23. September 2017

Die ersten freien und demokratischen Wahlen fanden in Deutschland vor knapp hundert Jahren zu Beginn der Weimarer Republik statt. Über eine junge Demokratie, die durch radikale Nationalisten von ihren wackligen Beinen gestoßen wurde.

Von Marthe Lisson

Wenn am 27. Oktober die Ausstellung „Glanz und Elend in der Weimarer Republik“ eröffnet, hat Deutschland zum 19. Mal den Deutschen Bundestag gewählt. Dass 61,5 von rund 82 Millionen Menschen frei wählen können, mag für uns heute selbstverständlich sein. Dabei ist die erste freie, demokratische Wahl noch keine einhundert Jahre her.

Am 19. Januar 1919 fanden in der neu gegründeten Weimarer Republik die Wahlen zur Deutschen Nationalversammlung statt. Die Weimarer Republik hatte es nie leicht. Sie litt unter dem Erbe des Versailler Vertrages (siehe Artikel Friedensschlüsse), musste sich gegen Angriffe aus dem linken und rechten Lager behaupten und versuchen, einer alten Generation von Monarchisten die parlamentarische Demokratie schmackhaft zu machen. Bis heute wird den Machern der Weimarer Republik oft komplettes Versagen vorgeworfen, insbesondere im Hinblick auf den rasanten Aufstieg der NSDAP. Doch gerecht wird man ihnen damit nicht.

Die Revolution von Oben

Aus aktuellem Anlass wirft dieser Artikel einen Blick auf die ersten freien Wahlen in Deutschland 1919 und ordnet sie historisch ein. Wie wurde aus einer Monarchie eine Demokratie? Aus welcher Situation heraus entstand die Weimarer Republik und warum hielt sie sich nur für wenige Jahre, bevor sie zusammenbrach? Seit sich die AfD 2015 von einer euroskeptischen in eine rechtspopulistische Partei entwickelt hat, sind die Vergleiche zur Weimarer Republik heute wieder in aller Munde. Doch welche Parallelen gibt es tatsächlich und was ist heute doch anders?

Kurz vor Ausrufung der Republik: Der SPD-Politiker Philipp Scheidemann spricht aus einem Fenster der Reichskanzlei zum Volk, 9. November 1918, Image via Wikimedia Commons

September 1918. Das Deutsche Reich, eine konstitutionelle Monarchie unter Kaiser Wilhelm II., steckt in den letzten Zügen des Ersten Weltkrieges und steht sowohl militärisch als auch wirtschaftlich kurz vor dem Zusammenbruch. Um bei einer sehr wahrscheinlichen Verschlechterung der Lage einer „Revolution von unten“ vorzubeugen, wie man es in Russland 1917 erlebt hatte, entschied man sich für eine „Revolution von oben“. Die vom Kaiser ernannte Reichsleitung wurde abgesetzt und am 3. Oktober 1918 wurde erstmals eine vom Parlament getragene Reichsregierung eingesetzt.

Befehlsverweigerung und Aufstand

Prinz Max von Baden, ein Vetter des Kaisers, wurde Reichskanzler. Mit der Einrichtung der Regierung wurden Waffenstillstandsangebote an die alliierten Kriegsgegner gesandt. Zwar war die Bevölkerung von den Angeboten überrascht – jahrelang waren sie von kaiserlicher Propaganda ermahnt worden, dass ein Frieden nur mit dem Sieg einhergehen könne – doch sie akzeptierten die politische Wende schnell. Und zwar schneller, als der Reichsregierung lieb war. Ende Oktober 1918 forderte das Volk bereits die Abdankung des Kaisers, insbesondere da dieser und die ranghohen Militärs keinerlei Loyalität gegenüber der neuen Regierung zeigten.

Berlin: Wohltätigkeitsspeisung armer Leute durch die evangelische Kirchengemeinde, Image via commons.wikimedia.org

Auf der zivilen Seite demonstrierte das Volk, auf der militärischen meuterten die Matrosen gegen die Obrigkeit. Als der Krieg bereits verloren war, wollte die Deutsche Hochseeflotte trotz der Waffenstillstandsangebote für einen letzten Schlag gegen die Briten auslaufen. Doch die Matrosen verweigerten den Befehl, Anfang November verbreitete sich eine revolutionäre Stimmung von den Kieler Matrosen ausgehend im gesamten Reich. In den Städten wurden Soldaten- und Arbeiterräte gegründet, um den Forderungen Ausdruck zu verleihen. Die alte Ordnung war im Geiste bereits passé. Nur der Kaiser saß noch auf seinem Thron und dachte nicht daran, diesen zu räumen.

Uneingeschränkt für Demokratie

Prinz Max sah sich also gezwungen, eigenmächtig die Abdankung des Kaisers zu verkünden und Reichskanzler Friedrich Ebert wandte sich an das Volk mit dem Versprechen, eine Nationalversammlung wählen zu lassen. Zum ersten Mal sollten auch Frauen wählen dürfen. Der demonstrierenden Menschenmasse in Berlin genügte das allerdings nicht, sodass sich am 9. November 1918 gegen 14 Uhr der sozialdemokratische Politiker Philip Scheidemann genötigt sah, von einem Balkon des Reichstages aus zum Volk zu sprechen. Dabei verkündete er nicht nur die Abdankung des Kaisers, sondern ließ sich dazu hinreißen, die Republik auszurufen.

Zur Reichstagswahl am 4. Mai 1924. Der deutsche Reichskanzler Marx wählt, Image via commons.wikimedia.org

Die ersten freien und demokratischen Wahlen nach dem Absetzen der Monarchie fanden am 19. Januar 1919 statt. Neu war nicht nur, dass endlich auch Frauen wählen durften, auch das Wahlalter war von 25 auf 20 Jahre heruntergesetzt worden. 70% aller Stimmen gingen an die Parteien SPD (die mit Friedrich Ebert den ersten Reichspräsidenten stellen sollte), die katholische Zentrumspartei (die später weitestgehend in der CDU aufging) und die linksliberal-bürgerliche Deutsch-Demokratische Partei. Alle drei Parteien standen uneingeschränkt zur Demokratie. In der Wahl zum ersten Reichstag ein Jahr später hatten sie ihre Mehrheit dann allerdings schon für immer verloren.

Repression und Einschüchterung

Die Weimarer Republik ist bis heute bekannt für die Instabilität und Kurzlebigkeit ihrer Regierungen. Der Reichstag wurde grundsätzlich für vier Jahre gewählt, doch wurden immer wieder Wahlen vorgezogen, um ein klares Mehrheitsverhältnis zu erzielen. Nach der Wahl zum ersten Reichstag 1920 wurde 1924 gleich zwei Mal gewählt, dann wieder 1928, 1930 und zwei Mal 1932. Der Reichspräsident wurde direkt vom Volk gewählt. Dieser ernannte den Reichskanzler, der über weitreichende Befugnisse verfügte. Er hatte das Recht zur Reichstagsauflösung und konnte bei Gefährdung der öffentlichen Sicherheit den Ausnahmezustand verhängen.

Ein Million-Markschein als Rechnungsblock. Image via commons.wikimedia.org

Zwei Befugnisse, die sich Adolf Hitler später zu Nutze machen sollte. Die NSDAP trat erstmals 1928 bei den Wahlen an, erzielte aber nur 2,6%. Bei der Wahl zwei Jahre später lag ihr Ergebnis bereits bei 18,3%, 1932 erreichte sie beide Male über 30%. Die Wahl am 6. November 1932 war die letzte freie, demokratische Wahl für viele Jahre, denn die Wahl im März 1933 fand bereits unter nationalsozialistischer Repression und Einschüchterung statt und kann nur bedingt als demokratisch eingestuft werden. Reichspräsident Paul von Hindenburg ernannte schließlich Adolf Hitler am 30. Januar 1933 zum Reichskanzler und versetzte der jungen Republik den Todesstoß.

Demokratiedämmerung

Bis heute fasziniert auf erschreckende Weise die Frage: Wie schaffte die NSDAP diesen rasanten Aufstieg? Eine zentrale Rolle spielte die Verunsicherung und Verelendung der Bevölkerung durch die Weltwirtschaftskrise, man sehnte sich nach einer starken Führungspersönlichkeit – entweder weil man es durch den Kaiser gewohnt war oder weil eine solche Figur im breiten Parteien-Spektrum der Republik fehlte – und die NSDAP hob sich gerade damit hervor. Zudem inszenierte sie bewusst Bürgerkriegsszenarien, um sich anschließend als Schutzmacht zu profilieren.

Adolf Hitler 1933, Image via commons.wikimedia.org

Die demokratischen Parteien waren gleichzeitig sehr ihren Milieus verhaftet und in ihrer Ausrichtung kaum flexibel und kompromissbereit. Oft wird in diesem Zusammenhang vom Scheitern der Demokratie gesprochen, selten wird allerdings berücksichtigt, dass die deutsche Demokratie in der Weimarer Republik gerade erst das Laufen lernte und noch sehr wackelig auf den Beinen stand. Der Historiker Tim B. Müller betont dazu in einem ZEIT-Beitrag einen interessanten Aspekt: Es habe schlicht keine Vorbilder und Traditionen gegeben, auf die man sich berufen konnte. Kaum ein Land habe sich vor 1918 als Demokratie begriffen, in den USA etwa stand Demokratie schlichtweg für die Politik der Demokratischen Partei. Es fehlte grundsätzlich eine klare Definition des Begriffs „Demokratie“.

Die richtige Motivation

Mit dem Aufstieg der AfD wurden in den letzten Jahren immer wieder Vergleiche zur Weimarer Republik gezogen. Es war das erste Mal nach 1932, dass eine rechtspopulistische Partei zweistellige Wahlergebnisse in Landtagswahlen erzielte. Die Prognosen zur Bundestagswahl deuten ähnliche Ergebnisse an. Wie auch die NSDAP hat sich die AfD erst über einen längeren Zeitraum radikalisiert. Doch sind die Motivationen, eine populistisch-nationalistische Partei zu wählen, heute die gleichen wie damals? Eine hochkomplexe Frage, die an dieser Stelle kaum analysiert werden kann. Während allerdings in der Weimarer Republik die Sehnsucht nach einer Führerpersönlichkeit eine wichtige Rolle spielte, scheint die Attraktivität populistischer Parteien heute – ob in Deutschland, Frankreich oder den USA – eher in der Rache am politischen Establishments begründet zu sein. Ob das die richtige Motivation für eine Wahlentscheidung ist, kann bezweifelt werden.

Die Verfassungsfeier in Berlin am 11. August 1923. Image via commons.wikimedia.org