05. Februar 2013

Die SCHIRN zeigt vom 15. Februar bis zum 12. Mai das bedeutende Werk Yoko Onos in einer Retrospektive. Die Ausstellung „Half-A-Wind Show“ bietet einen umfangreichen Überblick über die vielseitige Künstlerin.

Yoko Ono ist eine der einflussreichsten Künstlerinnen unserer Zeit. Zum 80. Geburtstag der am 18. Februar 1933 in Tokio geborenen Ono zeigt die Schirn Kunsthalle Frankfurt eine umfassende Retrospektive, die eine charakteristische Auswahl aus den 60 Jahren ihres Schaffens präsentiert. Vom 15. Februar bis 12. Mai 2013 bietet die Frankfurter Ausstellung einen nahezu vollständigen Überblick über den vielfältigen Kosmos dieser außerordentlichen Künstlerin, die als Wegbereiterin der frühen Konzept-, Film- und Performancekunst, aber auch als zentrale Gestalt der Musik, der Friedensbewegung und des Feminismus gilt und bis heute eine bedeutende Position im aktuellen Kunstgeschehen einnimmt. Rund 200 Objekte, Filme, raumfüllende Installationen, Fotos, Zeichnungen und Textarbeiten sowie ein eigener Musikraum beleuchten innerhalb der Ausstellung die mediale Vielfalt in Onos Werk sowie die zentralen Themen ihres Œuvres. Besondere Aufmerksamkeit legt die Retrospektive auf Yoko Onos Arbeiten aus den 1960er- und 1970er-Jahren. Zu sehen sind u. a. richtungsweisende Werke wie die 1961 und 1962 erstmals ausgestellten „Instructions for Paintings“, die „Performance Cut Piece“ (1964/65) oder das 1964 erschienene Buch „Grapefruit“, das Onos maßgebliche Bedeutung für die Avantgarde-Szene in Japan und den USA sowie für die Fluxus-Bewegung um George Maciunas festigte. Auch mehrere große Installationen und aktuelle Arbeiten der weltberühmten Künstlerpersönlichkeit werden in der Ausstellung präsentiert. Die Installation und Performance „Moving Mountains“ ist von Yoko Ono speziell für die Frankfurter Ausstellung entwickelt worden.

Die in Japan und den USA aufgewachsene Yoko Ono gehört zu den Pionieren der Konzeptkunst. Als erste Frau wurde sie 1952 zum Philosophiestudium an der Gakushūin-Universität in Tokio zugelassen. Kurz darauf widmete sie sich in den USA der Kompositionslehre und dem kreativen Schreiben. Später lebte sie in New York, wo sie zur Protagonistin der Avantgarde-Szene um Musiker wie John Cage, den Fluxus-Begründer George Maciunas oder den Filmemacher Jonas Mekas wurde. Als Wegbereiterin der gesellschaftspolitisch orientierten Kunst der 1960er-Jahre hat Yoko Ono Performance und Konzeptkunst ganz wesentlich mit ins Leben gerufen und formal geprägt. Zunächst in Zusammenarbeit mit ihrem Ehemann John Lennon, mit dem sie bis zu dessen gewaltsamem Tod zahlreiche Sessions spielte und Aufnahmen machte, avancierte Ono ebenfalls zur weltberühmten Poplegende, die bis heute unter verschiedenen Pseudonymen an musikalischen Projekten arbeitet – zuletzt nahm sie 2012 ein gemeinsames Album mit Thurston Moore und Kim Gordon von Sonic Youth auf. In öffentlichen Aktionen setzt sich Yoko Ono zudem immer wieder vehement für Umweltschutz, Frieden und Menschenrechte ein.

Als „berühmteste unbekannte Künstlerin“ beschrieb John Lennon seine Frau Yoko Ono schon 1971 anlässlich ihrer ersten Museumsausstellung im Everson Museum of Art in Syracuse, New York. Das Werk der in New York lebenden Künstlerin basiert vor allem auf Ideen und auf sprachlichen Anweisungen zu utopischen oder auch ausführbaren Aktionen. Gelegentlich manifestiert sich die Idee in einem zwei- oder dreidimensionalen Gegenstand, doch viele der poetischen, klugen oder ungewöhnlichen Ideen oder Anweisungen („Instructions“) bleiben in einem Zustand des „Fast“ oder „Vielleicht“. Manche verraten einen subtilen Humor, manche heftige Gesellschaftskritik, sie sind politisch, feministisch, meist zutiefst menschlich. Zu den frühesten Werken der Künstlerin zählt eine Serie aus Gemälden mit dazugehörigen Anweisungen an die Betrachter, die bereits 1961 in Maciunasʼ New Yorker AG Gallery gezeigt wurden. Den Fluxus-Gründer hatte Ono bei den Chambers Loft Series kennengelernt: In ihrem New Yorker Atelier in der Chambers Street fanden im Winter 1960/61 eine Reihe von Abendveranstaltungen mit experimenteller Musik und Performances statt, zu denen auch Künstler wie Max Ernst und Marcel Duchamp erschienen. In den folgenden Jahren war Ono mit zahlreichen Arbeiten in Fluxus-Editionen vertreten und nahm an vielen Ausstellungen teil, ohne sich aber als festes Mitglied einer Gruppierung zu begreifen.

Das Einbeziehen des Betrachters und die Aufforderung, das Kunstwerk mittels eigener Handlungen entweder zu vervollständigen oder überhaupt erst in Gänze zu realisieren, gehört zum grundlegenden Konzept der Kunst Yoko Onos. Das gilt auch für ihre zahlreichen Performances und besonders jene aus der frühen Zeit. Eine der spektakulärsten war „Cut Piece“, aufgeführt in Kyoto, Tokio und New York (1964 und 1965), in der das Publikum eingeladen wurde, der still auf der Bühne sitzenden Künstlerin mit scharfen Scheren die Kleider vom Leib zu schneiden. Themen wie das Ausgeliefertsein, die Rolle der Frau und Gewalt wurden dabei auf subtile Weise visualisiert. Zu Yoko Onos frühesten Installationen zählt „Half-A-Room“ von 1967, in der in Hälften geschnittene und weiß gestrichene Möbel ein poetisches Ensemble bilden. Auf eindringliche Weise thematisierte sie darin den Verlust der „Ganzheit“ des Menschen und die Sehnsucht nach Vervollständigung. Viele Objekte Onos arbeiten mit dem Impuls des Betrachters, durch eine aktive Vervollständigung – sei es durch eine Handlung oder rein gedanklich – zu reagieren. Damit verbunden sind weitreichende Überlegungen zur Rolle des Betrachters, der Kunst, des Künstlers und des Kunstwerks.

Eine große Rolle für Onos Bedeutung in der aktuelleren Kunstgeschichte spielen auch ihre Filme, beispielsweise „Rape“ (1969), in dem die Kamera zum Verfolger wird, oder der berühmte Film „Fly“ (1970), in dem eine Fliege in Nahaufnahme gezeigt ist, die über den nackten Körper einer Frau kriecht, wodurch ungewöhnliche und fremde „Körperlandschaften“ zu entdecken sind. In Filmen wie „One (Match)“ (1966), der das Zünden und Abbrennen eines Streichholzes in Nahaufnahme und extremer Zeitlupe zeigt, konzentriert sich die Künstlerin auf minimale Handlungsabläufe, die durch die Sparsamkeit der eingesetzten filmischen Mittel poetische Wirkung erzielen und Einsichten in umfassendere Zusammenhänge fördern.

In einem separaten Raum wird darüber hinaus Onos umfassende Musikproduktion ab den 1960er-Jahren bis heute dokumentiert. Von frühen Aufführungen neuer experimenteller Musik über gemeinsame Sessions mit John Lennon bis hin zu der Disco-New-Wave Hit-Single „Walking on Thin Ice“ (1981) oder Veröffentlichungen der Yoko Ono/Plastic Ono Band werden dabei die zahlreichen musikalischen Projekte und Kooperationen der Künstlerin sichtbar und hörbar.