04. Juli 2013

Die beiden Kunststudenten Bryan Ferry und Brian Eno unterwandern mit Strategien der bildenden Kunst die Rockmusik und heben 1972 mit ihrer Band Roxy Music den Glamrock aus der Taufe.

Von Markus Farr

Brian Peter George St. John le Baptiste de la Salle Eno wurde 1948 als Sohn eines Briefträgers geboren und studierte ab 1966 unter dem Maler Tom Phillips an der Winchester School of Art, während der 1945 im britischen Washington als Sohn eines Farmers geborene Bryan Ferry an der University of Newcastle upon Tyne die Klasse des Pop-Art-Künstlers Richard Hamilton besuchte. Der glühende Marcel Duchamp-Anhänger lehrte die These, dass alle Kunst gleichberechtigt sei, es keinen Unterschied zwischen E- und U-Kultur gibt und alle Stile miteinander kombiniert werden können.

Doch statt wie viele ihrer Kommilitonen dieses Konzept in der bildenden Kunst anzuwenden, bildeten Ferry und Eno als konsequentere Umsetzung 1971 eine Band, die bereits zu ihrer Gründung ein vollständig ausgebildetes „objet d’art“ darstellte: Roxy Music. Die kongeniale Verschmelzung von Pop und Kunst ließ das Quintett zu Glam-Visionären werden; sein postmodernes Potential lag vor allem in einer ästhetischen Sensibilität, die Zeichen und Codes der jüngeren wie ferneren Vergangenheit als Stile verstand, die frei gesampelt und beliebig wieder zusammengesetzt werden konnten.

So verbanden Roxy Music Versatzzstücke der Avantgarde, der Pop-Art, des Art Déco, Camp-, Trash- und Kitschelemente sowie klassischen Hollywood-Chic zu einer ultraartifiziellen Ästhetik, die von der Musik über die Covergestaltung bis zur Bühnengarderobe ein gänzlich kontrolliertes wie grell-mondänes Gesamtkunstwerk ergab – oder wie es Sänger und Songschreiber Bryan Ferry ausdrückte: Roxy Music waren weniger eine Band als vielmehr eine Geisteshaltung.

Das minutiös geplante Konzept Roxy Music basierte auf einer Gemeinschaftsidee: Bryan Ferry hatte weitere Absolventen britischer Kunsthochschulen engagiert, deren Namen sowie Funktion noch vor denen der Musiker auf dem Innencover des ersten, selbstbetitelten Roxy Music-Albums 1972 prangten: Neben dem Art Designer Nicholas deVille und dem Fotografen Karl Stoecker waren dies Cover-Model Kari-Ann, deren Friseur Keith Wainwright sowie der Modedesigner Antony Price, der als eine der Glam-Schlüsselfiguren jedem der Bandmitglieder einen individuellen Look verpasste. Die minutiöse Nennung der Beteiligten erinnert an einen Filmabspann und unterstreicht nochmals die ironische Inszenierung Roxy Musics, die nur vorzugeben schienen, eine richtige Band zu sein – aber wo begann die Pose und wo endete sie?

Auch musikalisch trieben Roxy Music ihre Rollenspiele weiter; ihre frühen Alben: Parforceritte durch die Kulturgeschichte der Populärmusik. Bereits „Re-Make/Re-Model“ – erster Song der ersten Seite der ersten Platte – zeigt programmatisch, wohin die Reise geht: Inmitten des Liedes beginnt ein längeres Zwischenspiel, in dem sich jeder einzelne Musiker nacheinander mit einem Solo ganz eigenen Stils präsentiert. Diese kleinen Mini-Parodien auf gängige Musikgenres – ob Heavy-Gitarrenriff, verstimmtes Free Jazz-Piano, Rock’n’Roll-Basslauf oder pastorales Oboen-Arppegio – sind reines Zitat, erfüllen keinerlei Funktion außer das auszustellen, was sie sind: gefundenes Material, Second Hand-Sounds.

Mit diesem Ansatz etablieren sich Roxy Music auch als erste Retroband der Musikgeschichte, die sich abwendet vom modernistischen Credo, das vergangene Stile abgelöst und durch neue ersetzt werden müssen. Vielmehr beschäftigen sich Ferry und Co. obsessiv mit den Oberflächen der Kulturgeschichte selbst. Im Sinne Susan Sontags sind Roxy Music damit reinster Camp: Sie erschaffen nichts, sie verwerten nur bereits Existierendes. Sie bedienen sich an Stilen, die zur Zeit ihrer Enstehung völlig ernst gemeint gewesen sind, nun aber für den Betrachter übertrieben wirken. Ihre ironische Haltung entsteht aus der Neutralität gegenüber der ursprünglichen Bedeutung, der sie sich allzu deutlich bewusst sind. Roxy Music zelebrieren die „Liebe zum Unnatürlichen, zum Trick und zur Übertreibung“.

„For Your Pleasure“, das im März 1973 erschienene zweite Roxy Music-Album, spielte den experimentellen Eklektizismus des Debüts noch einmal durch, trieb die Dekadenz des gesamten Projekts nun aber mit seinem schwarzen Lack- und Leder-Look in eine bedrohlichere, düstere Fetisch-Richtung, die Bryan Ferry mit Live-Auftritten im Militär-Outfit nochmals unterstrich. Brian Eno konnte dieser Entwicklung dagegen weniger abgewinnen; im Streit über die künstlerische Richtung Roxy Music verließ er die Gruppe nur kurze Zeit nach Veröffentlichung des Albums.

Mit Bryan Ferrys Dominanz in der Band und dem steigenden Erfolg wurde Roxy Musics Stil zunehmend zahmer und gediegener. Ferry, der sich nun fast gänzlich im feinen Zwirn als „Dressman des Pop“ und passionierter Modelvernascher stilisierte, forcierte zudem bereits 1973 eine erfolgreiche Solokarriere, die die Band immer wieder zu längeren Pausen zwang. Obwohl ihm der ausgestellte Manierismus von der konservativen Rockpresse immer wieder Kritik einbrachte (die schönste: „Ferry is more likely to redecorate a hotel room than to trash it“) blieben Roxy Music ob ihres konzeptuellen Ansatzes vom Spott der aufkommenden Punk- und Post-Punk-Bewegung verschont. In den frühen 1980er-Jahren sollten sich Roxy Music mit dem unterkühlt-eleganten Pop des Albums „Avalon“ als nochmal stilprägend erweisen, indem sie den Sound des Jahrzehntes vorwegnahmen. Jüngst hat sich Ferry, der dieses Jahr seinen 68. Geburtstag feiert, als Jazz-Age-Bandleader neu erfunden, der Roxy Music-Titel im Stil der 20er-Jahre zum Besten gibt.

Brian Eno sollte mit seinem Solodebüt „Here Comes The Warm Jets“ (1973) visuell wie akustisch dem Glam treu bleiben, doch schon bald entdeckte der bekennende Nicht-Musiker das Studio als Instrument und realisierte ab Mitte der 1970er-Jahre elektronisch generierte Instrumentalmusik, die er Ambient nannte. Zeitgleich avancierte Eno, der sich nun wie ein braver Büroangestellter kleidete, zu einem der profiliertesten Musikproduzenten, der müden Superstars wie U2 oder Coldplay mit unorthodoxen Methoden frischen kreativen Wind einbließ. Bis heute ist Brian Eno, der am 15. Mai 2013 seinen 65. Geburtstag feierte, auch als Sound-Künstler und -Designer (etwa die Startmelodie von Windows 95) sowie als Theoretiker tätig. Mit David Bowie sollte Eno von 1977 bis 1979 an der sogenannten „Berlin-Trilogie“ zusammenarbeiten; die beiden Glam-Gallionsfiguren schufen gemeinsam ganz neue Musik, die mit dem Glam der frühen Tage rein gar nichts mehr zu tun hatte.