritären Anspruch politischer Aktivisten auf Kunstfreiheit. Die Kunst- und Kulturwissenschaftlerin Annette Geiger spricht derweil über das Trennen und Vermengen von Kunst und Design seit Kant.

Wolfgang Ullrich

„Was ist gutes Design?“, fragt wiederum ein Panel am Samstagvormittag, den 17 Februar. Felix Kosok, Grafikdesigner und Doktorand an der Hochschule für Gestaltung und einer der vielen Teilnehmer, geht an dem Tag der Frage nach, in welcher Form sich die ästhetische Funktion von Design ausdrückt. Ästhetik sei der „gemeinsame Wirkzusammenhang“ von Kunst und Design, so Kosok. Von einer jüngst veröffentlichten Schrift des Stuttgarter Ästhetikers Daniel Martin Feige ausgehend, möchte Kosok für ein neues Verständnis des Zweckmäßigen im Design eintreten. Der Freiburger Philosoph David Espinet argumentiert für die „ethische Relevanz der Ästhetik von Gebrauchsdingen“. „Was ist an gutem Design eigentlich gut?“ lautet seine Leitfrage.     

Es sind dies nur einige Beispiele für die wissenschaftliche Vielfalt des Offenbacher Ästhetik-Kongresses. Gewiss erwartet die Besucher keine leichte Kost. Dennoch ist die Chance, so viele hochkarätige Redner in dieser Konstellation zu erleben, einmalig. Sie alle werden „die bewegte Gegenwart der Ästhetik“ in den Blick nehmen, verspricht Juliane Rebentisch – „eine Gegenwart, die das ästhetische Denken mit einer gewissen Dringlichkeit über die disziplinären Grenzen hinaustreibt“.

Felix Kosok

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