23. November 2017

Der Schauspieler Isaak Dentler begeistert in Richard III. auf der Bühne und im ARD Tatort aus Frankfurt. Nun nimmt er uns mit auf eine Reise durch die Kunst und Kultur der Weimarer Republik.

Von Anett Göthe

Es ist ein kalter Morgen, als ich mich mit Isaak Dentler im Foyer der Schirn Kunsthalle treffe. Die Mütze tief ins Gesicht gezogen, tritt er mir mit einem offenen Lächeln entgegen. Keine Spur von Müdigkeit ist ihm anzumerken, dabei stand er noch am vorherigen Abend in gleich mehreren Rollen in dem vierstündigen Stück Richard III. im Schauspiel Frankfurt auf der Bühne. Als ich die Aufführung im Schauspielhaus sah, war ich gleichermaßen fasziniert und entsetzt: Wie kann ein widerwärtiger und bösartiger Mensch wie Richard III. alle täuschen, verführen und manipulieren, um sich schlussendlich auf den Thron zu lancieren? „Es ist möglich, wie es auch in den 1920er- und 30er-Jahren möglich war“, meint Dentler.

In der Inszenierung im Frankfurter Schauspiel darf ein Teil der Zuschauer ganz nah ans Geschehen ran, sitzt mit auf der Bühne und wird so zum Mitwisser. Alle schauen dem miesen Treiben zu und schweigen, geben dem skrupellosen Missetäter sogar die Hand. Shakespeares „Richard III.“ trägt einen überzeitlichen Kern in sich, der dazu legitimiert, diesen mit den Geschehnissen der Weimarer Republik ebenso wie aktuellen politischen Entwicklungen in Bezug zu setzen. „Wenn ich mich auf ein Stück vorbereite, dann beginne ich zu recherchieren, was in der Zeit seiner Entstehung alles passierte.“ sagt Dentler, der seit 2009 festes Ensemblemitglied vom Schauspiel Frankfurt ist und zudem als Polizei-Assistenten Jonas im Frankfurt Tatort Bekanntheit erlangte.

Selbstbewusst trotz großen Leids

In seinem ersten Jahr auf der Frankfurter Bühne spielte er in Ödön von Horváths Stück „Geschichten aus dem Wienerwald“, das Ende der 1920er-Jahre geschrieben wurde und in der Zeit katastrophaler Arbeitslosigkeit und der Weltwirtschaftskrise ein Schlüsselwerk des modernen Dramas darstellt. Darin verkörperte er den Hallodri Alfred. Mit ihm betrügt die junge Marianne ihren Verlobten, den Metzger Oskar, der sie daraufhin fallen lässt. Die Folgen für Marianne sind: eine „Karriere“ als Striptänzerin, Tod ihres Babys und Heimkehr als Gebrochene.

Schauspieler Isaak Dentler in der Ausstellung GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, 2017, Foto Neven Allgeier

Wir stehen vor dem Bild „Lissy“ von Elfriede Lohse-Wächtler aus dem Jahre 1931, das die Thematik der sich prostituierenden Frau aufgreift. Das knallrote und viel zu enge Kleid betont die weiblichen Rundungen ihres Körpers. Jedoch sorgen die krallenartigen Hände, das maskenhaft geschminkte Gesicht und die gerümpfte Nase für Irritation. Im Hintergrund lauern schon die Freier mit ihren fratzenartigen Gesichtern wie Hyänen. Lohse-Wächtler zeigt die Dirne nicht aus voyeuristischer Perspektive – mit nackter Haut oder werbenden Gesten.

Frauenbild in der Weimarer Republik

Trotz der Not der Frauen, die sich prostituieren mussten, um ihre Kinder zu ernähren, da viele der Männer im ersten Weltkrieg umkamen oder Invaliden wurden, zeigt Lohse-Wächtler in ihrem Bild eine selbstbewusste Frau. „Diese Bilder hier lassen mich nicht zur Ruhe kommen. Sie fordern heraus“ sagt Dentler. „Aber es ist nicht nur der Inhalt, der mich aufwühlt. Es ist auch die Art des Malens.“ Wie auch bei Lohse-Wächtler oszillieren viele der in der Ausstellung gezeigten Werke zwischen Expressionismus und der gegenständlich-realistischen Malerei der Neuen Sachlichkeit.

Schauspieler Isaak Dentler in der Ausstellung GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, 2017, Foto Neven Allgeier

Die Frauen in der Weimarer Republik forderten eine neue Rolle und zeigten sich in der Öffentlichkeit mit neuem Selbstbewusstsein. Die erstarkte Frauenbewegung setzte 1919 die Einführung des Wahlrechts für die weibliche Bevölkerung durch. 1925 waren immerhin 35 Prozent der Frauen berufstätig. Das spiegelt sich auch in der Ausstellung wieder: Von den insgesamt 62 gezeigten Künstlern sind 30 Prozent Frauen. Jedoch war es im Zuge der Weltwirtschaftskrise und der folgenden Machtübernahme durch die Nazis, die ein althergebrachtes Frauenbild propagierten, mit der "neuen Frau" bald wieder vorbei.

„Der Inhalt bestimmt die Form“

Die Darstellung der Frau mit kantigen Zügen, Bubikopf und meist eine Zigarette rauchend, musste schließlich einem wieder aufkommenden Konservativismus weichen. Das Mädchen in Werner Peiners Bild „Resy“ hat alles Aufbegehren bei Seite geschoben. Vor einem japanischen Farbholzschnitt sitzend, verweist sie auf das aufstrebende und für Neues offene Bürgertum am Ende des 19. Jahrhunderts. Dentler blickt lange auf die verschiedenen Frauenporträts und stellt fest: „Ja, sie wirkt ganz zurückhaltend und brav.“

Schauspieler Isaak Dentler in der Ausstellung GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, 2017, Foto Neven Allgeier

Die von Ingrid Pfeiffer kuratierte Ausstellung behandelt in neun thematischen Kapiteln verschiedene Probleme jener Zeit – von Vergnügungsetablissements über die Rolle der Frau bis hin zur Politik, dem Abtreibungsparagraphen §218 sowie Homosexualität. „Die Ausstellung ist eine richtige Inszenierung. Das ist bei uns im Theater im besten Fall auch so – der Inhalt bestimmt die Form“ erklärt Dentler. „Wir haben im Theater keinen Kurator sondern einen Spielleiter“ fährt Dentler fort, der nicht nur als Schauspieler und Sprecher arbeitet, sondern auch in einigen Stücken selbst als Theaterregisseur wirkte, wie zum Beispiel aktuell in dem Stück „Ein Bericht für eine Akademie“ am Frankfurter Schauspiel. „Als Theatermensch fallen mir hier sofort die vielen überzeichneten Charaktere auf, die zum Teil grotesk und verstörend wirken.“ Auch das Theater in der Weimarer Republik wollte das Publikum in erster Linie verstören. Vor allem Berlin war in dieser Zeit mit fast 50 Bühnen eine Weltmetropole des Theaters.

Entspannung vom Grotesken

 „Bei ‚Richard III." haben wir uns gefragt: Wie böse und grotesk überzeichnet muss man so eine Figur zeigen - oder eben gerade nicht,“ berichtet Dentler. In der Frankfurter Inszenierung wird das durch Richards missgebildeten Körper, sprich: Buckel, dargestellt und durch seine Sprache, die spitz und scharf wie ein Messer ist. Doch wie zeigt sich das Böse in der Kunst der Weimarer Republik? Otto Dix etwa porträtierte seine Zeitgenossen sehr genau und demaskierte ihre hässlichen Seiten. Das Böse wird bei Dix personifiziert, in dem er zum Beispiel dem Mann in seiner Zeichnung „Zuhälter und Prostituierte“ ganz klar die Züge von Adolf Hitler verleiht. In dem bereits 1923 entstanden Werk verbildlicht Dix die düsteren Vorahnungen zum Fortgang der deutschen Geschichte und der Zukunft der fragilen Demokratie.

Schauspieler Isaak Dentler in der Ausstellung GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, 2017, Foto Neven Allgeier

Wir bleiben bei unserem Rundgang vor Carl Grossbergs „Weisse Tanks“ stehen. Nicht ein Mensch ist auf dem Bild zu sehen - nur statisch-kühle Industrieanlagen. „Mich entspannt das sehr, nach all den Werken mit Menschen mit übertriebener und grotesker Mimik“ stellt Dentler fest. „Durch ein Gesicht und dessen Ausdruck wird man sofort direkt angesprochen und gefordert.“ In Georg Scholz‘ „Bahnwärterhäuschen“ hingegen ist ein Mensch – der Bahnwärter – zwar da, aber eigentlich nicht gegenwärtig. Den Kopf in die Hand gestützt blickt er geistesabwesend auf die Bahnschranke.

Die Zeit spüren

Das erinnert Dentler an das von ihm inszenierte Ein-Personen-Stück „Kohlhaas“. „Im ‚Kohlhass‘ kommt das Wort Schlagbaum sehr oft vor,“ erklärt Dentler, „aber viele junge Leute heute wissen gar nicht mehr, was ein Schlagbaum ist und was er bedeutet.“ In der 1810 erschienen Novelle von Heinrich von Kleist kämpft Kohlhaas bis aufs Blut für sein Recht und ist bereit, dafür ganze Städte niederzubrennen und Menschen zu morden. In den Kohlhaas-Text hat Dentler den eigenen Satz „Blut wird im Namen der Religion doch schon immer vergossen“ als Fremdtext eingefügt und zeigt damit, dass das Thema aktueller ist denn je: Blutige Selbstjustiz statt Rechtsstaatlichkeit. Wer ist Opfer, wer Täter?

Schauspieler Isaak Dentler in der Ausstellung GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, 2017, Foto Neven Allgeier

Damit sind wir wieder bei der Weimarer Republik, dem ersten praktischen Versuch, Deutschland eine demokratische Staatsform zu geben. Doch unter der Last der Folgen des Weltkrieges hatte sie es von Anfang an schwer. Mit dem Nationalsozialismus wuchs eine Massenbewegung, die vielen Bürgern ein Ende des politischen Chaos‘ versprach und sie damit gleichermaßen zu Opfern und letztlich Mittätern machte. Am Ende unseres zweistündigen, intensiven und sehr bereichernden Rundgangs verabschiedet sich Isaak Dentler mit den Worten: „Es ist sehr wichtig, dass wir Theaterstücke und Ausstellungen inszenieren und kuratieren, die uns geschichtliche Ereignisse näher bringen und uns diese Zeit spüren und nachempfinden lassen.“

Schauspieler Isaak Dentler in der Ausstellung GLANZ UND ELEND IN DER WEIMARER REPUBLIK, SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, 2017, Foto Neven Allgeier

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