18. Dezember 2016

1976 erklärt Ulay durch FOTOTOT seine Arbeit mit dem Medium Fotografie für beendet und wendet sich der Performance zu.

Von Katharina Knacker

Im Jahre 1976 betreten ca. 25 Personen die De Appel Gallery in Amsterdam und wissen nicht, was sie erwartet. Der Galerieraum ist schwach mit gelbgrünem Licht ausgeleuchtet, wie in einer Dunkelkammer. Man kann gerade so erkennen, dass neun große Fotografien an drei Wänden hängen – und zwar sehr weit oben, fast über den Köpfen der Zuschauer. Auf einem Foto sieht man eine Person von nahem, auf dem nächsten entfernt sie sich immer weiter, bis sie auf der letzten Fotografie ganz in der Landschaft verschwindet. Sobald alle Besucher im Raum sind, wird der Eingang verschlossen und der Künstler schaltet starke Halogenlampen an: Innerhalb weniger Sekunden zeigen die Fotografien nur noch eine schwarze Fläche. Wohin gehen die Bilder, wenn sie verschwinden?

Die Schwarz-Weiß-Aufnahmen waren zwar entwickelt, aber nicht fixiert worden und waqren so hoch aufgehängt, damit das Publikum keine Schatten auf sie werfen konnte. Die erstaunten Reaktionen der Besucher beim Verblassen der Fotografien hielt Ulay fotografisch fest.

Fotos geben keine Antworten

Ulay arbeitete seit 1972 mit der Polaroid-Fotografie. Oft agierte er selbst vor der Kamera und schlüpfte durch Verkleidung in verschiedene Rollen auf der Suche nach seiner Identität. In der Regel schoss er mehrere Fotos in kleinen Serien. Dadurch brachte er schon in seine fotografische Arbeit die Performance ein, der Begriff „performative Fotografie“ war geboren. Nach über vier Jahren des Praktizierens stellte er jedoch fest, dass er seine Identität durch Verkleidung beliebig ändern konnte und ihm die Fotos keine Antwort gaben auf die Frage "Wer bin ich?". Weshalb er 1976 die Fotografie für tot erklärte und mit der Performance-Kunst ein neues Kapitel aufschlug.

Ulay, Portrait, Foto: Primož Korošec, 2016

Es sollte nicht bei FOTOTOT I bleiben, noch drei weitere folgten. FOTOTOT II fand nach der Sommerpause der De Appel Galerie in eben dieser statt. Die schwarzen Bilder von der ersten Ausstellung hingen weiterhin an den Wänden. Neu war ein Tisch in der Mitte des Raumes mit einer Leselampe und einer aufgeschlagenen Dokumentenmappe. Der Raum war wieder in ein schwaches gelbgrünes Licht getaucht. Die Besucher kamen herein. Jemand ging zum Tisch und schaltete die Lampe ein und blätterte durch die Mappe. In dieser waren die Fotos von den Reaktionen des Publikums zu FOTOTOT I. Aber auch diese Fotos waren nicht fixiert und wurden durch das Einschalten der Leselampe nun schwarz.

Der Prozess ist nicht aufzuhalten

Das Publikum, das teilweise dasselbe war wie bei FOTOTOT I, löschte durch das Einschalten der Lampe also quasi sich selbst. Ulay zeigt damit den illusorischen Charakter der Fotografie. Man hat die Hoffnung, durch ein Foto einen Moment einfangen zu können, durch das Foto diesen Moment nicht zu vergessen und mit anderen teilen zu können. Fotografie ist jedoch nichts weiter als eine chemische Übersetzung von Licht. Auch wenn die Fotos fixiert werden, verschwinden sie irgendwann, wenn sie Licht ausgesetzt sind – Ulay beschleunigte quasi einen nicht aufhaltbaren Prozess. 

Fototot III fand noch im selben Jahr statt, unterschied sich vom Aufbau jedoch stark von den ersten beiden Arbeiten. Die Fragestellung, auf der die Arbeit basiert, ist jedoch dieselbe: Wohin geht das Bild?  Die Örtlichkeit war diesmal eine kleine Galerie in Wuppertal, das Bayer Kulturhaus. Für die Performance ließ Ulay einen Spiegel in den Proportionen seines Körpers schneiden und trug einen Chromhelm und eine verchromte Maske. So dass er ein Spiegel in den Umrissen eines Menschen war. Auf dem Boden vor ihm lag ein Spiegel mit denselben Proportionen. Die Zuschauer spiegelten sich im Spiegelkörper während Ulay sich  langsam vor und zurück und von links nach rechts bewegte. Das machte die Leute zwar aggressiv, doch sie blickten weiter in den Spiegel. Nach ca. 15 Minuten ließ sich Ulay auf den am Boden liegenden Spiegel fallen und machte ein Sandwich aus dem Bild der Besucher. Die Spiegel zerbarsten.

Ulay, Portrait, Foto: Primož Korošec, 2016
Die Menschen reden viel

In FOTOT III wird ein weiterer Aspekt der ganzen Serie noch deutlicher: das Auslöschen des Kunstpublikums. Ulay hatte bei seiner allerersten Ausstellung einen unglaublichen Schock erlitten. Die Reaktionen der Besucher auf seine Arbeiten enttäuschten ihn. Die Menschen redeten über viele Dinge, nur nicht über den Inhalt seiner Arbeiten. Das Kunstpublikum, das sich während einer Vernissage oder Performance selbst inszeniert und spiegelt wurde in FOTOTOT III diesem Spiegel beraubt.

Wie wichtig Ulay seine FOTOTOT-Arbeiten sind, kann man auch daran sehen, dass es eine der wenigen Performances ist, die er noch einmal wiederholte. 2012 fand im Museum of Modern Art in Ljubljana FOTOTOT IV. statt. Es war jedoch äußert schwierig das Fotopapier zu beschaffen, denn auf Grund der Digitalisierung ist das Medium des zu entwickelnden Fotopapiers mittlerweile selbst fast tot.

In der Ausstellung Ulay Life-Sized in der SCHIRN sind noch bis zum 8. Januar Fotografien von den Performances und ein 8 minütiger Film von FOTOTOT III zu sehen.