08. August 2017

Protestmärsche und Demonstrationen mit 100.000 Teilnehmern: Die Friedensbewegung in den USA mobilisierte die Massen weit über die Landesgrenzen hinaus. Teil 2 über den Vietnamkrieg und seine weltweiten Folgen auf dem SCHIRN MAG.

Von Marthe Lisson

Wie der erste Teil dieser Mini-Serie beschreibt, erzeugte der Vietnamkrieg umso mehr Unmut in der amerikanischen Bevölkerung, je länger er andauerte. Die hohe Zahl gefallener Soldaten und die Kriegsmüdigkeit derer, die noch kämpften, militärische Erfolge des Vietkong und die mehr und mehr offensichtliche Sinn- und Aussichtslosigkeit des Krieges ließen bei einem Großteil der Amerikaner Missmut gegenüber der eigenen Regierung aufkommen, die schließlich zur Ablehnung des Krieges führte.

Peter Saul, Vietnam, 1966, Collection of the artist

Der Vietnamkrieg war der erste Krieg, der täglich, also nahezu live im Fernsehen übertragen wurde. Weltweit wurden die Kriegsgräuel und das Leiden der Zivilbevölkerung in die Wohnzimmer transportiert. Nicht zuletzt das Bekanntwerden des Tonkin-Zwischenfalls, der Einsatz völkerrechtswidriger Kampfmittel wie Agent Orange und Napalm oder das Massaker von My Lai führten zu einer großen Ablehnung des Krieges und zu Protesten. Hinzu kam schließlich die Erkenntnis, dass auch die Supermacht USA besiegbar war. Aus dieser Grundsituation heraus entstand in den 1960er-Jahren eine Protestbewegung, die durch ein internationales politisches Klima verbunden war und die nicht nur in Deutschland einer ganzen Generation ihren Namen geben sollte: die 68er.

Vietnam Teach-in an Universitäten

Die Antikriegsbewegung in den USA war nicht allein eine Folge des Vietnamkrieges. Ihr voraus gingen in den 50er-Jahren die Anti-Nuklear- und die Civil Rights-Bewegung, deren Ideen Ende der 50er- und Anfang der 60er-Jahre von Studentenorganisationen aufgegriffen und vereint wurden. Eine der bekanntesten Studentenorganisationen der frühen 60er-Jahre war die SDS - Students for a Democratic Society, die im März 1965 das erste Vietnam Teach-in an der Universität von Michigan organisierte. 500 Personen wurden erwartet, 3.000 kamen. Teach-ins waren populäre Veranstaltungen der Anti-Vietnam-Bewegung, das mit rund 30.000 Teilnehmern größte Teach-in fand im Mai 1965 an der UC Berkeley statt.

U.S. Fairchild UC-123B Flugzeug sprüht Agent Orange über nordvietnamesischem Gebiet, Image by USAF [Public domain], via Wikimedia Commons

Vietnam War protest march in San Francisco, April 15, 1967, Image by BeenAroundAWhile via Wikimedia Commons

Bis 1965 konnte von einem organisierten Protest jedoch nicht die Rede sein, man beschränkte sich auf Diskussionen und Gespräche und das gelegentliche Verbrennen von ein paar Militärpässen. Vereinzelte Proteste hatte es bereits 1963 gegeben, nach der Bombardierung Nordvietnams verstärkten sie sich und so führte die SDS im April 1965 den ersten Marsch auf Washington an, an dem 25.000 Personen für eine Beendigung des Krieges protestierten. Im Dezember 1966 wurde ein öffentlicher Brief an Lyndon B. Johnson geschrieben, in dem das Kriegsende gefordert wurde und mit einer Militärdienst-Verweigerung aller Jugendlichen gedroht wurde – lieber würde man ins Gefängnis gehen. Zu einer nationalen Angelegenheit wurde die Antikriegsbewegung allerdings erst 1967, als sich am 21. Oktober 100.000 Amerikaner vor dem Pentagon versammelten, um gegen den Krieg zu demonstrieren. Die SDS zählte im Jahr darauf bereits 100.000 Mitglieder.

Kriegsdienstverweigerer fliehen nach Kanada

Die Antikriegsbewegung war vor allem eine Studentenbewegung. An den Universitäten wurden die Ideen der Bewegung reflektiert, wurden Krieg, Politik und Gesellschaft kritisch hinterfragt. Dort entstand die organisierte Opposition. Der Protest wurde umso lauter, je stärker die Regierung durch ihr Engagement in Vietnam gezwungen war, immer mehr junge Männer zum Militärdienst einzuberufen. Wehrdienstverweigerung wurde zu einem ernsthaften Problem für die Regierungen Johnson und Nixon. Bis zum Ende des Krieges 1974 sollten 50.000 Kriegsdienstverweigerer ins Nachbarland Kanada fliehen. Die Wehrpflicht wurde nach dem Krieg schließlich abgeschafft und ist bis heute ein Tabuthema sowohl für die Demokratische als auch für die Republikanische Partei.

President Nixon zeigt Stellungen der NVA an der Kambodschanischen Grenze, Image by Jack E. Kightlinger (White House Photo Office) [Public domain], via Wikimedia Commons

Bascom Hill, 1968, mit von protestierenden Studenten platzierten Kreuzen , Image by Dpbsmith via Wikimedia Commons

Die Antikriegsbewegung war eine kleine, politisch aber stark durchsetzungsfähige Bewegung. Zwar war der Großteil der amerikanischen Bevölkerung spätestens ab den 70er-Jahren gegen den Krieg, aber nur wenige beteiligten sich aktiv am Protest. Die Motivationen für den Protest waren außerdem nicht immer die gleichen: Einige sprachen sich gegen die Unmoral des Krieges aus (die USA steckten monatlich mehr als eine Milliarde Dollar in den Vietnamkrieg – Geld , das im eigenen Land fehlte), andere sahen ihn im Widerspruch zur amerikanischen Verfassung, da er vom Kongress nie offiziell erklärt worden war.

Das Paradoxe des Protests

Wieder andere bezeichneten ihn schlichtweg als illegal, da er mit dem Genfer Abkommen von 1954 brach. Darin hieß es, dass alle Teilnehmer der Konferenz sich verpflichten, die Souveränität von Kambodscha, Laos und Vietnam zu respektieren; das Errichten militärischer Stützpunkte, die Entsendung ausländischer Truppen und das Ausliefern von Waffen und Munition in beide Teile Vietnams wurde verboten. Die Kritik am Krieg richtete sich aber auch gegen das gesellschaftliche System der USA, so wurde er immer wieder  als ein Krieg der Arbeiterklasse bezeichnet. Studenten mussten ihren Wehrdienst nicht leisten (bis zu dem Punkt, da man aus Personalmangel auch sie benötigte), wovon in der Hauptsache die Söhne jener Gesellschaftsschichten profitierten, die sich ein Studium leisten konnten. Paradoxerweise entstand die Protestbewegung somit gerade unter jenen, die am wenigsten mit dem tatsächlichen Krieg in Berührung kamen.

Eine Demonstrantin bietet eine Blume der am Pentagon wachhabenden Militärpolizei an, Image by S.Sgt. Albert R. Simpson. DoD, DA. U.S. Army Audiovisual Center, via Wikimedia Commons

Proteste gegen den Vietnamkrieg in Washington, D.C. am 24. April 1971, Image by Leena A. Krohn, via Wikimedia Commons

Auch in Deutschland gingen die Studenten gegen den Vietnamkrieg auf die Straßen und der Krieg wurde zum Hauptanliegen der Außerparlamentarischen Opposition (APO). Im Februar 1968 führte der Sozialistische Deutsche Studentenbund unter der Leitung Rudi Dutschkes einen Vietnam-Kongress durch. Die Proteste der APO richteten sich allerdings nicht nur gegen die USA und den Vietnamkrieg, sondern grundsätzlich gegen den Kapitalismus. Dutschke war überzeugt, dass die USA den Vietnamkrieg stellvertretend für das kapitalistische System führen würden. Entsprechend sympathisierte die APO mit dem kommunistischen Vietcong und skandierte bei den Protesten den Schlachtruf „Ho-Ho-Ho Chi Minh“ nach der international verehrten Führungsfigur der Nordvietnamesen.

Die Saat der RAF

Die Studentenbewegung wurde von den Medien, insbesondere dem konservativen Axel-Springer-Verlag und der Bild-Zeitung, mit Verachtung gestraft. „Radikalinskis“, „Politrowdis“, „Rotgardisten“, „Randalierer“ oder „Akademische SA“ waren nur einige Parolen gegen die demonstrierenden Studierenden. Rudi Dutschke wurde als Volksfeind Nummer eins inszeniert und die öffentliche Stimmung weiter angeheizt durch eine pro-Amerika Demonstration, zu der der Berliner Senat zwei Tage nach einer Vietnam-Kundgebung der APO aufgerufen hatte. In dieser Stimmung wurde Rudi Dutschke am 11. April 1968 vor der Geschäftsstelle des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes niedergeschossen. Er überlebte schwerverletzt. Der Anschlag auf Rudi Dutschke bedeutete einen Wendepunkt für die APO und die deutsche Geschichte: Mitglieder radikalisierten sich und schlossen sich später der gewaltbereiten terroristischen Rote-Armee-Fraktion an.

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Pflasterstein mit Anstecker "Enteignet Springer", 1969, Photo: Andreas Praefcke (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Gaston Salvatore und Rudi Dutschke auf dem Vietnam Kongress des SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) 1968 in West Berlin. Image via bpb.de