19. Juni 2014

Er ist einer der erfolgreichsten Videokünstler der Gegenwart: Ryan Trecartin betreibt Kulturkritik, die unendlich viel Spaß, aber auch ein bisschen Angst macht.

Von Sabine Weier

Sich durch Ryan Trecartins Vimeo-Seite zu klicken, ist ein Horrortrip. Das Gruselszenario: eine von Reality-TV und YouTube durchwirkte Welt, in der Selbstdarstellung alles ist. Die Protagonisten in Trecartins Videoarbeiten leben für den unendlichen Spaß, der aber nur dann genießbar ist, wenn er dokumentiert und -- am besten live und in Echtzeit -- vermittelt wird. In den Videos des 1981 geborenen US-Amerikaners inszenieren sich junge Menschen in hippen Outfits gleich vor mehreren Kameras, wippende Perücken auf den Köpfen, die Gesichter wild geschminkt. Sie albern herum, singen, tanzen, hüpfen, plappern unentwegt in die Kamera, gestört nur von schnellen Schnitten und Popsong-Schnipseln. Das grell ausgeleuchtete Set erinnert an ein Fernsehstudio, zu sehen ist eine hedonistische TV-Reality mit dystopischem Beigeschmack.

Ein bisschen wirkt es so, als wollten diese jungen Erwachsenen ewig in ihren Jugendzimmern spielen, als sei die Welt das Internet, das ja sowieso hier ist. Auch andere Elemente, mit denen Digital Natives wie Ryan Trecartin in diesen Zimmern aufgewachsen sind, zum Beispiel Grafiken aus Videospielen und Avatare mit synthetischen Stimmen, integriert der Künstler in seine Arbeiten. Er übertreibt sie und wertet ihre Ästhetik in seinen hochwertig produzierten Werken auf. Ergebnis ist ein kreischender Digi-Pop-Post-Camp, ein vielschichtiges, gezielt überforderndes Ereignis.

Wer wir heute sind, bestimmt unsere mediale Präsenz, und die Art, wie wir uns in Medien inszenieren, zum Beispiel so, als sei unser Leben ein einziges Musikvideo. Beängstigend sind die unzähligen intime Einblicke in die Jugendzimmer dieser Welt, in denen Teenager vor ihren Webcams zu YouTube-Darstellern werden und um Aufmerksamkeit buhlen. Trecartin hat dieses netzbasierte Rollenspiel zum Mittelpunkt seines künstlerischen Interesses gemacht. Er spielt mit Trensgender-Identitäten, tritt oft selbst maskiert auf, seine Figuren tragen neben Perücken und Kostümen oft farbige Kontaktlinsen, die ihre Augen verfremden, sie unmenschlich und künstlich wirken lassen. Der analoge Mensch verwandelt sich allmählich in einen Cyborg, keiner weiß so recht, was am Ende steht.

Der New Yorker schrieb, Trecartin sei der konsequenteste Künstler, der seit den Achtzigern das Licht der Kunstwelt erblickt habe.

Seine Cyberphilosophie präsentiert Trecartin als raumgreifende Installation. Es geht nicht nur um Rezeption, sondern vor allem um Erlebnis. Die Künstlerin Lizzie Fitch, mit der er zusammen an der Rhode Island School of Design studiert hat und ein Studio in Los Angeles teilt, entwirft dafür Interieurs mit Betten, Kissen und Sofas, in die Besucher sinken und sich von den Videos einnehmen lassen. Auch Trecartins Schauspieler sind Kollegen, Freunde, Verwandte. Die Kamera ist eine Art omnipräsentes drittes Auge, sie ermöglicht erst die außerkörperliche Erfahrung und ist bei Trecartin folgerichtig immer Teil des Geschehens, als wackelige Handkamera, meist auch sichtbar im Bild.

Die verstörende und gleichzeitig einnehmende Ästhetik seiner Arbeiten hat Trecartin zu einem der erfolgreichsten Künstler seiner Generation gemacht. Er war in zahlreichen Ausstellungen zu sehen, Videokunst-Sammler wie Julia Stoschek oder Ingvild Goetz unterstützen ihn. Kurator Massimiliano Gioni lud ihn 2013 zur Biennale in Venedig ein, wo er mit Fitch einen ganzen Raum bespielte. Auch in der Ausstellung „Unendlicher Spaß" der SCHIRN gehört seine Präsentation jetzt zu den Höhepunkten. Seine unverwechselbare künstlerische Handschrift hat etwas von dem Konfettiwirbel, den die Künstlerin Lara Favaretto in der gleichen Schau mit Ventilatoren produziert. Ryan Trecartin zieht sein Ding durch. Der New Yorker schrieb, er sei der konsequenteste Künstler, der seit den Achtzigern das Licht der Kunstwelt erblickt habe.