01. November 2017

Der rastlose Reporter Joseph Roth ist der Beobachter des Alltags in der Weimarer Republik zwischen den beiden Weltkriegen.

Von Philipp Hindahl

Ein Mann raucht im Romanischen Café́ in Berlin-Charlottenburg, neben sich ein Cognac (obwohl es erst vormittags ist), vor sich ein Notizbuch. Vielleicht war er gestern noch in Wien, Frankfurt oder Paris, denn dieser Mann reist viel. Sein Beruf: Reporter. Sein Name: Joseph Roth. Über das Leben und den Alltag der Weimarer Republik kann er gar nicht in einer Redaktionsstube schreiben, er hat es versucht. Der Lärm im Café́ stört ihn nicht. Im Gegenteil, wenn die Konversation um ihn herum abbricht, fragt er: „Habt ihr euch nichts zu sagen? Kein Gesprächsstoff?“

Das Romanische Haus in Berlin kurz nach der Fertigstellung, Public domain, via Wikimedia Commons

Geboren ist Joseph Roth 1894 im galizischen Schtetl Brody. Er ging nach Lemberg, um zu studieren, dann nach Wien. Als der Erste Weltkrieg ausbrach, war er Pazifist, meldete sich aber später freiwillig für den Dienst im Pressekorps der Österreich-Ungarischen Armee. Nach dem Krieg ging Roth nach Wien: „Ich wurde eines Tages Journalist aus Verzweiflung über die vollkommene Unfähigkeit aller Berufe, mich auszufüllen“.

Der rote Joseph in der Monarchie

1920 schrieb er an seinen Vetter Fritz Grübel: „Ich gehe im Sommer nach Berlin, denn im Sommer kann man auf einer Parkbank übernachten und sich mit einer Tüte Kirschen satt essen“. Genauso wenig, wie er ein Zuhause hat, fühlt sich Roth in einer Ideologie wohl. Schrieb er anfangs — noch in seinen Wiener Jahren — für sozialistische Blätter (Pseudonym: der rote Joseph), wurde er später zum Monarchisten. An seinem Lebensende träumte er sich zurück in die Jahre der k.u.k.-Monarchie.

In Berlin und anderswo wird nach den Kaiserjahren die Moderne konstruiert. Oder, besser gesagt, in der chaotischen Republik scheinen verschiedene Versionen der Moderne möglich, denn um die Deutungshoheit wird gestritten: im Parlament und in Galerien, Rechte gegen Linke, Reaktionäre gegen Progressive. An den großen politischen Themen hat Roth aber gar nicht so viel Interesse. „Ich bin Schriftsteller, kein Leitartikelschreiber“, sagte er in einem Brief an Benno Reifenberg, Feuilletonchef der Frankfurter Zeitung.

Effizienz am Tresen

Und trotzdem findet er die großen Themen der Zeit, aber eben im Kleinen. „Berliner Vergnügungsindustrie“ heißt ein Artikel, geschrieben 1930. Roth porträtiert den Berliner Nachtbummler, mit alterslosem Gesicht, zurückgekämmten Haaren und mit „streng typisierten, höchst einfachen Bedürfnissen, die nach höchst einfachen Regeln zu befriedigen sind.“ Die Moderne ist effizient, auch am Tresen und auf der Tanzfläche, dort, wo sich das „Laster mit dem Training“ verbindet. Nachts in den Bars und Kneipen Berlins werden die Vergnügungssüchtigen abgefertigt.

Kurt Querner, Agitator, 1931, Staatliche Museen zu Berlin, Nationalgalerie, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, photo: bpk / Nationalgalerie, SMB / Bernd Kuhnert

Alle Betrunkenen sind gleich — könnte man meinen: „Nirgends ist ein Wirt vorhanden, als gehörten die Bars in der Tat niemandem, als wären sie öffentliche Einrichtungen des Luxus (...).“ Aber: Im Berliner Westen wird das mondäne Publikum bedient, weiter draußen der gepflegte Mittelstand und ganz im Osten, nun ja, das sogenannte Lumpenproletariat. Oder, in Drinks ausgedrückt: „vom Champagner und Cocktail zum Cognac, zum Kirschwasser, zum gezuckerten Likör, zum Bier vom Patzenhofer Bräu.“ Roth hat diese Reise durchs Nachtleben unternommen, und wenn Effizienz zum Gradmesser der Moderne taugt, dann hat er sie hier gefunden. Und alles hat er aufgeschrieben.

Grand Hotel Abgrund

Wenn wir heute an die Weimarer Republik denken, denken wir an bestimmte Typen. Da gibt es die feisten Rechtsradikalen in den Zeichnungen von George Grosz, die ewig gestrigen Offiziere in den Freikorps und die Kriegsversehrten bei Otto Dix, die verkoksten Dandys mit Monokel, den kommunistischen, zigarrenrauchenden Boxer Bertolt Brecht. Und den Hotelbewohner, den stets Fremden, der keine Spuren hinterlässt.

Georg Scholz, Café (Swastika Knight) (Café [Hakenkreuzritter]), 1921, Merrill C. Berman Collection, New York, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, photo: Galerie Michael Hasenclever

Überhaupt, das Hotel in der Weimarer Republik: Es ist für die Intellektuellen ein besonderer Ort. Siegfried Kracauer überhöht die Hotelhalle zur Gesellschaftsform der Moderne, voll mit Menschen, die aus dem eigentlichen Leben herausgehoben sind. Als wäre der Ort, an dem man nur auf Zeit wohnen kann, das perfekte Bild für diese Jahre. Es konnte natürlich noch niemand wissen, dass das die Zeit zwischen zwei Weltkriegen war. Aber ahnen konnte man es vielleicht.

Europa begeht Selbstmord

Unter den Entwurzelten ist Roth ein extremer Fall, zwischen k.u.k.-Monarchie und jüdischem Schtetl. Beides gehört einer vergangenen Welt an: „Wir sind alle Bruchstücke, weil wir die Heimat verloren haben“. Roth erinnert an einen Seemann, der nach Jahren auf dem Meer seinen Heimathafen nicht wiederfindet. Nur kurz lebte er mit seiner Frau Friedl zusammen, aber die Wohnung musste er bald wieder verlassen. Als Korrespondent verschiedener Zeitungen lebte er in Hotels in Paris, Frankfurt und in Berlin, praktischerweise am Zoo, ganz in der Nähe seines Stammcafés in Charlottenburg.

George Grosz, Street Scene (Kurfürstendamm) (Straßenszene [Kurfürstendamm]), 1925, Museo Thyssen-Bornemisza, Madrid, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017

Am 30. Januar 1933 verlässt Roth Deutschland endgültig, am Tag der Machtübernahme der Nationalsozialisten. Wenige Wochen später werden in ganz Deutschland Bücher verbrannt, darunter auch Roths Romane. Er arbeitete im Pariser Exil weiter. „Europa begeht Selbstmord“, schrieb er an seinen Freund Stefan Zweig. Anfang 1939 denkt Roth, der ewige Migrant, noch über eine Übersiedlung nach Amerika nach. Am 27. Mai stirbt Roth in Paris an den Folgen seines Alkoholismus.

An den Besuchern seiner Beerdigung auf dem Cimetière Thiais lässt sich vor allem eins ablesen: Nun wollen alle ein Stück von Joseph Roth. An seinem Grab stehen Katholiken und jüdische Emigranten, Sozialdemokraten, Kommunisten und österreichische Monarchisten. Das Moderne, die Essenz seiner Zeit hat er nicht in den großen Ideologien gesucht, und ein Avantgardist war er auch nicht. Eher ein teilnehmender Beobachter. Kaum war er irgendwo angekommen, war er schon wieder abreisebereit.

Horst Naumann, Weimar Carnival (Weimarer Fasching), ca. 1928/29, Albertinum/Galerie Neue Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, © Estate Naumann, photo: bpk /Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Elke Estel/Hans-Peter Klut