14. Januar 2015

Haschpfeifen, selbstironische Sprüche und chinesische Tageszeitungen: 1968 eröffnen Peter Roehr und Paul Maenz mit „Pudding Explosion“ ihren eigenen Headshop in Frankfurt.

Von Katharina Juliana Cichosch

Wo ist er nur geblieben, der Headshop? Im Duden sucht man ihn zwischen Skinheads und Headhuntern vergebens. Auch der Blick in die englischen und US-amerikanischen Wörterbücher enttäuscht: Zwar findet man hier eine kurze Definition, die beschränkt das Konzept aber auf den Verkauf von Haschpfeifen und ähnlichem Zubehör, das man für den Drogenkonsum benötigt.

Die spielten zwar auch in den Headshops von einst eine wichtige Rolle, die Mitte der 1960er-Jahre in Hippie-Hochburgen wie Haight-Ashbury in San Francisco oder im New-Yorker East Village zum Treffpunkt einer Generation wurden. Allerdings wollte man das Bewusstsein nicht allein durch illegale Substanzen erweitert wissen: Underground-Comics, selbst kopierte Magazine und kommunistische Zeitungen dienten als theoretischer Unterbau für die gesellschaftliche Revolution, die als Vision am Horizont schwebte. Dogmatische Pamphlete standen hier neben dem selbstironischen, schonungslos derben Humor eines Robert Crumb, dessen Geschichten voller sexueller Ausschweifungen noch heute das Potential haben, zartbesaitete oder moralisch weniger flexible Menschen tief zu schockieren.

Identitätsstiftende Erkennungszeichen gehörten ebenfalls dazu: Selbst bemalte T-Shirts und in Kleinstauflage produzierte Buttons waren die Vorgänger der heute professionell und in Serie hergestellten Schlaghosen, Hippieblusen und Mottoshirts. Überhaupt galt „Do it Yourself" als Losung der Stunde: Im Headshop gab es all das zu kaufen, was die Warenwelt sonst noch nicht kannte. In London eröffnete die sagenumwobene Boutique „Granny Takes A Trip", die Vintage-Bekleidung teils aus der Jahrhundertwende zu eigenen wilden Kreationen verarbeitete -- die bald von Bands wie Pink Floyd und The Who entdeckt wurden und einen regelrechten Hype auslösten. Was nicht vor Ort selbst hergestellt wurde, das kaufte man zumindest dort ein, wo andere nicht hinkamen -- und bot die Auswahl einer zunehmend wachsenden Kundschaft an, die begeistert war von der Möglichkeit, das neue Lebensgefühl in einem schillernd bunten Warenangebot eben auch: erwerben zu können.

„Pudding Explosion" und „Heidi loves you"

Die Welle der Gegenkultur schwappte sehr schnell auch nach Westeuropa: 1968 eröffnen Paul Maenz und Peter Roehr, der mit seinen strukturell aufgebauten Arbeiten in der aktuellen "German Pop"-Ausstellung vertreten ist, ein Geschäft im Frankfurter Holzgraben Nummer 9 -- „Pudding Explosion". Rund 60 Quadratmeter misst die Ladenfläche, und sie ist vollgestopft mit politischen Slogans und schönen Albernheiten, mit den obligatorischen Utensilien für den gepflegten Drogenkonsum, aber eben auch mit Stickern, Schmuck und Ausgaben der New Yorker „Village Voice" oder der „Peking Rundschau". Die Luft ist Räucherstäbchen geschwängert, 80 getaktete Glühbirnen leuchten im Wechsel und von den gestapelten Kartons blicken die Konterfeis von Hollywood-Ikonen wie von Revoluzzern. Bunte Brillen mit Prismenschliff sind „ideal für den LSD-Trip", wie Paul Maenz erklärt -- allerdings waren die Anfänge der Headshops noch sehr unschuldig, und von Drogen sprach man eher, als dass man sie tatsächlich in rauen Mengen konsumierte.

Noch im Februar desselben Jahres berichtet der Spiegel über Pudding Explosion, bezeichnet das Sortiment als eine Mischung „aus Pop und Popanz". Die kommt gut an: Innerhalb weniger Wochen war der Laden erst einmal leer gekauft -- er trifft offenbar den Nerv der Zeit. Für eine Ideologie, so Paul Maenz, wollten Peter Roehr und er sich aber nicht einspannen lassen. Auch bei „Pudding Explosion" ging es um das Neue, Andersartige -- die genauen Koordinaten mussten erst noch bestimmt werden. Das ebenfalls angebotene „Anti-Nazi-Spray" mit einer von Paul Maenz umgestalteten Verpackung inklusive Hakenkreuz steht sinnbildlich für die Verquickung aus überschwänglicher Albernheit und politischer Provokation, die bald sogar den Verfassungsschutz auf den Plan rufen sollte.

Nur wenige Monate später, im Mai 1968, eröffnet Paul-Gerhard Hübsch mit „Heidi loves you" einen weiteren Headshop in Frankfurt. Der Schriftsteller, Publizist und Politaktivist, der sich nach seinem Übertritt zum Islam später Hadayathulla nannte, ließ seine Vision von Love, Peace & Flower-Power nur einen Sommer lang in Laden-Form aufleben. Auch Pudding Explosion bleibt nur wenig länger geöffnet: Peter Roehr erliegt mit gerade einmal 23 Jahren seinem Krebsleiden, Paul Maenz führt den Laden noch eine Weile weiter. Als die ersten Revoluzzer-Plakate seriell gefertigt in den Drogerien um die Ecke zu finden sind, schließt auch der erste Headshops Frankfurt seine Türen.

Kollektive Bewusstseinserweiterung: gescheitert

Die Headshops von heute haben nur noch wenig mit ihren Namenspatronen von einst gemeinsam. Insofern liegen die aktuellen Lexika-Einträge vielleicht gar nicht so falsch: High-Tech-Haschpfeifen und ausgeklügelte Beleuchtungssysteme für den Heimanbauer sind hier zu finden, mitunter auch die die obligatorischen Hanf-Shirts und knallbunten Psychedelic-Plakate, die anno 2015 einen merkwürdigen Anachronismus verströmen. Und natürlich heißen sie auch anders: Dadaistische Albernheiten und verspielte Andeutungen sind allenfalls noch in Form schlechter Kifferwitze zu haben. Der ernüchterte Traum von der kollektiven Bewusstseinserweiterung findet seine Entsprechung in überraschend pragmatischen Namen: Statt „Pudding Explosion", „Granny Takes A Trip" oder „Heidi loves you" tragen die Läden von heute Attribute wie „Grow", „Hemp", „Bong" oder „High" im Namen. What you see is what you get.