Der Mann mit steifem Hut und die hundertprozentige Frau: in den 1920ern setzte der Kölner Maler Anton Räderscheidt die moderne Vereinsamung und das spannungsvolle Geschlechterverhältnis ins Bild.

So beschreibt sich der Kölner Maler Anton Räderscheidt im Jahr 1926. Seine künstlerische Karriere macht zu diesem Zeitpunkt einige Fortschritte. 1925 wird Räderscheidt als einziger Kölner Künstler zu Gustav Hartlaubs legendärer Mannheimer Ausstellung „Neue Sachlichkeit“ geladen. Das eingangs erwähnte Zitat stammt aus dem Katalog einer Gruppenausstellung in der Kölner Richmod Galerie. Es bringt Räderscheidts künstlerisches Schaffen in den zwanziger Jahren auf den Punkt.

Ich bin 34 Jahre alt und in Köln geboren. Ich male den Mann mit steifem Hut und die hundertprozentige Frau, die ihn durch das Bild steuert.
Anton Räderscheidt

Um 1921, nach expressionistischen und konstruktivistischen Versuchen, entstehen Gemälde wie „Begegnung I“. Eine leere, geradezu klinisch saubere Straße, im Hintergrund ist ein anonym wirkendes Wohnhaus zu sehen. Eine Straßenlaterne schiebt sich durch die Bildmitte. Inmitten dieser beklemmenden Szenerie befindet sich ein Paar. Der Mann mit steifem Hut, ein Stellvertreter des Künstlers, steht der schon erwähnten „hundertprozentigen Frau“ gegenüber. Ihr Prototyp ist Räderscheidts damalige Lebensgefährtin, die Künstlerin Marta Hegemann. Von einer Begegnung kann keine Rede sein. Die Figuren stehen versetzt, blicken sich nicht an. Es herrscht eine angespannte, gehemmte Stimmung.

Von einer Begegnung kann keine Rede sein

Eine Stimmung, die Erich Kästner 1928 in der ersten Strophe seines Gedichts „Sachliche Romanze“ einfängt: „Als sie einander acht Jahre kannten / (und man darf sagen: sie kannten sich gut) / kam ihre Liebe plötzlich abhanden. / Wie andern Leuten ein Stock oder Hut.“ Nicht immer stehen die distanzierten, „einsamen Paare“ im Mittelpunkt von Räderscheidts Gemälden, mit denen er sich an der Beziehung zu Hegemann und am Geschlechterverhältnis abarbeitet. Oft werden die Bilder von einer einsamen Männerfigur dominiert. Korrekt, vielleicht zu korrekt gekleidet – der Anzug erinnert an eine Panzerung – steht der Mann in anonym-weitläufigen Architekturlandschaften.

Anton Räderscheidt, Die Begegnung, image via: www.raederscheidt.com

Anton Räderscheidt, Die Tennisspielerin, Pinakothek der Moderne, Image via: raederscheidt.com

Er wirkt dabei so verloren, dass man ihm fast zu Hilfe eilen möchte. Räderscheidts Bilder gelten, schreibt der Kunsthistoriker Günter Herzog, „als Ikonen der Versachlichung und Vereinsamung der Menschen in der modernen Industriegesellschaft“. Ihnen ist eine besondere Spannung eigen. Die Bilder könnten, so meint man, schnell ins Komische kippen. Man würde sich in einer Stummfilmkomödie wiederfinden, vielleicht in einem Film von Buster Keaton. Man könnte auch an Giorgio de Chiricos monumentale Stadtlandschaften denken, oder an die Figurenbilder des belgischen Surrealisten Paul Delvaux, vielleicht sogar an René Magritte.

Unter männlicher Kontrolle

Mitte der Zwanziger malt Räderscheidt – darin ist er ganz Zeitgenosse – mehrere Sportbilder, wie beispielsweise „Die Tennisspielerin“. Das 1926 entstandene Gemälde befindet sich heute in der Sammlung der Münchner Pinakothek der Moderne. Auch die Berliner Künstlerin Lotte Laserstein malt drei Jahre später eine Tennisspielerin. Doch während Lasersteins Protagonistin Emanzipation und weibliches Selbstbewusstsein verkörpert, steht Räderscheidts Tennisspielerin gänzlich unbekleidet auf dem Spielfeld. Sie wird von einem, von „dem“ Mann mit steifem Hut beobachtet. Hier ist die Frau noch unter männlicher Kontrolle.

Lotte Laserstein, Tennisspielerin, 1929, Privatsammlung Berlin, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

Räderscheidts männliche Figuren wirken, je weiter die zwanziger Jahre voranschreiten, immer selbstbewusster. 1928 malt er das „Selbstbildnis“, das in der Schirn-Ausstellung „Glanz und Elend der Weimarer Republik“ zu sehen ist. Es zeigt den Künstler in einem kahl wirkenden, nicht weiter ausformulierten Raum. Vermutlich ist es Räderscheidts Atelier. Der Mann trägt eine messerscharf gebügelte Hose, Lackschuhe, weißes Hemd und Krawatte. Er macht einen entschlossenen Eindruck. In seiner rechten Hand hält der Mann einen Stift. Hinter ihm steht eine großformatige Leinwand, an die Wand angelehnt. Darauf zeichnet sich eine weibliche Aktfigur ab.

Das „Selbstbildnis“ gilt als Wendepunkt in Räderscheidts (künstlerischem) Selbstfindungsprozess. In den folgenden Jahren verändert er seinen Stil. Die Glätte und Starrheit der Figurenbilder weicht einer flüchtigen und skizzenhaften Malweise. 1935 flieht Räderscheidt nach Frankreich, wird mehrmals interniert. 

Anton Räderscheidt, Selbstbildnis, Detail, 1928, Musée d´Art Moderne de la Ville de Paris, © VG Bild-Kunst, Bonn 2018

1940 gelangt er in die Schweiz. In Deutschland gelten seine Bilder als „entartet“. Im Zweiten Weltkrieg wird ein Großteil seines bisherigen Werks zerstört. 1949 kehrt Anton Räderscheidt nach Köln zurück, wo er bis zu seinem Tod 1970 als Künstler arbeitet. Der Mann mit steifem Hut und die hundertprozentige Frau tauchen in seinem Spätwerk nicht mehr auf.

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