19. September 2015

Zwischen Punk und Science-Fiction, BDSM und den 90ern in New York: Julia H Burlingham gibt der Webserie Translantics ihren Look.

Von Anna-Lena Werner

Julia H Burlingham, anders kann man das gar nicht sagen, ist ein Allround-Talent: Sie ist gelernte Fotografin und Videokünstlerin, mittlerweile arbeitet sie aber auch als Regisseurin, Stylistin und Kreativdirektorin, und war früher einmal Model und Casterin. Mit nur 29 Jahren verleiht Julia jeder Produktion an der sie beteiligt ist ihre persönliche Note – eine Ästhetik zwischen Punk und Science-Fiction, zwischen BDSM und dem New York der 1990er.

Vor gut drei Jahren, bevor sie nach Berlin zog, hätte sich die gebürtige New Yorkerin ausschließlich als Fotografin bezeichnet. Neben Videokunst und Film studierte Julia Fotografie an der NYU. Zu diesem Beruf kam sie ursprünglich über ihren Vater, der als Fotograf arbeitete und eine Dunkelkammer in der Wohnung eingerichtet hatte. Aufgewachsen im Stadtteil Tribeca, wird Julia auf der Straße im Alter von 13 Jahren von einem Model Scout angesprochen und beginnt daraufhin auch vor der Kamera zu arbeiten. Wirklich wohl war ihr dabei aber nicht: “Es fühlt sich nicht natürlich an und kostet mich eine Menge Energie.” Sie freundet sich mit den Mitarbeitern der Casting Agentur an und jobbt für sie auch als Street-Casterin. Sie hat ein großes Interesse an Menschen, sie zu beobachten und ihre Momente festzuhalten.

Bereits mit 16 macht Julia ein Praktikum beim ehemaligen New Yorker Index Magazine (1996-2005), das mit legendären Fotografen wie Richard Kern, Jürgen Teller, Terry Richardson und Ryan McGinley zusammenarbeitet. Wie McGinley, der heute für seine Roadtrip-Schnappschüsse bekannt ist, gefallen Julia unvorbereitete und natürliche Bilder. “Am perfekten, sauberen Bild bin ich gar nicht interessiert, und vielleicht auch gar nicht fähig es herzustellen. Ich mag das Unbearbeitete. Es ist irgendwie grob.”

Julia entwickelt das Element des Unbearbeiteten in ihrer eigenen Ästhetik weiter: Als Regisseurin und Kreativdirektorin dreht sie mehrere Musikvideos, etwa für den Track “Aaron” des Musikers und Translantics-Darstellers Dan Bodan. Für das Schweizer Novembre Magazine, mit dem sie schon mehrfach zusammengearbeitet hat, experimentiert sie und überschreitet, etwa bei der dystopischen Fashion Produktion “bEast M0de” oder bei “NYC CTTV CT TV VT CC: Ilja Karilampi ft. Sandy Brown”, nicht selten die Grenzen der Mode und lässt Editorials zu Kunst werden. Auch bei kommerziellen Aufträgen, wie der analog geschossenen Kampagne für Urban Outfitters, bleibt Julia bei ihrer authentischen, verspielten Rauheit. In Mexiko Stadt läuft sie für diese Produktion sieben Tage lang mit ihrem Team und den Models durch die Stadt und fotografiert, ohne einem genauen Plan zu folgen. Alle Fotoshootings sind spontan, sie improvisiert und castet Models zum Teil noch während der Produktion. Diese Art zu arbeiten empfindet sie als “unorganisiert im Organisierten.”

Ähnlich chaotisch sei es bei den Dreharbeiten zu Translantics auch gewesen. Für Britta Thies Webserie hat Julia nicht nur als Ko-Regisseurin, sondern auch als Location Scout und Kreativdirektorin die Ästhetik der Serie maßgeblich mitbestimmt. Verantwortlich ist sie vor allem für das gesamte Styling. Dafür greift sie Einzelteile verschiedener Berliner Designer auf, wie zum Beispiel von Martin Niklas Wieser. Aber auch Vintage-Teile oder die Garderobe der Darsteller kommt zum Einsatz. Zwanzig Prozent der Kleider würden aber aus ihrem eigenen Kleiderschrank stammen. Weil die Serie so exzentrisch sei, hielt sie es für eine “gute Gelegenheit um ein bisschen verrückt zu sein.” Besonders die ersten Episoden würden mit einem futuristischen Look spielen – einem Stil den Julia als “Cyber Goth” oder “Cyber-Punk” bezeichnet.

Punk dient ihr heute nicht nur zur Inspiration, als Teenager war der Look ihre Alltagskleidung: “Das war mein Ding. Ich war ein kleiner Punk. Ein New York City-Punk, aber auch ein Patti Smith-Punk.” Es musste radikal sein, so wie bei Vivienne Westwood und Margiela. Nicht unbedingt politisch, denn “es war nicht so, als ob ich gegen irgendwas gewesen wäre.” Am Ende entscheidet sich Julia immer für das Extreme: Sie lässt sich von Fotografien aus dem BDSM Magazin GUM inspirieren und sammelt für ihre Stylings eigenartige Accessoires, wie die unechten Zahnspangen, die sie über den Online Store einer YouTuberin gekauft hat. Der Weg zum Styling war eigentlich eine Notlösung, weil ihr bei der fotografischen Arbeit der passende Partner fehlte. “Als Fotografin brauche ich eine Partnerschaft mit einer Stylistin oder einer Künstlerin.” Diese Person war für lange Zeit ihre Freundin Isabelle Phillippe, mit der sie noch während ihrer Zeit an der NYU mehrere Videos produzierte, zum Beispiel den experimentellen Photo-Booth-Clip “Haiku History”.

Seit einigen Jahren ist Britta Thie für Julia die wichtigste Kollaborateurin geworden: Kennengelernt haben sie sich in New York, als Britta ein Jahr an der Cooper Union studierte: “Wir sind uns durch ähnliche Ideen näher gekommen.” Translantics, so empfindet es Julia, ist wie eine Erweiterung und eine Akkumulation jener Ideen, die sie über Jahre zusammen gesponnen und auch realisiert haben. Dazu gehört zum Beispiel ihre gemeinsame Radio Show “Hung Up”: eine Sendung für BCR (Berlin Community Radio), die Elektronische Musik und Liebesratgeber vereint. Themen wie “Männer, die dir nur Emojis senden” und Tipps werden darin besprochen: “Hier kommt ein Tipp an euch, Jungs: Es ist nicht süß, ironisches Parfum zu tragen.” Julia setzt Britta in einigen Produktionen als Model ein, wie zum Beispiel in zwei Kampagnen der Schmuckdesignerin Arielle de Pinto. Für ‘Special Service’, ein kollaboratives Projekt von Britta, Annika Kuhlmann und Julia Zange, übernimmt Julia das Styling des Mode- und Musik Kurzfilms “Anomaly”. “Wir sind miteinander befreundet, und wir arbeiten zusammen.”

Momentan arbeitet Julia an der Postproduktion der letzen Folgen von Translantics. Die vorerst letzte Episode spielt in New York und hat für Julia eine meta-reflexive Bedeutung auf die Welt der Webserien und der Verwischungen von Realität und Fiktion: “Everything is so interconnected.” Neu dabei ist der Charakter Preston, der in der Serie eine Castingagentur leitet. Es ist jene Agentur, die Julia mit 13 Jahren entdeckt hat. Preston Chaunsumlit produziert ebenfalls eine Webserie – sie heißt Model Files – die auf V-Files läuft, und als Parodie der New Yorker Casting Welt angelegt ist. Steven Phillips-Horst, ein weiterer New Yorker Freund von Julia, dreht wiederum eine politische und satirische Webserie namens "Trailing". Preston und Steven spielen in Translantics ihre eigenen Webserien-Charaktere: ”Jeder ist ein Charakter. Jeder erfindet sich neu. Wir haben uns gedacht, dass es lustig wäre, Menschen zu besetzen, die Charaktere erfinden, und diese in unserer Serie spielen würden.”

Julia springt in dieser letzten Folge auch als Darstellerin ein. Sie spielt ein gesichtsloses Model, das von einer Schirmmütze verdeckt wird. Wirklich zuhause bleibt für Julia immer hinter der Kamera.