07. November 2017

Man muss die Feste feiern wie sie fallen: Die Bohème hat in der Weimarer Republik eine kurze Glanzzeit, bevor sie durch den Nationalsozialismus auf immer vernichtet wird.

Von Julia Schmitz

„Boheme ist eine Eigenschaft, die tief im Wesen eines Menschen wurzelt, die weder erworben oder anerzogen werden, noch durch die Veränderung der äußeren Lebenskonstellation verlorengehen kann“, wird Erich Mühsam zitiert. Der Schriftsteller und politische Aktivist war selbst Teil der Bohème der Jahrhundertwende, hatte sich auf dem Monte Veritá in Lebensreform geübt und in München-Schwabing und Berlin in den einschlägigen Cafés der Künstler und Literaten bis in die Morgenstunden diskutiert. Doch diese Form der Bohème findet mit dem sich über vier Jahre hinziehenden Ersten Weltkrieg ein vorläufiges Ende.

Die Berliner Bohème strebte nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Und war oftmals vor allem eins: am Rande der Armut.

Nach 1918 fehlt die Sorglosigkeit, mit der sich zuvor aufstrebende Künstler oder Menschen, die sich als solche betrachteten, die Zeit mit Gedanken über eine neue und bessere Gesellschaftsordnung vertrieben oder sich mit Haut und Haaren ihrer Kunst gewidmet hatten. Die Ernüchterung über den verlorenen Krieg und die damit einhergegangenen Verluste greifen auch auf die Bohème über, die sich nun – erstaunlich produktiv – viel stärker als ihre Vorgänger dem Netzwerken und Verkauf ihrer Produkte widmet - „technikaffin, tempobesessen, schnörkellos, schlicht“.

Das Gebäck ist genau abgezählt

Nachdem das scherzhaft als „Café Größenwahn“ betitelte Café des Westens die mittellosen Künstler ausschließt, um ein zahlungskräftigeres Publikum anzuziehen, wandern die Künstler notgedrungen weiter in das Romanische Kaffee auf der Tauentzienstraße. Jedoch nicht ohne Nostalgie: „Die Bohémiens gehen jetzt ins Romanische Café, in dessen kuppelförmiger Halle sie unter Kettenhändlern von der Rennbahn und Börsenspekulanten ein ziemlich geduldetes Dasein fristen. Der Kaffee muß sofort bezahlt werden, und das Gebäck ist genau abgezählt, und traurig denken sie an das schöne alte Café des Westens zurück...“, schreibt Egon Erwin Kisch mit spitzer Zunge in seinen Berliner Reportagen.

Inflation: 1 Ei 120 Mark, 1922/23, Fotografie, Ausstellungskatalog "Glanz und Elend in der Weimarer Republik", Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017

Nicht jeder goutiert diese Veränderung: „[...] die Meinungsbörse im Romanischen Café wird im Ernst wohl niemand als den Sammelplatz freier Geister, aus Protest Entwurzelter und freiwillig Abseitiger ansehen... Die Bohème, deren ich mich erinnere, lebt nicht mehr, und sie wird dadurch nicht lebendig, daß von solchen, die sich heute Bohème dünken, ihre Gesten kopiert werden“, schreibt erneut Erich Mühsam, sichtlich enttäuscht.

Die Kunst des stilvollen Bettelns

Das neue Café ist – natürlich nur inoffiziell – in zwei Bereiche geteilt: Während im „Schwimmerbecken“ illustre Namen wie Bertolt Brecht, Carl  Zuckmayer, Alfred Döblin oder die für ihre Exzesse bekannte Tänzerin Anita Berber verkehren und ihren Erfolg feiern, quillt das „Nichtschwimmerbecken“ über von jungen, noch unbekannten Künstlern und Künstlerinnen. Diese sitzen im Café, weil sie sich aus ständigem Geldmangel keine Kohlenbriketts leisten können, um ihr enges und feuchtes Hinterhofzimmer zu heizen, ja, manchmal können sie noch nicht einmal die paar Pfennige für eine Tasse Kaffee aufbringen und üben sich daher in der Kunst des Schnorrens. Ein Paradebeispiel für die Kunst des stilvollen Bettelns ist John Höxter, der „Ober-Bohemièn“, der sich bereits seit der Jahrhundertwende durch die Cafés fragt. Friedrich Hollaender widmet dem morphiumsüchtigen Lebenskünstler ein treffendes Gedicht:

Rudolf Schlichter, Bildnis Bert Brecht, 1926, Städtische Galerie im Lenbachhaus, München

Ich pendle langsam zwischen allen Tischen.

Ab zwanzig Uhr beherrsch ich dieses Reich.

Ich will mir einen edlen Gönner fischen.

Vor mir sind Rassen und Parteien gleich.

Irrenärzte, Komödianten,

Junge Boxer, alte Tanten,

Jeder kommt mal an die Reihe

Jeder kriegt von mir die Weihe:

Könnse mir fünfzig Pfennige borgen?

Nur bis morgen?

Ehrenwort!

Blandine Ebinger und Friedrich Hollaender, Image via [Public domain], Wikimedia Commons

Die Bohème – die sich während der Weimarer Republik fast ausschließlich in Berlin aufhält – sieht sich ihrer Abkehr und Verachtung von allem Bürgerlichen und Spießigen und ihrer Zuwendung zu allem künstlerisch-individualistischen verpflichtet, sie hegt ein ambivalentes Verhältnis zur Großstadt und fühlt sich zu revolutionären bis anarchistischen Bewegungen hingezogen. Sie strebt nach Selbstverwirklichung und Freiheit. Und sie ist oftmals vor allem eins: am Rande der Armut.

Verschwenderische Launen

Einem bürgerlichen Beruf nachzugehen, um sich den Lebensunterhalt zu sichern, wird als Beschneidung der eigenen Kreativität gesehen und abgelehnt. Dies bedeutet im Umkehrschluss aber keine Sparsamkeit: „Im Notfall wissen sie mit der ganzen Tugend eines Anachoreten die Enthaltsamkeit zu üben; aber fällt ihnen ein wenig Geld in die Hände, so sieht man sie alsbald auf den verschwenderischsten Launen reiten: sie lieben die Schönsten und Jüngsten, trinken die besten und ältesten Weine und finden der Fenster, ihr Geld hinauszuwerfen, niemals genug“, wusste schon Henry Murger, der Mitte des 19. Jahrhunderts in Paris seinen Text „Die Boheme“ verfasste.

Karl Völker, Kaffeehaus, 1928-30, Ausstellungskatalog "Glanz und Elend in der Weimarer Republik", Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017

Spült ein Auftrag Geld in die Kassen eines Bohémiens, so wird es zumeist sofort wieder für Alkohol oder rauschende Atelier-Feste auf den Kopf gehauen – in den Zeiten der Inflation, in denen das Geld in Windeseile an Wert verlor, eine durchaus nachvollziehbare Haltung. Andere vertrauten auf die regelmäßigen Zahlungen eines Gönners: So kam die Sängerin Claire Waldoff, die ebenfalls als Bohemiénne gelebt, es später aber zu einigem Ruhm in der Kleinkunstszene Berlins gebracht hatte, über längere Zeit für Mieten und Lebenshaltungskosten ihrer Freunde auf.

Die Machtübernahme

Auch Else Lasker-Schüler, die exzentrische Lyrikerin aus Wuppertal, die mit ihrem stechenden Blick und den exzentrischen Kostümen die Berliner Männerwelt betört, ist immer wieder auf Unterstützung durch Fremde angewiesen und wendet sich in ihrer Not in Bittbriefen an verschiedene Stiftungen – wäre es nicht längst überfällig, ihr den gut dotierten Preis für ihre Werke zu verleihen?

Else Laser-Schüler, Image by עברית: לא ידוע English: Unknown [CC BY 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by/3.0)], via Wikimedia Commons

Ende der 1920er-Jahre verdunkelt sich der Horizont der Berliner Bohème allmählich. Die Nationalsozialisten beginnen zunehmend, ihr Unwesen zu treiben und haben es dabei vor allem auf Künstler und Literaten abgesehen. Mit der Machtübernahme Hitlers sieht sich ein Großteil der – oft jüdischen – Bohème schweren Herzens zur Emigration gezwungen. Man lässt die Kaffeehaustische am Kurfürstendamm verlassen und blutleer zurück.

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