09. Mai 2017

Anfang der 60er-Jahre ging ein Raunen durch Österreich: Drei Künstler, die sich die „Wiener Aktionisten“ nannten, schockierten und provozierten mit ihren radikalen Performances. Ein Vorbild war ihnen dabei Richard Gerstl.

Von Julia Schmitz

Günter Brus liegt ausgebreitet auf einer Leinwand auf dem Boden, sein ganzer Körper und sein Gesicht sind mit weißer, schleimiger Farbe beschmiert, sie tropft in dicken Klumpen von seinem Scheitel. Brus suhlt sich darin, sein Mund ist zu einem stummen Schrei geöffnet, mit Gabeln sticht er sich in die Augenlider und hindert sich daran, diese zu schließen. Es ist 1965 und die Wiener Gesellschaft empört und angeekelt. Ist das noch Kunst? Dass sich Brus mit seinen „Körperanalyseaktionen“ auf die klassische Malerei bezieht, wissen die meisten nicht.

Mit seinen Selbstbemalungen tritt Brus damals in die Fußstapfen des österreichischen Expressionismus von Egon Schiele und Oskar Kokoschka, doch er denkt weiter: Sein Ziel ist es nicht, sein persönliches Innerstes durch die Kunst auszudrücken, er arbeitet vielmehr an einer „Anatomie der Gesellschaft“ mit all ihren Gesetzen, Pflichten, Tabus und vor allem eines „etablierten Körperbildes“.

Der brutale Weg in die Freiheit

Dafür beschränkt er sich nicht auf Leinwand und Pinsel, sondern nutzt seinen Körper als Maluntergrund: Seine Selbstverstümmelungen stehen stellvertretend für die Verstümmelungen der Nachkriegsgesellschaft, die nicht den offenen Dialog über das Geschehene, sondern das schnelle Vergessen suchte – so dass sich das Unterdrückte einen anderen, brutaleren Weg hinaus ins Freie bahnen musste. Seine Performances sind ein lauter Schrei und ein Schlag ins Gesicht der damaligen Gesellschaft.

Günter Brus: "SELBSTVERSTÜMMELUNG" 1965, Wien, © Foto, Copyright by Günter Brus, Image via austria-forum.org

Wenn Günter Brus die Grenzen des eigenen Körpers auslotet, indem er sich in Farbe wälzt, sich schneidet und mit Seilen zu einem Paket verschnürt, führt er die Selbstdarstellung Richard Gerstls auf kompromisslose Art weiter. Gerstl selbst hatte nur Pinsel und Leinwand, die ihm als Hilfsmittel für den Ausdruck seiner inneren Verzweiflung diente. Ein dünn gemalter Hals, die überlangen Arme und die starrenden Augen im „Selbstbildnis als Halbakt“, sein fratzenhaftes Lächeln in „Lachendes Selbstbildnis“ waren seine Möglichkeit, die Zerrissenheit seiner Psyche darzustellen.

Verschiedene Funktionen des Körpers

Sein brutaler Selbstmord erscheint rückblickend als gut inszenierte Darstellung einer tragischen Persönlichkeit, die sich im Angesicht der gesellschaftlichen Umstände und Tabus zu keiner anderen Lösung im Stande sieht und mit einem letzten Aufschrei die Bühne verlässt.

Günter Brus: "AKTION IN EINEM KREIS" 1965, Wien, © Foto, Copyright by Günter Brus, Image via austria-forum.org

Sechs Jahrzehnte und zwei Weltkriege später nutzen die Wiener Aktionisten – Günter Brus, Otto Muehl, Hermann Nitsch und Rudolf Schwarzkogler - ihre Material- und Körperaktionen u.a. zum Abreagieren von unterdrückter Sexualität und für die offene Zurschaustellung von den verschiedenen Funktionen des Körpers, die allen Menschen gemeinsam sind und doch unter dem Mantel des Schweigens versteckt werden. Es geht dabei nicht um individuelles, sondern um das Allgemeingültige: „Der Mensch tritt nicht als Mensch, als Person, als Geschlechtswesen auf, sondern als Körper mit bestimmten Eigenschaften“, schreibt der Aktionist Otto Muehl zu einer Materialaktion im Jahr 1964.

Otto Mühl, Bimmel Bammel, 1965, Image via dreher.netzliteratur.net

Ziel ist es, die „Charakterpanzerung“ des Menschen aufzubrechen. Wilhelm Reich hatte Mitte der 1930er-Jahre den Begriff geprägt als ein Abwehrmuster im Menschen, welches auf der „erstarrten Lebensgeschichte“ und vor allem auf Erlebnissen aus der Kindheit beruht und einen fruchtbaren Nährboden für Neurosen und Psychosen bildet. Diese Panzerung zeige sich in muskulären Spannungen des Körpers, auch Mimik, Gestik und sei davon betroffen.

Der Spiegel innerer Kämpfe

Die Selbstbildnisse Richard Gerstls, allen voran das „Selbstbildnis als Halbakt“, wirken vor diesem Hintergrund wie die gemalte Definition der Reich'schen These. War sich Gerstl, der ja bestens mit der „Traumdeutung“ Sigmund Freuds vertraut war, seiner im Körper festgesetzten und sichtbaren Spannungen bewusst? Diente ihm die Leinwand als Spiegel für seine inneren Kämpfe oder lesen wir als psychoanalytisch geschulte Betrachter etwas in die Porträts hinein, was der Künstler gar nicht bezweckte?

Richard Gerstl, Selbstbildnis als Akt, 12. September, 1908, Leopold Museum, Wien

Während Gerstl mit dieser Panzerung leben musste und letztendlich keinen Ausweg als den Freitod sah, wissen die Wiener Aktionisten um ihre Auflösung. Allen voran setzt sich Aktionist Otto Muehl in seiner Kommune Friedrichshof das Ziel, diese Charakterpanzerung der Kommunarden durch die so genannte „Aktionsanalyse“ zu sprengen: Schreien, stampfen, weinen und das erneute Durchleben von Kindheitserfahrungen und mangelnder Zuneigung durch die Eltern helfen dabei, das starre Korsett aus Tabus aufzubrechen und sich als Mensch neu zu bewerten. Ein Akt der Befreiung, der vielleicht auch Gerstl hätte vor sich selbst bewahren können, wäre die Zeit schon dafür reif gewesen.