24. Juni 2014

Filmemacherin, Dramaturgin und Kulturwissenschaftlerin Christine Lang hält am 2. Juli einen Vortrag über die Farbdramaturgie der amerikanischen Kultserie "Breaking Bad". Ein Vorgeschmack auf dem Schirn Magazin.

Von Christine Lang

Seitdem Farbe im Kino und später im Fernsehen en gros Einzug gehalten hat, ist von Filmschaffenden -- vor allem im Kino der 60er-Jahre -- ausgiebig mit Farben experimentiert worden. Dem schien filmkünstlerisch kaum noch etwas hinzuzufügen zu sein -- dann ist dies der Fernsehserie BREAKING BAD (AMC, 2008-2013) aber doch gelungen: Selten wurden Farben dramaturgisch so konsequent eingesetzt wie hier. Ähnlich wie auch andere filmische Gestaltungsmittel sind in BREAKING BAD die Farben metaphorisch aktiviert, das heißt mit ihnen und durch sie werden der Narration verschiedenste Subbedeutungen und erzählerische Metaebenen hinzugefügt, womit zudem explizit zu einem ästhetischen Sehen der Serie aufgefordert wird.

Auch wenn man, um Frieda Grafe aus FILMFARBEN zu zitieren, eigentlich von keiner absoluten Basis zur Wahrnehmungsbestimmung der Farbe oder etwas Entsprechendem im Hinblick auf ihre Bedeutung ausgehen kann, man also die Logik der Farben innerhalb eines erzählerischen Kosmos selber setzen kann, haben sich im Lauf der Film- und Fernsehgeschichte nicht nur bestimmte Genre-Konventionen, sondern auch Übereinkünfte hinsichtlich der Bedeutung einzelner Farben herausgebildet.

Rot -- die Farbe des gesetzlich und moralisch Verbotenen

Die Farbe Rot beispielsweise spielt im Film, nicht nur durch ihre technologisch bedingt gute Sichtbarkeit, fast immer eine herausragende Rolle: Rot hat in verschiedenen Kulturen zwar unterschiedliche, von ihrem jeweiligen Anwendungszusammenhang abhängige Bedeutungen, aber im Film dient Rot oft als Motivation, als Agens, durch welche eine Figur Antrieb etwas zu tun erhält oder eben in die Lage versetzt wird zu agieren (als Paradebeispiel: DIE ROTEN SCHUHE, UK 1948).

Rot -- im Kino auch häufig die Farbe des gesetzlich und moralisch Verbotenen -- wird in BREAKING BAD als eine des Drogenmilieus und den damit zusammenhängenden Attraktionen eingesetzt; dazu gehören sowohl Jesse Pinkmans Kleidung als auch sein 1982er Chevrolet Monte Carlo und der später mit Drogengeld erworbene Dodge Challenger SRT8 für Sohn Walter Jr., als auch der Bodenbelag in Gus Frings Drogenlabor und die sich farblich verändernde Kleidung Walters, von anfänglichem Beige zu dem mit Rot eng verwandten Pink am Ende der zweite Staffel.

Dem pinkfarbenen Pullover Walters wohnt dabei eine zweifache dramaturgische Bedeutung inne: Einerseits markiert die lebensbejahende Farbe auf der Figurenebene die körperliche Gesundung des Protagonisten von seiner Krebserkrankung bei gleichzeitiger Aufgabe der farb- und harmlosen Identität Walter Whites; darüberhinaus aber erzählt die Farbe von der komplizierten Verkettung der Ereignisse und der Rolle Walters darin: Der Pullover hat die gleiche Farbe wie der in Folge des Zusammenstoßes zweier Flugzeuge vom Himmel fallende Teddy -- der nicht zufällig genau dorthin fällt, wo Walter einst den entscheidenden Plan ins Drogengeschäft einzusteigen fasste: in den Pool. Der Teddy wird so zu einer pinkfarbenen Manifestation von Walters Schuld.

Jener Pool ist nicht nur ein metaphorisch stark wirksamer Ort - er ist Sinnbild für Walters kriminelle Energie - sondern er weist außerdem auf die Rolle der Farbe Blau im erzählerischen Komos der Serie hin: Blau -- oft als Farbe der Reinheit, der Treue, aber auch der Kälte und Lüge interpretiert -- ist in BREAKING BAD den Elementen des Handlungsstrangs um Walters Ehefrau mit dem sprechenden ebenfalls auf Blau verweisenden Namen Skyler zugeordnet, die anfangs neben anderen hellen Farben häufig Blau, später zunehmend dann, analog zu der insgesamt dunkler werdenden Ästhetik und Stimmung der Serie, Schwarz trägt.

Grün ist die Farbe des Geldes und der Gier

Über die Farbe wird so eine logische Verknüpfung zwischen der Figur Skyler und dem mit Blau als Trademark eingefärbten Crystal Meth („My Baby Blue") manifest -- schließlich behauptet Walter White alles „nur für die Familie" zu tun. Dass dies ein Mythos ist und Walter ganz andere Gründe hat, wird in der Serie explizit auserzählt, aber es wird eben auch über die Farbsymbolik und- dramaturgie impliziert: In einer kurzen Szene in der Pilotfolge treffen Blau und Grün aufeinander; Es ist der Moment, in dem Walter, spätere Ereignisse vorausdeutend, ein blaues Fass vor sich herschiebt und sein Blick auf eine schöne, in einen teuren Wagen steigende und ein grünes Kleid tragende Frau mit Ähnlichkeit zu seiner Exfreundin Gretchen fällt.

Die Farbe des Kleides Grün deutet, wenn auch sublim, aber doch klar der dramaturgischen Logik folgend, auf den hinter dem amerikanischen „Familienschutz-Mythos" liegenden tatsächlichen psychischen Motor der Hauptfigur: Grün ist in BREAKING BAD die Farbe des Geldes und der Gier -- und sie deutet auf das wahre Urtrauma der Hauptfigur, welches sie bis zum bitteren Ende nicht aufhören lassen wird, grüne Dollarscheine anzuhäufen ...

VORTRAG VON CHRISTINE LANG

Christine Lang ist Filmemacherin, Dramaturgin und Kulturwissenschaftlerin.

Von ihr und Christoph Dreher erschien 2013 das Buch "Breaking Down Breaking Bad. Dramaturgie und Ästhetik einer Fernsehserie" im Fink Verlag.

Am 2. Juli 2014 hält Christine Lang in der SCHIRN um 19 Uhr einen Vortrag über Farben im populären Genre von TV-Serien anhand der amerikanischen Serie Breaking Bad.