25. Dezember 2016

„Raus aus mir selber“: Ulay nimmt seinen Körper auseinander um sich in einer Neufassung wieder zu finden.

Von Marie Beckmann

Der Körper als Referenz, als Ausgangspunkt, als Medium par excellence: In seinen performativ ausgelegten Fotografien studiert Ulay körperliche Transformationen und Momente des Übergangs.

Identität ist dabei untrennbar mit dem Körper, der Oberfläche, der Haut verbunden und wird doch immer als Frage formuliert. Wann und warum wird ein Körper als weiblich oder männlich wahrgenommen? Was liegt dazwischen? Wo hört das Ich auf, wo beginnt der Andere? Statt sich als Objekt ins Bild zu setzen, hält Ulay mit seiner Polaroidkamera schrittweise Umwandlungen fest.

Es muss kein Ziel geben

Bewegungsabläufe werden, wie in der Serie „Soliloquy“, als „Selbstgespräche“ dokumentiert. Mal ist Ulays nackter Körper in weiße Laken gewickelt, mal liegt eine Hand auf dem zerknitterten Stoff, mal sind nur die abgewinkelten Beine zu sehen oder das Bett bleibt ganz leer. Die Findung des Ichs bleibt eine Suche – wohlwissend, dass es kein Ziel geben muss.

In den frühen 1970er-Jahren schloss sich Ulay der anarchistischen Protestbewegung „Provo“ in Amsterdam an und schoss Dokumentarfotos von Straßenschlachten. Er fotografierte Obdachlose und Transsexuelle. Interessant waren die Randfiguren der Gesellschaft: Subjekte, die von der bürgerlichen Gesellschaft ausgeschlossen werden und die Stabilität eines vermeintlich geschlossenen Systems herausfordern, indem sie das marginale „Andere“ verkörpern, das anziehend, aber auch bedrohlich wirkt.

Wiedergeboren

Auch Ulay experimentierte mit Cross-Dressing und adaptierte für kurze Zeit eine weibliche Persona. In einem Gespräch mit Amelia Jones sagte der Künstler: „Ich machte mich zu einer schönen Frau. Es war faszinierend, aufregend.“ In jener Zeit entstand auch die Serie „Renais sense“. Je renais – Ich bin wiedergeboren.

Dichte, dunkle Haare bedecken Nacken und Ohr. Dreitagebart, Zigarette im Mundwinkel, Hawaii-Hemd. Das Profil eines jungen Mannes mit markanter Nase, am Küchentisch sitzend. Doch hinter den kurzen dunklen Haaren ragen, wie ein Schatten, rötliche Haarsträhnen hervor, die bis zur Schulter reichen. Die andere Seite des Profils: eine rothaarige Frau, geschminkte Lippen und gepuderte Wangen, Fuchsstola über der Schulter, ein behaarter Arm steckt im Hawaii-Hemd. Im dritten Bild dann die Frontalansicht. Hemd und Stola, Mascara und Bartschatten.

Identität und Maskerade

Die Fotografien „S’he“ aus der Serie „Renais sanse“ zeigen: Er ist Sie, Sie ist Er. In der weiblichen ist zugleich immer die männliche Identität angelegt und vice versa. Gleichzeitig ist der Übergang von männlich zu weiblich so krass, die jeweiligen Verkleidungen so klischeehaft, dass geschlechtliche Identität hier selbst zu einer Maskerade wird. Die Transformation erfolgt spielerisch und die Umwandlung ist nie ganz perfekt. „Männlich“ oder „weiblich“ sind somit keine fixen Kategorien, sondern können, so scheint es, performt werden.

Ein Anagramm bezeichnet eine Umschreibung: Durch die Anordnung vorhandener Elemente wird neuer Sinn generiert. In der Serie „Anagrammatic Aphorisms“, die Ulay in den 1970er-Jahren begann und in den letzten Jahren mit den „Anagrammatic Body“ Arbeiten weitergeführt hat, findet eine Umschreibung des Körpers statt. Er wird fragmentiert, durch die Körperteile anderer ergänzt und findet als Collage wieder zusammen.

Das Segelboot und der Tanker

Die weiß umrandeten Polaroidfotos sind zwar mit Bedacht aneinander gefügt, doch erscheint das Gesamtbild, wenn sich Perspektiven verschieben, das Ohr neben dem Kopf schwebt oder der Künstler selbst plötzlich die Beine eines jungen Mädchens hat, holprig, fragil, irritierend. So deckt Ulay die Brüche in der eigenen Existenz auf. Denn letztendlich zeigen seine Arbeiten die dringliche Suche nach der eigenen Identität. Dabei wird deutlich, dass eben jene als flexibel verstanden werden muss, als Ort, der Experimente, Transformationen und Veränderungen zulässt. Oder, wie er es selbst am schönsten formuliert hat, „Identität ist wie ein ganz kleines Segelboot auf dem Ozean, mit einem Anker von der Größe eines Tankers.“